Debütanten beim Saisonstart in der Formel E

Porsche und Mercedes - die Spannung steigt

André Lotterer im neuen Porsche für die Formel E.

André Lotterer im neuen Formel-E-Porsche. imago images

Irgendwann gab es niemanden mehr, der noch mitzählen konnte. Doch nach mehr als 30.000 Rennsiegen, nach acht WM-Titeln auf der Langstrecke, deren drei in der Formel 1 (als Motorenlieferant von McLaren), nach 19 Triumphen bei den 24 Stunden von Le Mans oder zwei Siegfahrten bei der mörderischen Rallye Dakar konnte da kaum etwas sein, was Porsche im Motorsport nicht schon erlebt hätte. Und doch markiert das bevorstehende Wochenende einen spürbaren Einschnitt für die an Erfolgen überreiche Ära der Sportwagenschmiede aus Zuffenhausen. Mit dem Eintritt in die Formel E schlagen die Schwaben ein vollkommen frisches Kapitel in ihrer Rennsporthistorie auf.

Seit 24 Monaten haben die Ingenieursheere am Motorsportstammsitz in Weissach nahezu alle Kraft in den Formel-E-Einstieg gelegt. Er kommt zu einer Zeit, in der auch ein klassischer Traumwagenproduzent nicht länger die Augen verschließen kann vor den Anforderungen einer neuen mobilen Zukunft - ob es je eine so heiße Liebe werden wird wie in den bald sieben zurückliegenden Jahrzehnten, das freilich kann niemand beantworten.

Vier deutsche Automobilbauer am Start

Zweifellos jedoch ist es eine Anforderung der Zeit, welcher sich auch der in Stuttgart ortansässige Lokalrivale Mercedes nicht länger entziehen kann. Nach einem Lehrjahr in der Formel E, absolviert mit Technik des monegassischen Partners Venturi und beendet auf Rang neun unter elf Teilnehmern, prangt nun der Stern auf dem in der Mercedes-Formel-1-Motorenzentrale im englischen Brixworth entstandenen Auto. Als Mercedes-Benz EQ Formula E Team geht die bisher HWA Racelab genannte Mannschaft an den Start - das allein reicht, um den Druck noch einmal um ein Vielfaches zu erhöhen. Mit den schon seit Beginn der Formel E im Jahr 2014 dort engagierten Weltmarktkonkurrenten Audi sowie BMW (ab 2017) stehen die deutschen Automobilbauer in der ersten Reihe.

In einer Serie, die aus Kosten- und Vernunftsgründen wesentliche Teile des Autos für alle verbindlich vorschreibt und im Prinzip den Rennwagenerbauern lediglich beim Thema Antrieb deutliche Freiheiten einräumt, können (und müssen wohl auch) größere Unterschiede vonseiten der Fahrer kommen. BMW vertraut neben dem bisher schon eingesetzten Briten Alexander Sims (31) auf den Allgäuer Maximilian Günther (22), eine junge Nachwuchshoffnung, von der nicht wenige hoffen, er werde eines Tages doch das drohende Loch füllen können, wenn erst einmal auch Sebastian Vettel in den Rennfahrerruhestand getreten sein wird.

Porsche baut auf Jani und Lotterer

Mercedes ersetzt den im Premierenjahr insgesamt enttäuschenden Engländer Gary Paffett durch den jungen niederländischen Formel-2-Champion Nyck de Vries (24), Ex-Formel-1-Fahrer Stoffel Vandoorne (27) bleibt ein weiteres Jahr an Bord. Audi ändert nichts und setzt im sechsten Jahr auf die Paarung aus dem Brasilianer Lucas di Grassi (35) und dem Kemptener Daniel Abt (26). Porsche bediente sich im eigenen Werksfahrerportfolio, schon seit geraumer Zeit standen der Schweizer Neel Jani (35) und der Duisburger André Lotterer, der am heutigen Dienstag seinen 38. Geburtstag feiert, als Fahrer fest.

Lotterer: "Formel E ist volles Racing"

Lotterer bringt die Erfahrung aus 25 Formel-E-Einsätzen mit und wirkt damit wie der gefühlte Kapitän. Er, der bei seinen drei Le-Mans-Triumphen stets zuständig war für kleine Wunder am Lenkrad, sieht in der Formel E große Chancen, sich als Fahrer hervorzutun und den Unterschied am Ende tatsächlich herbeizuführen. Den Anteil aus Auto und Fahrer sieht er "bei 50:50, eher sogar noch mehr in Richtung der Fahrer". Kritik an mangelnden Komponenten wie dem fehlenden Motorenlärm wischt er kurzerhand vom Tisch: "Klar ist das Racing, Formel E ist volles Racing. Das ist Racing, bei dem du auch noch Gehirn brauchst." Insbesondere in den Sekunden nach dem Rennstart auf den engen Straßenkursen: "Am Start ist Überleben, das ist echter Boxkampf." Ring frei zu Runde 1.

Stefan Bomhard