Wie und noch vor Legende Diego Maradona in Neapel

Donnerschläge über Sardinien: Luigi "Gigi" Riva wird 75

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Eine Legende des italienischen Fußballs - und ein gefeiertes Idol bei Cagliari Calcio: Luigi "Gigi" Riva. imago images

An jenem Nachmittag im Oktober 1970 schien Luigi Riva, bester Stürmer Italiens, beinahe alles mit dieser Wucht zu tun, die ihn schlicht von anderen Angreifern abhob. Ein fulminanter Freistoß ins rechte untere Eck, ein Doppelpass per Außenrist, ein Sprint, ein zweiter Linksschuss aus spitzem Winkel genau neben den Pfosten. 3:1 in San Siro, gegen seinen Traumklub Inter.

An jenem Nachmittag im Oktober 1970 gab Journalist Gianni Brera, Augenzeuge dieses wiederholten Spektakels, Riva endlich einen treffenden Spitznamen: "Il Rombo di Tuono". Übersetzt heißt das Donnergrollen. Oder Donnerschlag. Ein Grollen, wenn der athletische Linksfuß unwiderstehlich antrat; ein Schlag, wenn Riva mit seinem starken Bein abzog - nicht nur einmal sollen die steinharten Spielgeräte dieser Zeit dabei sogar geplatzt, förmlich explodiert sein. Noch in jenem Oktober 1970 würde es einen weiteren Schlag lassen.

Die Eltern sterben, Jugend im Heim

Knapp 20 Jahre zuvor hatte der kleine "Gigi" schon einmal am Scheideweg gestanden. Sein Vater war bei einem Arbeitsunfall verstorben, die Zukunft der ohnehin armen Familie war ungewiss. Schließlich wurden er und seine Schwester Fausta in ein Heim gegeben, die Mutter hätte sie nicht ernähren können. Auch sie verstarb schließlich, bevor Gigi volljährig wurde.

Dessen Zufluchtsort war der Fußball. Der Mittelpunkt seines Lebens - auch, als er bereits am Fließband stand und für einen eigenen Verdienst malochte. Viele begabte Talente werden in unteren Ligen vergessen - doch einen solchen Antritt, eine solche körperliche Kraft und einen derartigen linken Fuß konnte keiner übersehen.

Es war, als fliege man nach Afrika.

Luigi Riva über seine Ankunft auf Sardinien

Mit 18 wurde Riva, zuvor ein regelrechter Wandervogel, von Drittligist AC Legnano fest verpflichtet - plötzlich eröffnete sich die Möglichkeit, aus der Leidenschaft einen Beruf zu machen. Der drahtige 1,80-Meter-Stürmer trug seinen Teil zum sofortigen Aufstieg Legnanos bei und war Fußball-Italien auch wegen starker Auftritte in den Junioren-Nationalmannschaften bald ein Begriff.

Ikone Herrera glaubt nicht an ihn

Nach nur einem Jahr in den höheren Spielklassen streckten bereits prominentere Vereine ihre Fühler aus - Gigis Traumklub Inter Mailand hatte jedoch kein Interesse: Dessen Trainer-Ikone Helenio Herrera glaubte nicht, dass Riva der Sprung zum Vollprofi gelingen würde. Dieser schoss derweil Zweitligist Cagliari Calcio, der sich intensiv um den Teenager bemüht hatte, erstmals in der Vereinsgeschichte in die Serie A. Ursprünglich hatte Riva sich den armen und national eher ungeliebten Sarden nur sehr widerwillig angeschlossen: "Es war, als fliege man nach Afrika."

Italiens enttäuschendes Abschneiden bei der WM 1966 und der folgende Umbruch spielten Riva in die Karten. Nationaltrainer Ferruccio Valcareggi setzte ihn trotz Konkurrenz wie Pietro Anastasi oder Pierino Prati regelmäßig als Mittelstürmer ein, gleichzeitig entwickelte sich Cagliaris Aushängeschild zu einem der besten Spieler in der zu dieser Zeit meistbeachteten Liga Europas.

Bei der Heim-EM 1968 schoss Riva die Squadra Azzurra mit einem Tor im Finale zum Titel. Und 1969 Cagliari, wo sich inzwischen trotz geringem Etat eine eingespielte Truppe gebildet hatte, mit 20 Saisontoren um ein Haar zur Meisterschaft. Mittlerweile war Riva in Italien zu einem Sportidol, auf Sardinien gar zu einem Volkshelden avanciert. Für einen Klub des armen Südens begehrte er, einer der besten Spieler Europas, beinahe heroisch gegen den reichen Norden auf.

Riva erteilt allen eine Abfuhr

Die dortigen Vereine wie Juventus oder inzwischen auch Inter Mailand klopften mit hochdotierten Angeboten an, doch nun zeigte ihnen Riva die kalte Schulter. Es hatte sich eine tiefe Beziehung zwischen Spieler ("Für die Sarden ist der Fußball alles") und Verein und damit mit der ganzen Insel entwickelt - da half auch offenbar ein zwischenzeitliches Juve-Top-Angebot mit sieben (!) Spielern zum Tausch nichts (Riva: "Was erlauben die sich eigentlich, ich bin doch kein Objekt!").

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Abgezogen, getroffen - und den EM-Titel 1968 eingetütet: Italiens Nationalspieler und -stürmer Luigi "Gigi" Riva. picture alliance

1970 waren sie alle fällig: Mit 21 Saisontreffern führte Riva, zum dritten Mal Torschützenkönig, Cagliari tatsächlich zur ersten und bislang einzigen Meisterschaft. Und auf Sardinien donnerte es. Bei der WM 1970 schoss Riva im Halbfinale gegen Deutschland das "beste Tor im besten Spiel des besten Sports der Welt", erst im Finale musste sich der Europameister Brasiliens Übermannschaft um Pelé beugen.

Doch Riva, 25 Jahre alt, war ganz oben. Und mit ihm Cagliari. Die Sarden führten auch die Tabelle der Folgesaison an, ihr Anführer schoss nahezu jedes wichtige Tor. Plötzlich spielten sie auch im großen Europacup mit: Cagliari gegen Celtic, Ajax, Titelverteidiger Feyenoord, Atletico Madrid oder die Fohlen-Elf von Borussia Mönchengladbach. Dann kam der Oktober 1970.

Treueschwur auf dem Höhepunkt

Im Oktober 1970 machte sich "Gigi" Riva auf Sardinien endgültig unsterblich: Im Nachgang an die Meisterschaft - etliche Top-Klubs buhlten mit immensen Offerten um ihn - verlängerte Riva seinen Vertrag in Cagliari um fünf Jahre. Ein Star, der eigentlich "zu gut für seinen Verein" geworden war. Doch Verbundenheit und Dankbarkeit waren inzwischen eben zu groß geworden. Es folgte die Gala in San Siro und der adelnde Spitzname, der Rivas aktive Zeit lang überdauern würde.

Das war am 25. Oktober 1970. Sechs Tage später, bei einem Länderspiel gegen Österreich, trat Gegenspieler Norbert Hof Riva in der Schlussphase das Wadenbein dermaßen kaputt, dass sogar die Frage aufkam, ob Riva jemals wieder Fußball spielen könne. Ohne seinen Leistungsträger beendete Cagliari die Saison im Tabellenmittelfeld, im Europapokal war schon in der nächsten Runde Endstation.

Riva ist auf Sardinien unsterblich, er ist eine mythische, beinahe eine religiöse Figur.

Der sardische Journalist Vito Biolchini

Riva kämpfte sich indes zurück. 1971/72, als der schwere Beinbruch verheilt war, trumpfte "Il tombo di ruono" mit 21 Toren in 30 Serie-A-Einsätzen nochmals auf. Doch an die vollen 100 Prozent seiner außergewöhnlichen Physis reichte Riva nach dieser Verletzung nie mehr heran, mit jeder weiteren Saison bröckelte seine Ausnahmestellung unweigerlich. Und mit ihr Cagliaris Ambitionen.

Der Donner verstummt

Noch 1976, als der weiterhin verletzungsgeplagte, erst 31-jährige Riva unter großem Jubel - der sich beinahe wie ein Donnergrollen anhörte - zum letzten Mal den Rasen des Stadio Sant'Elia verlassen hatte, stieg Cagliari als Tabellenletzter in die Serie B ab. Er hatte nie wieder für einen anderen Verein gespielt. "Riva ist auf Sardinien unsterblich, er ist eine mythische, beinahe eine religiöse Figur", schwärmt der sardische Journalist Vito Biolchini. Und übertreibt damit nicht.

Der Ausnahmekönner, der einen Klub des armen Südens gegen die reichen Nordvereine zur Meisterschaft geführt hatte, ihm dann treu blieb und fortan glühend verehrt wurde: Was Diego Maradona einige Zeit später in Neapel vollbrachte, gelang Riva vor dem Argentinier in Cagliari. Seine Torausbeute im Nationaldress (35 Treffer in lediglich 42 Länderspielen) wurde seit Jahrzehnten von keinem Italiener übertroffen.

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Ehre, wem Ehre gebührt: Luigi "Gigi" Riva erhält das Goldene Halsband für sportliche Verdienste, das Collare d'Oro. imago images

Auch nach seiner aktiven Zeit blieb Riva Cagliari und dem Verein treu, sein Trikot mit der Rückennummer 11 wird vom Verein inzwischen nicht mehr vergeben. Heute genießt der ehemalige Weltklasse-Stürmer sein Rentnerdasein und lässt sich gelegentlich auf öffentlichen Veranstaltungen blicken.

Was er als Einziges bedauere, sagte Riva einmal, sei, "nicht in der Lage gewesen zu sein, sein Leben und seinen Erfolg mit den Eltern zu teilen". In Cagliari hatte er zumindest eine große Ersatzfamilie gefunden, die ihn bis heute wärmstens aufgenommen hat. Wenn Cagliari spielt, kann Luigi Riva übrigens schon seit einer ganzen Weile nicht mehr zuschauen - er sei, seit er nicht mehr selbst spiele, schlicht zu aufgeregt: "Ich höre mir das Ergebnis an und schaue das Spiel am nächsten Tag."

Dabei dürfte ihm gefallen, was der sardische Klub aktuell anstellt: Als bisherige Überraschung dieser Serie-A-Saison steht Cagliari Calcio nach elf Spieltagen mit 21 Punkten auf Rang 6 und vor Neapel.

Tanti auguri, "rombo di tuono"!

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