Union-Keeper spricht über seine Aktion im Berliner Derby

"Derby-Türsteher" Gikiewicz: "Meine Frau sagte, ich sei ein Idiot"

Union-Keeper Rafal Gikiewicz stellt sich im Berliner Derby den auf den Platz geeilten

Union-Keeper Rafal Gikiewicz stellt sich im Berliner Derby den auf den Platz geeilten "Fans" entgegen. imago images

Früher war er Stürmer, dann wechselte er auf die Position des Torwarts. Er ist Familienvater, seit einiger Zeit sein eigener Berater, er bezeichnet sich als "positiv verrückt" - und am Samstag trat Rafal Gikiewicz auch noch als Ordner in Erscheinung. Nun sprach der Keeper des 1. FC Union über seine ungewöhnliche Aktion am Ende des turbulenten Berliner Derbys, als er Fans beim Platzsturm aufhielt und sich mit einem Union-Anhänger sogar eine kurze handgreifliche Auseinandersetzung lieferte. Rafal Gikiewicz über...

...sein Eingreifen beim Platzsturm einer Gruppe von Union-Fans: "Wir wollten nach dem Spiel jubeln - und dann kommen ein paar Leute auf den Platz. Ich habe ihnen auf Deutsch, Englisch und Polnisch gesagt, dass sie wieder zurückgehen sollen in den Block, weil der Verein sonst noch mehr Probleme bekommt, eine noch härtere Strafe. Meine Kinder und die Kinder anderer Leute waren auch im Stadion. Wir brauchen nicht noch mehr Hass im Stadion. Meine Reaktion war, glaube ich, normal."

Ja, er hat das ein bisschen getan. Aber er ist 1,50 Meter...

Rafal Gikiewicz über den Fan, der ihm an den Hals ging

...Leuchtraketen aus dem Hertha-Block, die unter anderem Richtung Haupttribüne flogen, wo auch seine Familie saß: "Meine Kinder mussten auch nach zehn Minuten reingehen und das Spiel dann im VIP-Bereich gucken. Es ist nicht normal, dass man Raketen Richtung Tribüne schießt, wo auch Kinder sind."

...sein Verhältnis zu einem Teil der Fans, denen er sich am Samstag entgegenstellte und deren Stimmungsboykott er vor dem ersten Bundesliga-Spieltag gegen Leipzig kritisiert hatte: "Ich bin seit 18 Monaten hier. Ich glaube, ich werde respektiert. Wir wollen die Klasse halten - das können wir nur zusammen schaffen. Wenn wir eine Strafe bekommen und müssen beispielsweise auswärts ohne Zuschauer spielen, ist das schlimm für uns. Wir müssen zusammenhalten. Es kommen 18 oder 20 Leute auf den Platz. Was hatten die vor? Es war Polizei da, der Gästeblock war abgesperrt. Wollten die (die Fans, die auf den Platz stürmten, d. Red.) eine Show machen, 100 Meter Richtung Gästeblock laufen und dann zurücklaufen? Ich verstehe das nicht. Ich glaube, jeder Unioner hat dieselbe Meinung."

...den Fan, der ihm beim Platzsturm an den Hals griff: "Ja, er hat das ein bisschen getan. Aber er ist 1,50 Meter..."

...die Frage, ob er befürchtet habe, dass die Situation hätte eskalieren können: "Nein. Meine Frau hat zu mir gesagt: Du bist ein Idiot, du kannst verletzt werden. Aber ich kenne viele dieser Leute. Die stehen bei jedem Spiel hinter meinem Tor. Ich wollte nur, dass der Verein nicht noch mehr Probleme bekommt. (...) Es war ein Impuls, ich bin ein normaler Mensch. Ich wollte für Ordnung sorgen. Es war zu viel Pyro, es waren zu viele Raketen auf dem Feld. Nach unserem Sieg hätten wir Klasse zeigen und einfach auf unserer Seite bleiben, tanzen und mit unseren Fans singen müssen. Wir gewinnen das erste Bundesliga-Derby gegen Hertha. Warum machst du dann noch mehr Blödsinn, rennst mit Masken auf das Feld? Das verstehe ich nicht."

Ich hatte keine Angst, es sind unsere Fans.

Rafal Gikiewicz

...die Frage, ob seine Mutter Barbara, die ebenfalls im Stadion war, ihn wie seine Frau für einen Idioten hält: "Mit meiner Frau bin ich erst elf Jahre zusammen, meine Mutter kennt mich schon mein ganzes Leben. Die kennt ihren Sohn. Die weiß, ich bin einfach so. Als sie von der Szene gehört hat, hat sie zu mir gesagt: Da ist bestimmt der Gikiewicz dabei."

...Reaktionen auf seine Tat beim Derby: "Alle schicken mir dieses Video. In den vergangenen zwei, drei Tagen musste ich meinen Handy-Akku zwei-, dreimal pro Tag laden. Ich verstehe nicht, warum alle über diese Szenen reden wollen. Für mich ist meine Reaktion normal. Vielleicht ist es, weil ich aus Polen komme. Bei uns sind solche Dinge schon ein paar Mal passiert. Wenn du bei uns ein paar Spiele verlierst, kommen die Fans auch mal zum Trainingsplatz und du musst mit ihnen reden. Hier ist es immer ruhig. Ich hatte keine Angst, es sind unsere Fans. Ich kenne diese Leute, sie kennen Gikiewicz. Ich wollte nicht mit diesen ein, zwei Leuten kämpfen."

...weitere Reaktionen auf sein Einschreiten: "Viele Kumpels aus Polen waren das erste Mal im Stadion. Die haben gesagt: Ach, Derby in Deutschland ist ja wie bei uns in Polen."

Ich habe nach dem Aufstieg gelesen, dass Hertha froh war, weil sie sechs Punkte gegen Union holen. Ja, dann sind es jetzt minus drei...

Rafal Gikiewicz

...den Sieg über Hertha: "Es war hochverdient. Wir haben drei Punkte, aber unser Ziel ist nicht nur der Derbysieg, sondern der Klassenerhalt. Wir müssen uns konzentrieren, am Samstag haben wir einen neuen Gegner. (...) Hertha hatte eine Chance, ansonsten hatten wir die volle Kontrolle. Wir hatten einen Plan. Hertha hatte in der ersten Halbzeit keinen Plan. Die wussten nicht, was sie machen müssen. (...) Ich habe nach dem Aufstieg gelesen, dass Hertha froh war, weil sie sechs Punkte gegen Union holen. Ja, dann sind es jetzt minus drei..."

...Verhandlungen über seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag: "Oli (Unions-Manager Oliver Ruhnert, Anm. d. Red.) und ich, wir treffen uns in der Länderspielpause. Das ist der Plan."

Jan Reinold

Bilder zur Partie 1. FC Union Berlin - Hertha BSC