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Situationsbericht über die 2. Liga in Griechenland

"Ein marodes, wertloses Produkt"

Situationsbericht über die 2. Liga in Griechenland

Herbstliches Chaos: Der Ball ruht in Griechenlands SuperLeague 2.

Herbstliches Chaos: Der Ball ruht in Griechenlands Super League 2. imago images

Der 7. März 2019 sollte den Neuanfang im griechischen Profifußball besiegeln. Im Parlament wurde ein Reformplan von Sportminister Georgios Vasiliadis verabschiedet, nach dem "alle Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Probleme im Fußball hierzulande zu lösen".

Das Wichtigste vorab: Die erste Liga wurde von 16 auf 14 Vereine reduziert, die zweite sollte gar mit nur 12 statt bis dahin 16 spielen. Für den normalen deutschen Fan unvorstellbar: Die Reform betraf bereits die Saison 2019/20. Das heißt, alle abstiegsgefährdeten Vereine erfuhren zwei Monate vor Saisonende beider Ligen, dass es viel mehr Absteiger geben würde.

Streitpunkt TV-Gelder

Die Empörung der kleineren Vereine, vor allem die der zweiten Liga, wurde mit einem sehr spendabel angesetzten TV-Vertrag mit dem staatlichen Fernsehen ERT ruhiggestellt. Für die nächsten fünf Jahre wurden Einnahmen von über einer Million für jeden Zweitligisten in Aussicht gestellt (Gesamtvolumen: etwa 13 Millionen Euro). Kurze Zeit später wurde daraus ein Dreijahresvertrag, um kurz vor den vorgezogenen Parlamentswahlen im Juli zurückzurudern und nur noch einen rechtlich nicht bindenden Vorvertrag für die Saison 2019/20 abzuschließen. Böse Zungen behaupteten schon im Juli, dass die damalige Regierung nur deswegen so großzügig war, weil sie wusste, dass sie die Wahl verlieren würde und somit nicht selbst den Vertrag erfüllen müsste.

Nach dem Regierungswechsel im Juli sah die neue Führung von ERT angesichts der insgesamt 50 bis 60 Millionen TV-Gelder per anno im Profifußball (in 1. und 2. Liga) die Existenz des Senders gefährdet und bat die Zweiligaklubs zum Gespräch. Der Saisonstart wurde von Ende August auf das zweite September-Wochenende verschoben, letztlich ging es am 28./29. September endlich los.

Nun soll es endlich weitergehen

Es sollte der bislang einzige Spieltag bleiben, da bis heute eine Kürzung um 50 Prozent der TV-Gelder im Raum steht. Der ein oder andere Klub wollte annehmen, die meisten planten schon mit dem längst zugesagten Geld. Es folgten Streiks und weitere Gespräche. Aktuell ist man so weit, dass in der laufenden Woche ein neuer TV-Vertrag für die Saison 2019/20 unterschrieben werden soll. Danach soll es am kommenden Wochenende weitergehen. Endlich, denken die Fans, aber auch die betroffenen Vereine.

Manche Klubs, wie zum Beispiel PAS Ioannina, stehen als doppelte Verlierer da: zunächst durch die Verkleinerung der Super League 1 als Tabellen-14. abgestiegen und darüber hinaus noch ohne die wichtigen TV-Einnahmen. Trainer Argirios Giannikis (zuvor Aalen, Essen und Co-Trainer in Karlsruhe) hat zudem Probleme sportlicher Natur: "Wir sind am 17. Juli in die Saisonvorbereitung gestartet in dem Glauben, dass die Saison Ende August beginnt. Die Belastungssteuerung und Trainingsintensität gestalten sich schwierig, letztlich auch die Mannschaftsführung." Angesichts der mehr als dreimonatigen Saisonvorbereitung kein unwichtiger Aspekt.

Einen anderen verfolgt Sakis Kalogeropoulos, der erst im Sommer den Traditionsverein Panahaiki als neuer Eigner übernahm: "Wir haben einen langfristigen Plan für die erste Mannschaft sowie unsere Jugendabteilungen. Der Stillstand der letzten Wochen und die Probleme der SL 2 erschweren immens unser Vorhaben." Die Hafenstadt Patra mit einer Viertel Million Einwohner plus dem Traditionsverein gaben dem schwedischen Unternehmer eine Perspektive. Konfrontiert wird er und alle anderen momentan mit einem ruhenden Spielbetrieb.

Und selbst finanziell solide Klubs wie Doxa Dramas machen sich Sorgen. Deren Vizepräsident Andreas Otapasidis rechnet vor: "Wenn man alle Abgaben abzieht, bleiben netto für jeden Verein 345.000 Euro. Es ist zu befürchten, dass die Saison für einige Klubs sehr schwierig wird."

Eine Liga für Sportwetter

Die Liga galt lange Zeit nur für Sportwetter interessant, die Zuschauerzahlen waren mit einigen Hundert pro Spiel niedriger als in jeder deutschen Regionalligapartie. Ständige finanzielle Probleme der Klubs führten dazu, dass mitten in der Saison Teams aufgeben oder bestenfalls mit Punktabzügen abfinden mussten. Spätestens nachdem mehrere Partien unter Manipulationsverdacht standen, wie es die UEFA bezeichnete, die aber nie vom zuständigen Sportministerium abschließend untersucht worden waren, wendeten sich die auch letzten Zuschauer ab.

Trotz der vielen Traditionsvereine genießt die zweithöchste Spielklasse einen schlechten Ruf und ist somit uninteressant für Spieler, Zuschauer und Sponsoren. Die Stadien, ohnehin schon mit dem "Charme" von Amateursportstätten der 1990-er Jahre ausgestattet, verfallen immer mehr. Marketingstrategien sind anscheinend unmöglich, so die Insider der Branche: "Das Gesamtkonstrukt 2. Liga ist marode und veraltet. Somit ein wertloses Produkt. Solange sich das Sportministerium und die Vereine nicht mittels eines langfristigen Sanierungsplans ernsthaft damit beschäftigen, wird jedes Jahr alles nur schlimmer."

Die Vasiliadis-Reform ist aufgrund des herbstlichen Chaos' und des ungewissen Saisonverlaufs schon jetzt de facto gescheitert. Das Chaos, das die Politik verhindern wollte, ist nun noch größer geworden - in den letzten Jahren kein Einzelfall in Griechenland.

Georgios Vavritsas