Nationalelf

Bierhoff: "Wir laufen nicht vorneweg in der Entwicklung"

Manager über den Umbruch und die Wahrnehmung der DFB-Auswahl

Bierhoff: "Wir laufen nicht vorneweg in der Entwicklung"

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff.

Fordert Geduld mit dem Umbruch bei der DFB-Auswahl ein: Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. imago images

Zunächst handelte Bierhoff das Sportliche ab, sagte, dass "die Mannschaft die Qualifikation zur EM am besten schon im ersten Spiel gegen Weißrussland klarmacht". Ein bisschen ist die deutsche Elf dabei vom Parallelspiel abhängig, denn die punktgleichen Niederländer treten am Samstagabend gleichzeitig in Nordirland an, das drei Punkte hinter dem Führungsduo liegt. Am letzten Spieltag empfängt dann die DFB-Elf die Nordiren - im direkten Vergleich hat Deutschland mit 2:0 vorgelegt.

"Auf Niklas Süle haben wir natürlich schon sehr gebaut, auf Leroy Sané auch"

Die Stirn in Falten legte Bierhoff natürlich angesichts der vielen Verletzungen während des Länderspieljahres, die den vorangetriebenen Umbruch erschwerten. "Auf Niklas Süle haben wir natürlich schon sehr gebaut, auf Leroy Sané auch. Deswegen werden wir weiterhin Geduld brauchen", so Bierhoff, der nach Süles Aus speziell in der Defensivreihe "nicht den einen Spieler" sieht, der "heraussticht", vielmehr müsse die Mannschaft das Defensivverhalten in "ihrer Gesamtheit" angehen. Dennoch hoffe er, dass es "alle zur EM schaffen" und dass dann auch Spieler wie Julian Draxler, Thilo Kehrer oder Antonio Rüdiger in ihren Vereinen konstanter spielen.

Positiv vermerkte Bierhoff, dass angesichts der vielen verletzungsbedingten Absagen das Trainerteam um Joachim Löw "nicht den Kopf in den Sand steckte, sondern kreative Lösungen wie Robin Koch" präsentierte.

Der Körpereinsatz in internationalen Spielen ist ein ganz anderer als in der Bundesliga.

Oliver Bierhoff

Gerade hinsichtlich der Frischlinge gab Bierhoff allerdings zu, dass eine gewisse Eingewöhnungsphase an das höhere Niveau bei der Nationalmannschaft vonnöten war. "Der Körpereinsatz in internationalen Spielen ist ein ganz anderer als in der Bundesliga, deshalb sehe ich es positiv, dass die jüngeren Spieler auch in der Champions League Erfahrungen sammeln, denn das macht sie stärker und robuster", so Bierhoff weiter.

Für die Spiele sind bislang 30.000 bzw. 37.000 Tickets abgesetzt

Des Weiteren gab Bierhoff Einblick in Analysen des DFB rund um das Erscheinungsbild der Nationalmannschaft; die sinkenden Zuschauerzahlen bei Spielen der Nationalelf waren genauso ein Thema wie das Verhalten der Nationalspieler in den sozialen Medien. Im internationalen Zuschauer-Vergleich aller Nationalmannschaften stünde die DFB-Auswahl "noch immer ganz vorne, zumal wir eine Auslastung von über 90 Prozent haben, womit wohl auch die meisten Bundesligisten zufrieden wären", zeigte sich Bierhoff zufrieden. Die anstehenden Quali-Heimspiele bringen diese Quote allerdings in Gefahr: Für die Partie gegen Weißrussland in Mönchengladbach sind rund 30.000, für die gegen Nordirland in Frankfurt rund 37.000 Tickets abgesetzt.

Der Fußball muss bleiben, was er immer war: ein Volkssport für alle.

Leon Goretzka

Kritischere Worte zum Thema Zuschauerrückgang fand DFB-Kapitän Manuel Neuer, der neben den "späten Anstoßzeiten" und dem "nicht so schönen Wetter im November" vor allem die Vielzahl der Spiele für das gewachsene Desinteresse verantwortlich machte. "Es gibt jetzt viele Wettbewerbe, bei den Klubs, aber auch bei den Nationalmannschaften. Als Fußballfan wird man mit immer mehr Fußball befeuert. Das ist auch ein bisschen der Unterschied zu früher", so der Keeper. Leon Goretzka dagegen sieht vor allen die Mannschaft in der Pflicht, denn "wir können die Leute mit attraktivem Fußball ins Stadion locken". Der aus Bochum stammende Mittelfeldspieler fordert zudem, dass "der Fußball bleiben muss, was er immer war: ein Volkssport für alle".

Nachdem zuletzt Emre Can und Ilkay Gündogan wegen ihrer Likes zum militärischen Gruß türkischer Nationalspieler in der Kritik standen, hat die DFB-Führung ihren Wertekodex aufgefrischt, denn laut Bierhoff hat das "die Stärke und Sympathie der Nationalmannschaft ausgemacht". Dieser Kodex - bestehend aus den drei Säulen Toleranz, Verantwortung und Respekt - soll zukünftig auf alle Mannschaften des DFB übertragen werden. In Bezug auf die Social-Media-Aktivitäten der Nationalspieler bat Bierhoff um entsprechende Vorsicht, denn "Nationalspieler ist man 365 Tage im Jahr und das, was gepostet wird, hat Wirkung".

Sportlich sieht Bierhoff die Nationalmannschaft in den nächsten Monaten ebenfalls in der Pflicht. Nach der langen Phase der Begeisterung, die für Bierhoff mit der Heim-WM 2006 begann, "müssen wir wieder mehr tun, um das Niveau halten zu können". Der Umbruch des gestürzten Weltmeisters ist in vollem Gange, Bierhoff wirbt um weitere Geduld für diesen Prozess, denn er weiß: "Wir stehen erst am Startpunkt, wir laufen nicht vorneweg in der Entwicklung."

bst

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