Warum dem BVB-Profi der erste Karriereknick droht

Die Kritik nimmt zu: Sancho auf Irrwegen

Jadon Sancho

Früher Feierabend in München: Jadon Sancho bei seiner Auswechslung in der 36. Minute. picture alliance

Zügigen Schrittes, ohne einen Blick zur Seite und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, verließ Jadon Sancho am Samstag wortlos um 20.47 Uhr den Ort des Schreckens. Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen. Nur schnell weg aus der Münchner Arena. Kein Wunder nach dieser Vorstellung, die ihm die kicker-Note 6,0 einbrachte. 36 Minuten lang nur stand er gegen den FC Bayern auf dem Feld, dann nahm Lucien Favre den 19-Jährigen herunter. Nicht etwa, weil der Senkrechtstarter der vergangenen anderthalb Jahre weiterhin durch eine gegen Inter Mailand zugezogene Zerrung gehandicapt gewesen wäre. Sondern weil er gegen den Rekordmeister enttäuschte. Und das auf ganzer Linie.

In München sollte Sancho Davies unter Druck setzen - es passierte das Gegenteil

Der Dribbler sollte eigentlich Bayerns Youngster Alphonso Davies unter Druck setzen, ihn zu Fehlern zwingen und um seine offensiven Qualitäten bringen. Doch genau das Gegenteil passierte. Sancho ging im direkten Duell gegen seinen pfeilschnellen Konkurrenten unter, verlor insgesamt neun seiner zwölf Zweikämpfe an diesem Abend und leistete sich in seiner kurzen Spielzeit 13 Ballverluste - darunter jener folgenschwere, der das 0:1 und damit das 0:4-Debakel des BVB einleitete.

Tief in der eigenen Hälfte ließ sich Sancho zu einem Dribbling gegen Davies und Thomas Müller hinreißen und verlor dabei den Ball. Fast noch schlimmer allerdings war, wie er den folgenden Zweikampf gegen Joshua Kimmich schlicht verweigerte. Diva-Gehabe statt Malocher-Mentalität. Favre, der sich das immer schlimmer werdende Schauspiel noch weitere 15 Minuten lang anschaute, ehe er zur Höchststrafe eines Trainers griff, blieb keine andere Wahl, als noch vor der Pause zu reagieren.

Favres Breitseite nach der Höchststrafe - Sanchos Geistesblitze sind gerade die Ausnahme

Den Welpenschutz für das Supertalent hatte der BVB-Trainer bereits vor Wochen aufgehoben, als er Sanchos verspätete Rückkehr vom Nationalteam mit einer vorübergehenden Suspendierung ahndete. In München nun wurde es dem Schweizer abermals zu bunt. Favre verzichtete darauf, den Hochbegabten in Schutz zu nehmen. Er sagte stattdessen klipp und klar: "Heute war es einfach nicht gut genug." Es war eine Breitseite, abgefeuert gegen einen Spieler, der zwar noch keine 20 Jahre alt ist, aber sich längst dem Kreis der Besten zugehörig fühlt.

Immer offensichtlicher wird derzeit, dass sich Sancho seit einiger Zeit nun schon auf Irrwegen befindet - und sich immer weiter vom richtigen Pfad entfernt. Neun Scorerpunkte in neun Liga-Spielen (drei Tore, sechs Assists) sind zwar nach wie vor eine starke Quote. Acht davon allerdings sammelte er an den ersten fünf Spieltagen. Danach gelang ihm in der Liga nur noch beim 2:2 in Freiburg eine Vorlage, als er mit Wut im Bauch von der Ersatzbank kam. Positive Ausreißer - wie sein Geistesblitz vor Achraf Hakimis Siegtreffer zum 3:2 gegen Mailand unter der Woche - sind immer häufiger die Ausnahme, nicht mehr die Regel.

Klubintern wird Sanchos Hang zur Arroganz kritisch registriert

Sein Auftreten abseits des Rasens korrespondiert mit der schwächer werdenden Form allerdings nicht. Kritisch wird klubintern registriert, welchen Hang zur Arroganz Sancho inzwischen kultiviert hat und wie wenig er sich an Regeln hält, die eigentlich für alle Mitglieder eines Teams gelten sollten. Gänzlich neu ist das nicht. Bereits in seiner ersten Saison in Dortmund fiel er wiederholt durch Zuspätkommen auf und wurde dafür sanktioniert, etwa durch eine vorübergehende Strafversetzung in die U 23 des BVB. Nachhaltige Besserung erzielten diese disziplinarischen Maßnahmen bislang nicht.

"Jadon ist schnell groß geworden und muss noch ein paar Dinge lernen", sagte Sportdirektor Michael Zorc zuletzt über Sancho, den er als "guten Jungen" bezeichnete und sich damit öffentlich vor ihn stellte. Sancho allerdings sollte zügig lernen - sonst droht ihm der erste größere Knick seiner noch immer jungen Karriere.

Umfrage: Wer ist der wahre Herausforderer des FC Bayern?

Matthias Dersch

So lange stehen die BVB-Profis unter Vertrag