Spanischer Zweitligist in den Händen von Al-Sheikh

Mehr Glamour mit Guti: Wie rabiat ein Investor Almeria umkrempelt

Posiert und lässt posieren: Almeria-Boss Turki Al-Sheikh.

Posiert und lässt posieren: Almeria-Boss Turki Al-Sheikh. imago images

In Almeria geht es einfach nicht mehr ohne Show und Scheinwerferlicht: In bester Batman-Manier postete der Klub via Twitter ein Video, in dem die "14" in den Nachthimmel über das Stadion projiziert wird. Eben jene Nummer, die den glamourösen Guti bei Real Madrid berühmt machte.

Nur eine Stunde zuvor war über denselben Kanal die Absetzung von Pedro Emanuel bekanntgegeben worden. Zwei dünne Sätze mit den üblichen Floskeln, am Ende folgte noch ein Hinweis auf die neue Trainingszeit. Drei Stunden nach dem ersten Wink mit der Nummer 14 war dann auch schon alles klar. "Wir haben unseren neuen Galaktischen. Durch die Savanne kommt Guti, unser neuer König", hieß es auf dem umtriebigen Twitter-Kanal, inklusive Guti-Foto im Comic-Stil im Almeria-Trikot. Unmittelbar danach wurde ein Video gepostet, das den 43-Jährigen beim Einstieg in einen Privatjet samt Familie zeigt.

Die Show muss schließlich weitergehen in Almeria, das ist seit der Übernahme des arabischen Investors Turki Al-Sheikh im August dieses Jahres bekannt. Die schwer zu begreifenden Personalrochaden im Sommer mit 13 Neuzugängen in 22 Tagen zeigten das nur allzu deutlich, auch Trainer Oscar Hernandez hatte zwei Tage nach Al-Sheiks Amtsübernahme gehen müssen. Er war erst im Juni und damit nach Saisonende verpflichtet worden. Nicht ein einziges Pflichtspiel durfte Hernandez leiten. Auch zwei Sportdirektoren verloren ihre Posten und wurden durch Vertraute Al-Sheikhs ersetzt.

"Sorry, United - Appiah ist Rot und Weiß"

Wie heiß das Pflaster im sonnigen Almeria ist, musste nun auch Nutznießer Emmanuel feststellen. Klar, der Aufstieg ist inzwischen Pflicht, koste es, was es wolle - und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Unter anderem holte Al-Sheikh mit Arvin Appiah (8,85 Millionen Euro) und Darwin Nunez (4 Millionen) den zweit- bzw. siebtteuersten Neuzugang der spanischen Zweitligageschichte. Von den Regularien her kein Problem: Laut UEFA darf ein Investor in den ersten drei Jahren 30 Millionen Euro in den Verein stecken, ehe das Financial Fair Play greift. Der 18-jährige Appiah soll auch bei Manchester United im Gespräch gewesen sein. "Sorry, United - Appiah ist Rot und Weiß", hieß es deswegen bei dessen Vorstellung. Natürlich via Twitter.

Emmanuel dürfte sich unterdessen fragen, was er eigentlich falsch gemacht hat, denn Almeria steht beileibe nicht schlecht da. Die Rot-Weißen sind Zweiter, haben in 14 Spielen nur zweimal verloren und sind seit fünf Spielen unbesiegt. In Spanien steigen die ersten beiden Mannschaften direkt auf, die Teams von Rang drei bis sechs bestreiten Aufstiegsspiele. In den vergangenen fünf Partien hat Almeria aber auch dreimal 0:0 gespielt. Offenbar zu wenig Show für Showmaster Al-Sheikh: Mit Guti hat er zwar etwas Glamour nach Almeria gelockt, aber eben auch einen Trainer verpflichtet, der keinerlei Erfahrung als Chefcoach einer Profimannschaft besitzt. Es ist jedoch wahrlich nicht die erste Aktion, mit der Al-Sheikh für Irritationen sorgt. Ein paar Beispiele...

Al-Sheikh "rettet" das Vereinslogo

Daumen hoch: Guti ist neuer Trainer in Almeria.

Daumen hoch: Guti ist neuer Trainer in Almeria. imago images

Im September schlug Almeria (via Twitter) erst einmal einen Wechsel des Vereinslogos vor. Natürlich liefen die Fans Sturm gegen den Vorschlag. Dann Auftritt al-Sheikh: "Meine Meinung ist: Das aktuelle Logo ist sehr schön, und ich glaube, dass wir es nicht ändern sollten. Ich hoffe, dass das Management es nicht ändert, weil es ein Teil der Stadt bildet. Wenn man mich fragt, bin ich dagegen, es zu ändern!!!" Der scheinheilige Al-Sheikh bekam, was er wollte: "Gracias, Turki", "Grande Turki", hieß es danach. So mancher Almeria-Fan war also auf die PR-Masche reingefallen, wenn auch nicht jeder. Einer postete ein Bild von Homer Simpson mit einem Buch in der Hand. Titel: Advanced Marketing.

Al Sheikh verlost Autos

Al Sheikh, Vertrauter des saudischen Kronprinzen Mohamed bin Salman, scheint sich in dem Bereich bestens auszukennen. Bei Heimspielen werden Autos verlost, dadurch ist die Anzahl der Dauerkartenbesitzer und Zuschauer immens gestiegen. Für eine Kontroverse sorgte eine Gewinnerin Anfang Oktober, die Al-Sheikh auf seinem Twitter-Account präsentierte. Die Frau trägt eine Burka, hält ein Almeria-Trikot in der Hand und lobpreist Allah sowie natürlich auch den Spender. "Ich möchte Kanzler Turki Al-Sheikh für seine Güte danken und wünsche, dass dieses Video erfolgreich ist." Viele wiesen danach darauf hin, dass in Al-Sheiks Heimatland Saudi-Arabien Frauenrechte limitiert sind, weibliche Fans nicht alleine ins Stadion und nur in einem separaten Bereich sitzen dürfen. Auch die Burka passe nicht zu ihrem Verein, erklärten die Fans.

Al-Sheikhs teure Philosophiestunde

Al Sheikh stört das alles herzlich wenig, er sieht sich offenbar als eine Art Alleinherrscher. Wie die spanische Zeitung "El Confindencial" berichtet, lässt er sich von seinen Mitarbeitern mit "Eure Majestät" anreden. Al-Sheikh lässt posieren und posiert auch gerne selbst. PR-wirksam trägt er dabei aber keine Scheichgewänder, sondern stets das Volksnähe suggerierende Almeria-Trikot. So wie Mitte September, als er einige namhafte Trainer nach Saudi-Arabien einlud. Darunter waren Real Madrids ehemaliger Co-Trainer Aitor Karanka, Quique Setien (bis zum Sommer noch Coach von Real Betis), Pablo Machin (seit kurzem Trainer bei Espanyol) oder Julio Velazquez (zuletzt Udinese Calcio). Mit ihnen habe er in einer "privaten Runde die Philosophie des modernen Fußballs" thematisiert, wie er über das Gruppenfoto schrieb. Laut "Marca" war die Philosophiestunde allerdings kostenpflichtig für Al-Sheikh.

Der umtriebige 38-Jährige ist allerdings auch nur ein Rädchen im Getriebe. Über allem steht die sogenannte "Saudi Vision 2030", die im April 2016 vorgestellt wurde. Das Königreich will damit die Abhängigkeit vom Öl verringern. Im Auftrag von Kronprinz bin Salman ist Al-Sheikh befugt, als Teil dieses Zukunftsprojekts Investitionen im Bereich Sport zu tätigen, um dort neue Märkte zu erschließen.

Topteam in Spanien oder Assiouty, Teil zwei?

Al-Sheikhs erster Versuch, dieses Projekt voranzubringen, war allerdings gescheitert: Im Sommer 2018 erwarb er in Ägypten den Fußballverein Al Assiouty Sport, wirbelte auf Personalebene genauso wie in Almeria alles mächtig durcheinander (40 Millionen wurden für neue Spieler investiert), verlegte den Klub kurzerhand nach Kairo und benannte ihn in FC Pyramids um. Der Erfolg blieb aus, die Fans rebellierten, der neue Heilsbringer wurde nicht akzeptiert - und schmiss im Juni 2019 wieder hin.

Teil zwei wurde prompt angekündigt. "Ich werde ein neues Experiment durchführen, das ich Assiouty Teil zwei nennen werde, aber an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit", kündigte Al-Sheikh nach dem Fehlschlag an. Das "Experiment" wurde Almeria. In drei Jahren will Al-Sheikh im Konzert der ganz Großen in Spanien mitspielen. Und wenn nicht? Dann droht Almeria tatsächlich zu Assiouty Teil zwei zu werden.

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Christoph Laskowski