Ex-Spieler berichtet von seiner Depression beim FC Bayern

Sternkopf: "Ich war nassgeschwitzt vor lauter Angst"

Nahm während seiner Zeit beim FC Bayern München Antidepressiva: Michael Sternkopf

Nahm während seiner Zeit beim FC Bayern München Antidepressiva: Michael Sternkopf. picture alliance

Im Sommer 1990 war Sternkopf als eines der größten Talente im deutschen Fußball vom gemütlichen Karlsruher SC zum FC Bayern München gewechselt, bei dem er auf zahlreiche aktuelle Weltmeister traf. "Auf einmal bekommst du eine Wichtigkeit, die mich erdrückt hat", berichtet der damals 20- und mittlerweile 49-Jährige in einem Interview mit dem "SWR". "Ich wollte ja eigentlich nur Fußball spielen." Doch dazu kam es nicht so oft, die Konkurrenz war riesig.

Nach der ersten Saison ging die Krankengeschichte von Sternkopf, der neben dem KSC und Bayern München auch für den SC Freiburg, Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach spielte, los. Er habe nach 14, 15 Monaten erstmals Kontakt mit Antidepressiva gehabt. "Ich bin damals zum Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt gegangen. Ich habe ihm gesagt: 'Ich kann mich kaum konzentrieren. Ich zittere. Meine Augen werden schnell müde.' Ich weiß nicht, ob das eine Depression war, aber es hat sich scheiße angefühlt", berichtet er über die schwierige Zeit. "Ich kam da einfach nicht mehr mit klar und war dann bei einem Nervenarzt, der hat mir dann dementsprechend Tabletten verschrieben."

Die Bayern wusste davon offenbar nichts, denn der Umgang mit der Krankheit war Anfang der 90er Jahre noch weniger aufgeklärt als er heute ist. "Damals hieß es: Sieh' zu, dass es der Verein nicht unbedingt erfährt, weil sonst deine Karriere eventuell in Gefahr ist. Das macht den Druck natürlich nicht geringer, wenn man das für sich behalten muss. Das war hart, heftig."

Wie oft saß ich im Flieger, wenn wir dann wieder nach dem Spiel zurück sind, ich hatte Magenkrämpfe und habe gekotzt, obwohl eh nichts drin war.

Michael Sternkopf

Die Leichtigkeit und Lockerheit, die ihn gerade beim KSC so ausgezeichnet habe, sei ihm in dieser Zeit abhandengekommen. "Ich saß teilweise im Bus - egal, mit welchem Verein - vom Hotel ins Stadion, dann sind wir da angekommen, und ich war nassgeschwitzt, vor lauter Angst später auf dem Platz zu versagen", erzählt Sternkopf: "Wenn du solche Gedanken und Gefühle hast, dann ist es natürlich wahnsinnig schwer, deine Leistung zu bringen. 49.500 können dich anfeuern, aber du hörst nur die 500 die gegen dich sind." Mental sei er nie wieder so stark gewesen wie in den Anfängen seiner Karriere beim KSC.

Doch nicht nur vor den Spielen hat seine psychische Erkrankung zu körperlichen Symptomen geführt. Auch bei der Heimreise ging es Sternkopf häufig mies. "Wie oft saß ich im Flieger, wenn wir dann wieder nach dem Spiel zurück sind, ich hatte Magenkrämpfe und habe gekotzt, obwohl eh nichts drin war. Aber das sieht ja niemand, und da spricht niemand darüber. Das gab's früher bei mir und auch bei anderen, und das wird es auch heute geben."

Und auch wenn Sternkopf die Arbeit von Teresa Enke schätzt, glaubt er nicht daran, dass sich viel bewegt hat. "Ich würde mir wünschen, dass sich etwas dahingehend ändert, dass man in der Öffentlichkeit auch mal über Schwächen sprechen darf, ohne dafür bestraft zu werden", sagt Sternkopf. Medien würden die Spieler teilweise noch immer gnadenlos kritisieren, ohne zu hinterfragen, was sie bei dem Menschen anrichten. Ein Spieler, der offen über seine Ängste vor einem Spiel berichten würde, hätte es seiner Ansicht nach schwer.

Sternkopf selbst war nach seiner aktiven Karriere bei Kickers Offenbach bis 2011 als Marketingleiter, danach als Organisationsleiter tätig. Dann legte er sein Amt nieder und begab sich aufgrund eines Burn-out-Syndroms in ärztliche Behandlung.

Die Robert-Enke-Stiftung unterstützt Projekte, Maßnahmen und Einrichtungen, die über Herzkrankheiten von Kindern sowie Depressionskrankheiten aufklären und deren Erforschung oder Behandlung dienen.

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