Vor dem Spiel der DFB-Frauen in Wembley

Rekordverdächtig

Alexandra Popp

Nach Bänderris vor zwei Wochen steht Alexandra Popp der DFB-Elf bereits wieder dem DFB-Team zur Verfügung. imago images

Aus London berichtet Martin Gruener

Phil Neville war mit Manchester United sechsmal Meister und 1999 sogar Triplesieger, nun aber erwartet er "einen der stolzesten Momente meines Lebens". Der Trainer von Englands Frauen-Nationalelf ist ähnlich wie seine deutsche Kollegin Martina Voss-Tecklenburg elektrisiert von dem, was da an diesem Samstag (Anstoß 18:30, LIVE! bei kicker.de) kommen soll. Ausverkauftes Haus in Wembley, das Highlight am Ende eines Länderspieljahres, das für die deutsche Mannschaft insgesamt enttäuschend verlief, weil sie bei der WM schon im Viertelfinale ausgeschieden war. Gegen den WM-Vierten England kann nun doch noch ein erinnerungswürdiger Abschluss gelingen.

Draußen dröhnen noch die Baumaschinen, weil im Wembley-Park rund um die Arena immer neue Appartementhäuser in die Höhe wachsen. Drinnen im Stadion liegen auf den roten Sitzen beim Abschlusstraining des DFB-Teams schon die englischen Fähnchen für den nächsten Tag bereit. 90.000 Karten wurden unters Volk gebracht, teils stark ermäßigt, Jugendliche unter 16 Jahren zahlten nur ein Pfund. Kommen auch wirklich alle, was jedoch keineswegs gewiss ist, könnte der Europarekord fallen.

"Historisch" und "eine große Ehre" sei dieses Duell, sagt Alexandra Popp. Deutschlands Kapitänin ist mit dabei, nur zwei Wochen nach einem Bänderriss im Knöchel hatte sich die Wolfsburger Stürmerin schon wieder zurückgemeldet. Auch Fritz Keller will sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. Der DFB-Präsident führt die hochkarätig besetzte Delegation in London an, was Voss-Tecklenburg besonders freut: "Das ist ein Zeichen dafür, dass der Frauenfußball im DFB wertgeschätzt wird."

Martina Voss-Tecklenburg

Freut sich über große Wertschätzung durch den Verband: DFB-Trainerin Martina Voss-Tecklenburg. imago images

Rund um das Spiel finden zahlreiche Arbeitsgespräche statt, man will ergründen, wie der englische Verband den Sport nach vorn zu bringen versucht. Unter anderem natürlich dadurch, weil die großen Vereine verstärkt in den Frauenfußball investieren. Mit Leonie Maier (FC Arsenal) und Pauline Brehmer (Manchester City) spielen auch zwei deutsche Nationalspielerinnen in der Super League. "Der Weg, der in England gegangen wird, ist gut", sagt Voss-Tecklenburg. Sie wünscht sich auch in der Bundesliga ein stärkeres Engagement der Zugpferde im Männerfußball, und zwar mit "größerer Häufigkeit und mehr Ernsthaftigkeit" als dies bislang der Fall sei.

Ihr Team jedenfalls befindet sich in Topform. 5:0, 8:0, 8:0, 10:0 lauteten die Ergebnisse in der EM-Qualifikation seit August, die Engländerinnen hingegen gewannen von ihren letzten fünf Partien nur eine einzige, was Coach Neville in der Öffentlichkeit bereits unter Druck setzt. Ob das deshalb ein eher unfreundliches Freundschaftsspiel werde? "Wahrscheinlich schon", sagt Englands Ellen White mit einem Lachen. Denn auch sonst spricht die Bilanz im Duell mit den Lionesses klar für Deutschland: 25 Spiele, 20 Siege, 4 Remis und nur eine Niederlage im Spiel um Platz 3 bei der WM 2015. Langweilig war es ohnehin nie, im Schnitt fielen über drei Tore pro Partie.

Und nun soll auch noch die gigantische Kulisse für ein Spektakel sorgen. Vor fünf Jahren in Wembley waren noch gut 45.000 Zuschauer beim Duell der beiden Teams, das zwar die Deutschen 3:0 gewannen, für die Engländerinnen aber noch immer der Zuschauer-Höchstwert für ein Heimspiel ist. Der Europarekord liegt bisher bei gut 80.000 Zuschauern beim Olympia-Finale 2012 in Wembley, als die USA mit 2:1 gegen Japan gewannen. 90.185 Fans waren es beim Weltrekord 1999, dem WM-Finale im Rose Bowl Stadium in Pasadena zwischen den USA und China (US-Sieg im Elfmeterschießen) sowie dem direkt davor stattfinden Spiel um Platz 3 (Brasilien schlug Norwegen). Fällt am Samstag die kontinentale Bestmarke, wäre es in Zeiten des Brexit zumindest ein kleiner Sieg des Vereinigten Königreichs über Europa.

Martin Gruener