VSG Altglienicke: Zwischen Heimatlosigkeit und Tabellenführung

Von der Kreisliga ins Profigeschäft?

Märchenschreiber? Altglienickes Sportchef Daniel Böhm (li.) und Trainer Karsten Heine.

Märchenschreiber? Altglienickes Sportchef Daniel Böhm (li.) und Trainer Karsten Heine. imago images

2004 war der Jubel im Berliner Ortsteil Altglienicke groß. Während Claudio Pizarro gerade seine fünfte Bundesliga-Saison beendet hatte, wurde die ortsansässige Volkssport Gemeinschaft (VSG) Zweiter in der Kreisliga B und stieg damit in die A-Liga auf. Was damals keiner wusste: Der Erfolg war gleichzeitig der Beginn einer Reise, die aus dem Bilderbuch-Amateurfußball zu überregionalen Duellen gegen Rot-Weiß Erfurt und Energie Cottbus führte.

Ex-Profis sorgen für Aufsehen

Denn in den kommenden Jahren ließen die Köpenicker gleich sechs Aufstiege bei einem Abstieg (aus wirtschaftlichen Gründen) folgen - ohne einen großen Investor, der exorbitante Summen in den Verein gepumpt hätte. Dabei fuhr der Verein eine Taktik, die national für Aufsehen sorgte. Immer wieder diente der Klub als eine Art Auffangbecken für ehemalige Fußballprofis, die in der Regel in irgendeiner Art und Weise mit der Stadt Berlin verbunden sind. So spielten Chinedu Ede, Boubacar Sanogo, Kevin Pannewitz, Björn Brunnemann, Lennart Hartmann und Torsten Mattuschka für die VSG, die im Wappen das Kürzel VGA (Volkssport Gemeinschaft Altglienicke) trägt.

Und der Plan ging auf. Vor allem die Routiniers Mattuschka und Brunnemann hatten großen Anteil am Sprung in die Viertklassigkeit 2017. Ergänzt durch Sanogo (2017/18) und Ede (2018/19) hielt Altglienicke zweimal hauchzart die Klasse, ehe zu dieser Saison Karsten Heine als neuer Trainer installiert wurde. Und der favorisiert einen anderen Weg. Einen mit jüngeren, strebsameren Akteuren, wie er in der "Berliner Zeitung" zitiert wurde: "Die wollen noch nach oben. Unsere Mischung aus aufstrebenden Spielern und auch erfahrenen Leuten ist gut."

Die Zuschauerzahlen sind gering

Und auch dieser Plan ging bislang auf. Nach 14 Spieltagen steht Altglienicke mit 31 Punkten an der Spitze der Tabelle. Nur vier Spieler, die älter als 30 sind, gehören zum Kader. Sechs U-23-Spieler kamen schon zum Einsatz. Vom Glanz der ehemaligen Profis ist nicht mehr viel übriggeblieben. Christopher Quiring (ehemals Union und Rostock) kommt auf fünf Einsätze, Mattuschka sitzt immerhin noch als Co-Trainer auf der Bank.

Trotz der greifbaren Möglichkeit, erstmals in die 3. Liga aufzusteigen, sind die Spiele der VSG eher schlecht besucht. Im Stadtduell mit Viktoria Berlin kamen gerade einmal 187 Zuschauer, gegen Meuselwitz 105 - fast wie zu Kreisliga-Zeiten. Woran das liegen könnte? Weil das eigene Stadion nicht die Auflagen für die Regionalliga erfüllt, weichen die Köpenicker seit zwei Jahren in den rund 20 Kilometer entfernten Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Stadtteil Prenzlauer Berg aus.

Wir können eine Nische sein, wo man für zehn Euro Eintritt bei Bratwurst und Bier 3. Liga sehen kann.

Marketingmanager Detlef Müller im Jahr 2018

Doch Besserung ist in Sicht. Zur Saison 2020/21 soll "das Gros unserer Heimspiele in der heimischen Sänger-Anlage" gespielt werden. "Der Bauauftrag ist gestellt, die Förderanträge sind fertig", meinte Sportchef Daniel Böhm. Bis dahin soll die Willi-Sänger-Sportanlage regionalligatauglich gemacht werden.

Oder sogar drittligatauglich? "Wir können eine Nische sein, wo man für zehn Euro Eintritt bei Bratwurst und Bier 3. Liga sehen kann", formulierte Marketingmanager Detlef Müller bereits 2018 die Vision. "Viele wissen ja nicht mal, dass Altglienicke in Berlin liegt. Wir sorgen jetzt erst mal dafür, dass die Leute mit unserem Namen was anfangen können", meinte Böhm vor zweieinhalb Jahren nach der Oberliga-Meisterschaft. Ein weiterer Aufstieg würde seinen Teil dazu beitragen.

mxb