Wolfsburgs Sportdirektor: "Habe nicht vergessen, wo wir vor 16 Monaten waren"

Schäfer schimpft - und bearbeitet Schmadtke

Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer (v.li.)

Harmonisches Duo in Wolfsburg: Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer (v.li.). imago images

"Wir wissen, dass wir viele Dinge besser machen können." Marcel Schäfer ist es wichtig zu demonstrieren, dass er durchaus differenziert auf die Leistungen seiner Mannschaft schaut und Kritik von außen zulässt. Jedoch ging es ihm in den vergangenen Wochen zu weit. "Das Glas", stellte er fest, "ist bei uns immer halbleer und nicht halbvoll." Konkreter: Die "Haltung" rund um den VfL, "im Umfeld", empfand Schäfer als "sehr negativ, teilweise total unbegründet. Diese Haltung stört mich extrem. Ich habe nicht vergessen, wo wir vor 16 Monaten waren."

Schäfer erinnert an die Jahre im Abstiegskampf, in der Relegation. Der VfL stand schon mit einem Bein in der 2. Liga, es war in der Schlussphase von Geschäftsführer Klaus Allofs und dessen Nachfolger Olaf Rebbe so ziemlich alles aus dem Ruder gelaufen bei dem Pokalsieger und Vizemeister von 2015. "Der Verein lag sportlich am Boden", betont Schäfer. Das wird dem 35-Jährigen nun zu schnell vergessen. Überraschend fix ging es in der vergangenen Saison unter der Führung von Jörg Schmadtke und Schäfer sowie mit Trainer Bruno Labbadia zurück in die Europa League, die Erwartungshaltung stieg automatisch wieder. Und ist nun zu hoch, wie der Sportdirektor meint. "Vor einem Jahr hat sich jeder gewünscht, dass wir vier, fünf Jahre nichts mit dem Abstieg zu tun haben."

Die meisten Spiele in dieser Liga sind extrem eng. Siege sind nie selbstverständlich.

Marcel Schäfer

Nun ist der VfL wieder oben, und trotzdem kam medial wie auch unter den Fans deutlich vernehmbare Kritik auf. Spielerisch wusste der VfL zu Saisonbeginn längst nicht immer zu überzeugen, profitierte vom vermeintlich leichten Auftaktprogramm, das Gegner bot, die in der unteren Tabellenhälfte beheimatet sind. "Das ist respektlos diesen Mannschaften gegenüber", schimpft Schäfer. "Vermeintlich kleine Gegner bringen vermeintliche Favoriten ins Straucheln. Die meisten Spiele in dieser Liga sind extrem eng. Siege sind nie selbstverständlich."

Und so war es dennoch auch für den VfL spannend, wie sich die Mannschaft gegen potenzielle Spitzenteams der Liga verkauft. Offensichtlich war schon vorher: Defensiv steht das Glasner-Team im neuen 3-4-3-System top, lässt, und das ist eine Besonderheit, egal in welcher personellen Abwehrkonstellation, nur sehr wenige Chancen der Gegner zu. Und das auch in Leipzig, gegen einen Champions-League-Teilnehmer. Das 1:1 zeigte: Der VfL kann mithalten.

Wohin kann das führen in dieser Saison? Will der Tabellenzweite nun schon in diesem Jahr, das auch noch der sportlichen Stabilität dienen soll, oben angreifen? Sprich: Ist die Champions League in dieser offenbar ausgeglicheneren Liga das neue Ziel des Vorjahressechsten? Schäfer drückt es so aus: "Wir wollen uns stabilisieren und nächstes Jahr wieder international spielen."

Enttäuschende Zahlen

In dieser Spielzeit ist der VfL in der Europa League vertreten, nach zwei Partien und vier Punkten gegen Oleksandrija (3:1) und Saint-Etienne (1:1) ist die Glasner-Truppe auch hier noch unbesiegt, am Donnerstag geht es nach Gent. Jedoch: Euphorie, egal in welchem Wettbewerb, kommt rund um den Verein nicht auf. Der Zuschauerschnitt in der Liga liegt bei 24.245, gegen Oleksandrija kamen zum internationalen Auftakt 10.112 - und selbst diese Zahl wirkte beim Blick in die leere Arena noch geschönt. "Ich hätte gedacht, dass wir die Leute eher wieder zurückbekommen", sagt Schäfer, "wir haben uns Vertrauen erarbeitet. Das ist sehr schade, wir haben bei den Zuschauer-Zahlen noch Luft nach oben."

Haben die Jahre im Tabellenkeller die Zuschauer vergrätzt? Schäfer sieht auch noch einen anderen Faktor. "Jeder weiß, dass ich mich als Wolfsburger fühle, aber man muss schon sagen, dass es den Menschen in Wolfsburg in allen Bereichen sehr gut geht. Wenn wir Wolfsburger jammern, dann ist das meistens auf extrem hohem Niveau. Und das könnte sich auch bei uns im Fußball widerspiegeln."

Harmonisches Duo

Nichts zu jammern gibt es für Schäfer dagegen in der Zusammenarbeit mit Jörg Schmadtke. Der Geschäftsführer und sein Sportdirektor harmonieren, in sämtlichen Bereichen ist der VfL unter dem Duo vorangekommen. "Es macht viel Spaß", sagt Schäfer, der in seinem zweiten Jahr in sportlicher Verantwortung arbeitet. "Ich lege sehr viel Wert auf sein Feedback." Kürzlich dachte Schmadtke, der in Wolfsburg noch bis 2021 unter Vertrag steht, bereits laut über sein Karriereende und einen Rückzug aus dem Bundesliga-Business nach. Geht es nach Schäfer, kann sich sein Vorgesetzter noch Zeit lassen. Entsprechend bearbeitet er ihn. "Sein Karriereende versuche ich vehement nach hinten zu verschieben. Die Konstellation ist gut für den Verein, gut für Jörg und gut für mich."

Dass Schäfer eines Tages in die Fußstapfen des 55-Jährigen treten wird, ist aus aktueller Sicht naheliegend. "Das kann ein Gedanke sein", gibt Schäfer zu, "es kommt immer auf die Situation an." Dass der VfL dem Ex-Profi am Herzen liegt, ist nach zehn Jahren und 256 Bundesligaspielen im grün-weißen Dress hinlänglich bekannt. "Jeder weiß, wie ich zu dem Verein stehe." Und diesen Klub verteidigt er mit aller Kraft. Als Aktiver mit sportlichen Taten, als Sportdirektor nun mit klaren Worten.

Thomas Hiete