Aus einem dramatischen Spiel ziehen Hertha und Dynamo Kraft

Lukebakio: "Was hier abgelaufen ist, ist verrückt"

Herthas Elf nach dem Sieg im Elfmeterschießen.

Herthas Elf nach dem Sieg im Elfmeterschießen. imago images

Hertha BSC und Dynamo Dresden (3:3 n.V., 5:4 im Elfmeterschießen) boten am Mittwochabend im prächtig gefüllten Berliner Olympiastadion in über 120 Minuten ein Pokal-Spektakel, dem es an nichts fehlte.

"Was hier abgelaufen ist, ist verrückt", sagte Herthas Stürmer Dodi Lukebakio nach dem Spiel. "Das ist Pokal, das ist Fußball. Und die Kulisse war der Wahnsinn. Ich habe, glaube ich, noch nie vor so vielen Fans gespielt. Uns war bewusst, dass alles vorbei ist, wenn wir hier verlieren."

Und die Kulisse war der Wahnsinn. Ich habe, glaube ich, noch nie vor so vielen Fans gespielt. Uns war bewusst, dass alles vorbei ist, wenn wir hier verlieren.

Dodi Lukebakio

Sie waren nur ein paar Sekunden vom Pokal-K.o. entfernt - dann traf der eingewechselte Jordan Torunarigha am Ende der Verlängerung zum späten 3:3 und rettete den wankenden Bundesligisten ins Elfmeterschießen (120.+2). "Krank, einfach krank", sagte Davie Selke, der die Szene aus nächster Nähe verfolgte. "Ich bekomme den Ball noch gegen den Kopf, und Jordan haut ihn einfach rein."

Ebert: Emotionen und Erinnerungen

Es war nicht die erste Wendung in diesem Spiel - und auch nicht die letzte. In der letzten Minute der regulären Spielzeit hatte Dresdens Patrick Ebert per Foulelfmeter zum 2:2 verwandelt und die Verlängerung erzwungen. Ebert, einst bei Hertha ausgebildet und ein Vertreter der lange als golden gepriesenen Generation um Kevin Prince Boateng, Jerome Boateng und Ashkan Dejagah, kehrte am Mittwoch erstmals nach seinem Abschied aus Berlin 2012 als Spieler ins Olympiastadion zurück. "Es ist einer der schönsten und komischsten Abende meiner Laufbahn", sagte der 32-Jährige nach dem Abpfiff. "Für mich war die Rückkehr emotional. Ich bin das letzte Mal vor sieben Jahren in diesem Stadion die Treppen zum Spielfeld hochgegangen."

Trotz des Ausscheidens zog der U-21-Europameister von 2009 ein positives Fazit: "Jeder einzelne unserer Spieler kann stolz auf sich sein. Drei Tore in Berlin zu schießen und nicht zu gewinnen, ist natürlich sehr, sehr bitter. Wir wussten, dass Hertha Qualität hat. Sie sind immer ruhig geblieben, und am Ende machen sie mit Glück das 3:3. Und Elfmeterschießen ist sowieso Glückssache." Die besondere Atmosphäre und ein besonderes Spiel - es war ein Abend, der nachhallen wird bei beiden Vereinen.

Die Dresdner Arm-in-Arm beim Elfmeterschießen

Die Dresdner Arm-in-Arm beim Elfmeterschießen imago images

"Als wir beim Elfmeterschießen alle Arm in Arm standen, hatte ich Gänsehaut", sagte Ebert, der über die Stationen Real Valladolid, Spartak Moskau, Rayo Vallecano und Ingolstadt 2018 in Dresden gelandet war. "Aber auf diese Leistung können wir aufbauen. Das müssen wir in den Liga-Alltag mitnehmen. So kommen wir auch wieder in die Spur."

Über 30.000 Dresdner sahen, dass ihr Team lebt

Die über 30.000 mitgereisten Dynamo-Fans sahen, dass ihr in der Liga ins Schlingern geratenes Team lebt. "Dynamo Dresden hat ein großes Spiel abgeliefert", bilanzierte Coach Cristian Fiel. "Wir hatten Leidenschaft und haben die Art, wie wir spielen wollten, auf den Platz gebracht. Wir sind marschiert und haben daran geglaubt, dass wir es schaffen können. In der letzten Minute der Verlängerung den Ausgleich zu bekommen - viel bitterer geht es nicht."

Rückkehrer Ebert traf nicht nur in der regulären Spielzeit, sondern verwandelte auch als Erster in einem Elfmeterschießen, das die Nerven aller Beteiligten genauso strapazierte wie die 120 Minuten zuvor. Hertha-Keeper Thomas Kraft, der im Pokal absprachegemäß die etatmäßige Nummer eins Rune Jarstein vertrat, wurde zum Matchwinner. Er hielt den Strafstoß von Jannik Müller, den von Kevin Ehlers - und dazwischen zunächst auch den von Luka Stor, jedenfalls im ersten Anlauf. Weil sich Kraft zu früh von der Linie bewegt hatte, ließ Schiedsrichter Tobias Stieler den Elfmeter wiederholen und gab Kraft eine Gelbe Karte. Im zweiten Versuch traf Stor dann.

Kraft: rechtzeitig fit und gleich der Matchwinner

Herthas Matchwinner: Torwart Thomas Kraft.

Herthas Matchwinner: Torwart Thomas Kraft. imago images

Für beide, Kraft und Stor, war es nicht die erste Begegnung an diesem Abend. Der Slowene hatte in der 107. Minute zum zwischenzeitlichen 3:2 für den Zweitliga-Vorletzten getroffen - der Ball rutschte unter Kraft durch. Am Ende des Abends aber triumphierte der frühere Bayern-Torhüter, dessen Vertrag in der Hauptstadt nach dieser Saison ausläuft. "Für Thomas freut es mich extrem, dass er der Mannschaft den Sieg beschert hat", lobte Hertha-Coach Ante Covic. "Die Arbeit, die er tagtäglich absolviert, hat sich gelohnt." Kraft, der sich am Samstag beim Einspielen vor der Bundesliga-Partie gegen die TSG Hoffenheim (2:3) noch eine Kapselblessur am Finger zugezogen hatte, wurde rechtzeitig fit. Auf das Job-Sharing im Tor hatten sich Covic und Torwarttrainer Zsolt Petry bereits im Sommer verständigt. "Wir sehen jeden Tag im Training, was Thomas leistet", erklärte Covic. "Von daher hat man da ein gutes Gefühl."

Ein gutes Gefühl blieb am Ende bei allen im Hertha-Lager - trotz der Erkenntnis, dass sich die Defensive weiter straffen muss und vorn aktuell zu viele Torchancen ausgelassen werden. "Wir hätten das Spiel schon vor dem Elfmeterschießen entscheiden müssen", sagte Marius Wolf, der sich vor dem 0:1 durch Moussa Koné (36.) falsch orientierte, aber in der zweiten Halbzeit deutlich besser spielte und das 1:1 von Dodi Lukebakio (48.) auflegte. Als Hertha nach Ondrej Dudas verwandeltem Elfmeter in der 85. Minute wie der Sieger aussah, schlug Dynamo nochmal zu - und kam durch Eberts Elfmeter nach Foul von Niklas Stark an Koné zum 2:2 (90.). Starks ungeschicktes Einsteigen brachte den Krimi also in die Verlängerung - zum Missfallen von Covic: "Völlig bescheuert von uns, dass wir da hingehen."

Am Ende ging alles gut, Hertha gewann erstmals seit Dezember 2011 (3:1 gegen Kaiserslautern im Achtelfinale) wieder ein Pokal-Heimspiel. "Dass wir das Spiel zum Schluss noch gewonnen haben, ist atemberaubend", sagte Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. "Brutal - ich finde gerade keine anderen Worte. Das war purer Nervenkitzel für uns Spieler und das gesamte Stadion. So ein Spiel rumzureißen, zeugt von großem Willen."

Nach dem Pokal ist vor dem Derby

Auch Marko Grujic, der im Elfmeterschießen den letzten Strafstoß verwandelte und damit dieses nervenaufreibende Treiben beendete, sagte: "Das war ein unglaubliches Spiel. Wir haben nach den Rückschlägen weiter an uns geglaubt. Jetzt müssen wir uns gut erholen, das wird nach so einem intensiven Spiel nicht einfach sein. Aber wir haben das nächste große Spiel vor der Brust."

Am Samstagabend gastiert Hertha - erstmals in der Bundesliga - beim Stadtrivalen 1. FC Union. "Das wird ein geiles Spiel", kündigt Angreifer Selke an. "Wir müssen Derby-Mentalität zeigen. Dieses Spiel zählt zu den wichtigsten überhaupt, wir wollen unbedingt gewinnen." Am Samstag bleiben Hertha dafür allerdings nur 90 Minuten.

Andreas Hunzinger/Steffen Rohr

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Bilder zur Partie Hertha BSC - Dynamo Dresden