Qualitätsdefizite bei der U 21 - Erneuter Appell des Trainers

Kuntz hat mit Löw nichts mehr zu besprechen

Stefan Kuntz (l.) mit Joachim Löw

Ihre Diskussionsrunden fallen derzeit weg: Stefan Kuntz (l.) und Joachim Löw. imago images

Mit Blick auf seinen aktuellen Kader hatte Kuntz vergangene Woche eine deutliche Mahnung formuliert: "Es brennt mehr als nur eine rote Lampe. Die Spielpraxis und die Höhe der Spielklassen sollte uns zu denken geben. Auf Dauer reicht das nicht." Der 57-Jährige warnte eher vor der Zukunft, weil er mit seiner seit September neu formierten Mannschaft zufrieden war - trotz der wenigen Bundesliga-Profis und der ausbaufähigen Einsatzzeiten in den Vereinen. Tatsächlich hatte die U 21 im Test gegen Griechenland (2:0) und in den EM-Qualifikationspartien in Wales (5:1) und Bosnien-Herzegowina (2:0) ordentliche bis gute Leistungen gezeigt und obendrein im Testvergleich bei Europameister Spanien (1:1) positiv überrascht.

Kapitän Eggestein enttäuscht einmal mehr

Im ersten Quali-Heimspiel auf dem Weg zur EM-Endrunde 2021 in Slowenien und Ungarn wurde allerdings deutlich, dass das Qualitätsproblem der U 21 bereits aktuell ist. Dynamische und geradlinige Belgier düpierten die Gastgeber in Freiburg ein ums andere Mal und siegten letztlich verdient mit 3:2. Kuntz berief alle sechs Bundesliga-Feldspieler in die Startelf, die ihm derzeit lediglich zur Verfügung stehen. Während allen voran Torschütze Nico Schlotterbeck (Freiburg), der jedoch auch einen Elfmeter verursachte, Ridle Baku (Mainz), Lukas Nmecha (Wolfsburg) und Dennis Geiger (Hoffenheim) trotz einiger Fehler auch positiv in Erscheinung traten, enttäuschte einmal mehr Kapitän Johannes Eggestein (Bremen) sowie diesmal auch Luca Kilian (Paderborn).

Zusammen mit Bochums Vitaly Janelt, der im Verein stets im Mittelfeld spielt, bildete Kilian die Innenverteidigung, an diesem Nachmittag gleichbedeutend mit der deutschen Achillesferse. Mehrmals ließen sich die beiden, die in den bisherigen Spielen verlässliche Säulen waren, vor allem vom pfeilschnellen Lois Openda vorführen und schienen während des Spielverlaufs auch nichts aus ihren Stellungsfehlern und ihrem mangelhaften Zweikampfverhalten zu lernen. Openda war mit zwei Toren und dem Assist zu Belgiens Führungstor der alles überragende Mann auf dem Platz.

"Die Belgier sind mehr Zweikämpfe auf hohem Niveau gewohnt"

Kuntz erklärt das schwache Defensivverhalten, das auch weitere Akteure an den Tag legten, mit der mangelnden Spielpraxis: "Darin sieht man am meisten, dass der eine oder andere Belgier mehr Spiele hat. Die sind mehr Zweikämpfe auf hohem Niveau gewohnt. Die Zweikampfstärke holt man sich in den Spielen." Auf das Innenverteidiger-Duo trifft das aber nur bedingt zu. Während Janelt zwar die letzten drei Spiele auf der Bank schmorte, davor jedoch zehn Startelfeinsätze am Stück verzeichnete, absolvierte Kilian die sechs vergangenen Paderborner Partien jeweils über die volle Distanz.

Bei manchen, wie Eggestein (7 Einsätze/4 davon in der Startelf), Nmecha (6/1) sowie Schalkes Ersatzkeeper Markus Schubert, der insgesamt einen unsicheren Eindruck hinterließ und vor allem beim ersten Gegentor aus spitzem Winkel keine gute Figur machte, zieht das Argument der fehlenden Spielpraxis. Bei Profis wie Adrian Fein (13/13) ist es hingegen ein Rätsel, wieso sie ihre guten Leistungen aus dem Ligabetrieb nicht auch im DFB-Dress zeigen. Der Mittelfeldspieler des HSV ist mit einem kicker-Notenschnitt von 2,7 einer der Topspieler der 2. Liga, enttäuschte bei der U 21 zuletzt aber ebenso wie Kiels Stürmer Janni Serra (11/9) und Nürnbergs Flügelmann Robin Hack (13/12).

"Die Ergebnisse waren einen Tick besser als vor zwei Jahren", betont Kuntz

Kuntz versucht seine Schützlinge so gut es geht in Schutz zu nehmen: "Nach der ersten Enttäuschung können wir auch ein bisschen stolz sein auf die Leistungen vorher, vor allem in Relation zu den aktuellen Spielanteilen. Die Ergebnisse waren bis dato sehr gut und sogar einen Tick besser als vor zwei Jahren."

Im November 2017 stand die Generation um den späteren EM-Torschützenkönig Luca Waldschmidt, die im zurückliegenden Sommer den Vize-Titel holte, bei sechs Spielen. Neben Siegen gegen kleine Nationen wie Kosovo (1:0), zweimal Aserbaidschan (6:1, 7:0) und Israel (5:2) hatte das Team sowohl einen Test gegen Ungarn (1:2) und das Quali-Spiel in Norwegen (1:3) verloren.

Mit Jogi Löw war es manchmal wie auf dem Handel: 'Du nimmst den, dafür behalte ich den.'

Stefan Kuntz

Es ist also noch Zeit für positive Entwicklungen, Kuntz setzt ohnehin auf den Lerneffekt aus dem Belgien-Spiel. Im vorherigen Team fanden sich jedoch noch einige Akteure aus der Europameister-Mannschaft von 2017, von den aktuellen Akteuren hat nur Nmecha 2019 schon ein paar EM-Minuten absolviert. Die Lage in der ältesten Junioren-Auswahl ist also alles andere als zufriedenstellend.

Das hat naturgemäß Auswirkungen auf die Kommunikation des U-21-Coaches mit dem Bundestrainer. "Leider fallen meine Diskussionsrunden mit Jogi Löw vor den Nominierungen komplett weg. Da war es manchmal wie auf dem Handel: 'Du nimmst den, dafür behalte ich den.' Letztlich wollen wir A-Nationalspieler entwickeln, und Jogi Löw entscheidet am Ende, aber wir hatten wenigstens etwas zu sprechen", sagt Kuntz ernüchtert und stellt fest: "Jetzt wäre Kai Havertz der einzige, der noch bei uns spielen könnte. Daran kann man objektiv die Situation sehen, ohne dass jemand von uns rumheult."

Kuntz will niemanden "anklagen", sondern sieht viele Ursachen

Nein, weinen muss deshalb niemand in Fußball-Deutschland. Aber es ist höchste Zeit zu handeln. Kuntz betont auch nochmals, dass er keine Schuldigen sucht: "Es ist keine Anklage, wo du sagen kannst, der und der, die sind schuld, dass keine deutschen Spieler spielen. Entweder sind sie nicht gut genug, nicht gut genug ausgebildet oder der Verein setzt nicht auf sie - es gibt viele Ursachen", erklärt der frühere Torjäger und formuliert einen klaren Auftrag: "Es ist die Aufgabe der Kommission Fußball und für alle anderen, zu vermeiden, dass es in den kommenden Jahren so weitergeht."

Eine Gegenmaßnahme hat er schon beobachtet: "Es ist ein kleiner Trend erkennbar, dass einige Jungs in die Niederlande wechseln, um dort Spielpraxis zu sammeln." Aus dem aktuellen Aufgebot spielen Orestis Kiomourtzoglou (Heracles Almelo) und Ragnar Ache (Sparta Rotterdam, schon seit der Jugend) in der Eredivisie. Auch sie bestätigen Kuntz' Lieblingsargument mit der Spielpraxis.

Die "Legionäre" um Ache machen einen erfrischenden Eindruck

Stürmer Ache (11 Startelfeinsätze/5 Tore), der direkt bei seinem DFB-Debüt gegen Belgien traf, hinterließ nach seiner Einwechslung wie die weiteren im Ausland angestellten Joker Kiomourtzoglou (12/1) und Mergim Berisha (13/5 für Altach in Österreich) einen erfrischenden Eindruck. Spannend, ob die Legionäre im März, wenn ein Test gegen Österreich und das Rückspiel gegen Wales anstehen, den einen oder anderen bisherigen Stammspieler verdrängen können. Vielleicht führt das zumindest kurz- bis mittelfristig zu mehr Qualität in der U 21.

Carsten Schröter-Lorenz

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