Nationalelf

Trotz Qualifikation: Noch viele Baustellen für Löw

Kommentar zum 4:0-Sieg des DFB-Teams

Trotz Qualifikation: Noch viele Baustellen für Löw

Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw löste mit der DFB-Auswahl das EM-Ticket. imago images

Ein Kommentar von kicker-Chefreporter Oliver Hartmann aus Mönchengladbach

Denn Umbruch hin oder her: Wenn fast die Hälfte aller Mitgliedsverbände bei einem Turnier starten dürfen, sollte es eine Fußball-Nation wie Deutschland als Selbstverständlichkeit erachten, dass sie die Vorausscheidung souverän übersteht.

Das vorletzte Gruppenspiel im stimmungsarmen Mönchengladbacher Borussia-Park konnte keine nennenswerten Aufschlüsse über den Leistungsstand der DFB-Formation geben. Dafür war der auf Rang 86 der FIFA-Weltrangliste notierte Gegner einfach kein Maßstab, der Leistungsunterschied zwischen beiden Seiten zu eklatant. Überzeugend war der deutsche Auftritt trotz Dauerdominanz allerdings weder vorne noch hinten, was auch dadurch belegt wird, dass zwei der ersten drei Treffer wegen Abseits gar nicht hätten zählen dürfen und Manuel Neuer zweimal großartig parieren musste. Erst verhinderte er damit einen Rückstand, später mit dem vereitelten Strafstoß den 1:3-Anschlusstreffer. Das größte Überraschungsmoment im Spiel war eine auffällig gekleidete Blaskapelle, doch auch deren Luft reichte an diesem Abend nicht für 90 Minuten.

Das Spiel gegen Nordirland ist nicht komplett bedeutungslos

Die Partie am Dienstag gegen Nordirland ist nun zwar für die Direktqualifikation nicht mehr relevant, bedeutungslos für die Ausgangslage beim Turnier aber ist sie deshalb nicht. Mit einem Sieg wäre garantiert, dass die DFB-Auswahl bei der Auslosung am 30. November in Bukarest als einer der acht Gruppenköpfe gesetzt wird. Das sollte Motivation genug sein, auch in der Commerzbank-Arena voll zur Sache zu gehen. Das ist die Mannschaft allein schon den rund 37.000 Fans schuldig, die sich bereits im Vorfeld ein Ticket gesichert haben.

Die Gladbacher Kulisse wird dem DFB zu denken geben

Oliver Hartmann

kicker-Chefreporter Oliver Hartmann kicker

Im Gladbacher Borussia-Park blieben wie erwartet über 10.000 Plätze frei, ein Anblick, der den DFB-Oberen zu denken geben muss. Gemessen an den absoluten Zahlen kamen in der Ära Löw im Schnitt nie so wenige Zuschauer zu deutschen Heimspielen wie in diesem Jahr. Ein Selbstläufer ist die Nationalmannschaft schon lange nicht mehr, und ihre Führungsfiguren tun nach wie vor zu wenig, die Gunst des Publikums zurück zu gewinnen. Die Menschen in Mönchengladbach und der näheren Umgebung sind verständlicherweise pikiert darüber, dass sie das Stadion füllen sollen, wo Löw doch das rund 30 Kilometer entfernte Düsseldorf als Ort für die Vorbereitung vorzog. Mit einem Abschlusstraining im Borussia-Park, alternativ einer Pressekonferenz von Löw bei der Kaderbenennung oder in der Vorbereitungswoche, hätte man da eine Geste des guten Willens zeigen können.

Nach dem Nordirland-Spiel bleiben Löw noch gut sechs Monate und zwei Testspiele, ehe er seinen erweiterten Kader für die unmittelbare EM-Vorbereitung in Seefeld benennen muss. Das ist arg wenig Zeit angesichts der auch am Samstag wieder offensichtlichen vielen Baustellen in diesem allzu schleppend vorangehenden Verjüngungsprozess. Die ständigen Personalprobleme, allen voran die schweren Verletzungen der als künftige Schlüsselspieler eingestuften Niklas Süle, Leroy Sané und inzwischen auch Antonio Rüdiger erschweren das Finden einer Mannschaft und die Herausbildung einer Hierarchie enorm. Andere Nationen, etwa die Franzosen, Engländer und Niederländer, sind diesbezüglich viel weiter als Löw und sein Personal.