BVB-Abwehrspieler kommt auf vier CL-Tore in dieser Saison

Im Sog des Flugzeugs: Hakimis "magische Nacht"

Achraf Hakimi

Lucien Favre hob den Zeigefinger, es sah ein bisschen ermahnend aus, doch das Lachen im Gesicht des Schweizers entlarvte seine Geste als Scherz. Nein, der BVB-Trainer wollte Achraf Hakimi den Abend nicht verderben. Nicht an diesem Tag, auch wenn es ein Dienstag mitten in einer englischen Woche war. Dortmunds Matchwinner, am Vortag des auch dank ihm in der Summe berauschenden 3:2-Erfolgs über Inter Mailand 21 Jahre alt geworden, hatte bestens gelaunte Freunde aus der spanischen Heimat im Schlepptau, als er in den Katakomben beim Verlassen des Stadions auf Favre stieß. Man ahnte, dass dort noch eine kleine Feier anstehen dürfte. Aber das war durchaus erlaubt an einem Abend, der Erinnerungen an so manch spektakuläre Nacht der jüngeren Vollgas-Vergangenheit des BVB hervorrief. Da ließ Favre gerne Milde walten.

"Sehr gut" habe Hakimi gespielt, hatte Dortmunds Fußballlehrer vier Etagen höher und 20 Minuten früher gesagt und damit für seine Verhältnisse schon außerordentlich viel Lob ausgesprochen. Doch jedes Lob an diesem Abend war verdient für den in Madrid aufgewachsenen und von Real ausgeliehenen Hakimi, der sich nicht allein aufgrund seiner zwei Treffer zum Mann des Spiels aufgeschwungen hatte. Zu keiner Zeit bekamen die Mailänder das irrsinnige Tempo des "Flugzeugs auf Beinen", wie ihn die Marca einmal anerkennend taufte, kontrolliert. Hakimi war oft nur durch Fouls zu stoppen von den Gästen, die in der ersten Hälfte ansonsten alle Dortmunder dermaßen im Griff hatten, dass nur die kühnsten Optimisten auf den vollbesetzten Tribünen des Signal Iduna Parks noch an eine Wende zum Guten geglaubt haben dürften, als es beim Stand von 0:2 in die Pausenkabine ging.

Hakimi und Sancho hecken etwas aus

Nach dem Seitenwechsel jedoch, die Südtribüne vor Augen, zog Hakimi seine Mitspieler im Fahrtwind mit. Dortmund spielte schneller, aggressiver, kurz: viel, viel besser als noch in der ersten Hälfte. Es entwickelte sich ein Sog, der die Zuschauer mitriss und Inter taumeln ließ. Hakimi besorgte das 1:2, Julian Brandt das 2:2. Dann besprach sich Hakimi mit Jadon Sancho, die Hände vor den Mündern, wie zwei Lausebengel, die den nächsten Streich ausheckten. Zwei Minuten später schickte Sancho seinen Partner auf der rechten Seite das erste Mal gefährlich in die Tiefe, noch einmal 60 Sekunden später ein zweites Mal. Sanchos Pass entblößte die Mailänder Abwehr, dann versetzte Hakimi ihr mit seinem Abschluss zum 3:2 den Todesstoß.

Triumphierend sprang der zunächst als Rechtsverteidiger aufgebotene, aber schon in der ersten Hälfte vornehmlich attackierende Hakimi auf die Werbebande, breitete die Arme aus und ließ die emotionale Wucht auf sich wirken. Es war ein fast ikonisches Bild, das in einigen Monaten, wenn es um die Dortmunder Schlüsselmomente der Saison geht, als allererstes auf dem Stapel der Erinnerungen liegen könnte, sollte sich der jüngste Auswärtstrend fortsetzen. Etwa mit einem Sieg in München am kommenden Samstag. Rückenwind jedenfalls ist nach diesem Dienstagabend, an dessen Ende der dritte Sieg in Serie stand, reichlich vorhanden.

Hakimi ist Dortmunds Toptorschütze

Als "magische Nacht" bezeichnete Hakimi selbst den Abend, der Dortmund die Chance auf den Gruppensieg offenhielt, die Gefühle auf dem Rasen seien "unbeschreiblich" gewesen. Mit vier Toren in vier Partien führt er die BVB-interne Torschützenrangliste in dieser Champions-League-Saison nun an - als etatmäßiger Abwehrspieler. Doch Hakimi, der gegen den Ball noch viel lernen muss und nach aktuellem Stand am Saisonende zu Real Madrid zurückkehrt, ist vielmehr ein Sprinter, ein Stürmer im wahrsten Sinne des Wortes. In die Herzen der BVB-Fans jedenfalls ist er Dienstagabend fraglos mit voller Wucht hineingestürmt.

Matthias Dersch

kicker.tv Hintergrund

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