Regeländerungen: Über Schlupflöcher, Kilo und km/h

Viel "Aber" beim neuen Reglement: Das sagen Fahrer und Teams

Über das neue Reglement ab 2021 gibt es unterschiedliche Meinungen.

Über das neue Reglement ab 2021 gibt es unterschiedliche Meinungen. imago images

Welche Änderungen sind vorgesehen?

Die obersten Instanzen der Formel 1 haben nicht weniger als eine Revolution im Sinn. Die Kosten sollen dramatisch sinken, die Rennwagen technologisch vereinfacht werden, gleichzeitig eine tolle Optik bieten und auch noch Überholmanöver begünstigen. Die Teams sollen aufgrund des auf 175 Millionen Dollar jährlich begrenzten Budgets enger zusammenrücken, die Siegerlisten durchmischt werden. Das ist bitter nötig: In den letzten 136 (!) Formel-1-Rennen saß der Gewinner stets am Steuer eines Mercedes, Ferrari oder Red Bull.

Das Reglement muss doch bei den Fahrern auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen?

Jein. Fast alle Fahrer versahen ihre erste Einschätzung mit dem Wörtchen "Aber". Mehr Action auf der Strecke und voraussichtlich bessere Überholmöglichkeiten begrüßten die Piloten durch die Bank. Allerdings stören sich viele daran, dass die Boliden aufgrund der aerodynamischen Vereinfachungen an Abtrieb und damit an Geschwindigkeit verlieren. Auch, dass das Gewicht um 25 kg zunehmen soll, stößt bei Sebastian Vettel und Co. auf wenig Gegenliebe. Vielen sind die derzeit 743 kg schon zu viel. Deutlich weniger Gewicht wäre aber nur möglich, wenn die Formel 1 dem Turbo-Hybrid-Antrieb abschwören und wieder zum Saugmotor aus den Zeiten von Michael Schumacher zurückkehren würde. Der aber wäre aus Umwelt- und Technologiegesichtspunkten ein Rückschritt. Zudem ist die derzeit eingesetzte komplexe Antriebseinheit ein Aushängeschild der Hersteller Mercedes, Ferrari, Renault und Honda - ein Stück Ingenieurskunst, von dem man sich schon bei den Verhandlungen mit der Formel-1-Führung partout nicht trennen wollte.

Also sind wenigstens die Teams happy?

Auch nicht so recht. Besonders die Top Drei - Mercedes, Ferrari und Red Bull - betrachten die Formel 1 als Evolutionsbühne, bei der die klügsten Köpfe (mit den größten wirtschaftlichen Möglichkeiten) den entscheidenden technologischen Vorteil herauspressen, der die eigene Marke glänzen lässt. Mit beschnittenen Finanzen und strikteren Aerodynamik-Vorgaben sowie geringeren Entwicklungsmöglichkeiten sehen sie die Formel 1 in ihrer Identität gefährdet. Profiteure und entsprechend erfreut sind in erster Linie die Rennställe dahinter, wie McLaren, Racing Point & Co.

Gibt es Schlupflöcher?

Ja, auch die gibt es. So sind in den 175 Millionen Dollar unter anderem die Fahrergehälter, Marketingausgaben oder die Entwicklungskosten der Motoren nicht eingeschlossen. Die Top-Teams werden also effektiv weiter am meisten ausgeben.

25 Rennen wären Hardcore. Doch eigentlich sind 21 schon Hardcore.

Lewis Hamilton

Was wurde noch beschlossen?

Bei aller angestrebten Nachhaltigkeit will die Formel 1 weiter expandieren. Freiräume hierfür sollen geschaffen werden durch eine Komprimierung der Rennwochenenden auf drei Tage. Der Donnerstag als bisheriger Medientag soll im Freitag aufgehen, der bislang komplett für das erste und zweite freie Training reserviert war. Weil der Formel-1-Tross dadurch einen Tag später als bislang anreisen kann, sollen bis zu 25 Rennen pro Jahr möglich sein. In diesem Jahr liegt die Zahl bereits bei 21 Grand Prix, 2020 werden es erstmals 22 sein. "25 Rennen wären Hardcore", sagte Weltmeister Lewis Hamilton: "Doch eigentlich sind 21 schon Hardcore."

Welche Mittel haben die Gegner der Reform?

Auf dem Papier keine. FIA und Liberty Media machen die Spielregeln, der Motorsport-Weltrat hat ihnen bereits zugestimmt. Die Teams können letztlich nur entscheiden, ob sie zu diesen Konditionen dabei sein wollen oder nicht. Allerdings ist Papier in der Formel 1 sehr geduldig. Die Königsklassen-Bosse wollen Ferrari oder Mercedes nicht verlieren. Entsprechend ist damit zu rechnen, dass nach zwei Jahren zähen Verhandlungen auch nach der Präsentation des Reglements weitere kleine Kompromisse geschlossen werden.

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kon/sid