Kaya Lichtleitner über ihren Titel

Pokémon-Weltmeisterin: "Es gab nur wenige, die wie ich gespielt haben"

Kaya Lichtleitner ist Pokémon-Weltmeisterin. Im Interview mit kicker eSport spricht sie über ihre Wurzeln.

Kaya Lichtleitner ist Pokémon-Weltmeisterin. Im Interview mit kicker eSport spricht sie über ihre Wurzeln. Nintendo/kicker eSport

Mit Kaya Lichtleitner ist eine deutsche Nachwuchsspielerin Pokémon-Weltmeisterin geworden. 12 ist sie erst und trotzdem schon eine ganze Weile dabei: Fünf Jahre ist sie aktiv und in Szene und Rangliste längst bekannt und berüchtigt. Der Weltmeistertitel war da nur die Krönung einer erfolgreichen Saison.

Auch zwei Monate nach ihrem Titelgewinn ist Lichtleitner noch immer etwas sprachlos: "Es bedeutet mir sehr viel, Weltmeisterin geworden zu sein. Eigentlich kann ich es immer noch nicht richtig fassen. Es war immer mein Traum und jetzt habe ich es endlich erreicht", sagte sie uns im Interview.

Den Traum vergoldet Nintendo mit einem für das Unternehmen unüblich hohem Preisgeld: Die Weltmeisterin bekommt zu Titel und Pikachu-Statue 25.000 US-Dollar in Form eines Stipendiums. Die wolle sie aufheben, sagt sie uns, und "nach dem Abitur für ein Studium verwenden". Auch sonst ist Lichtleitner bodenständig: Sie spielt gern Tennis und malt in ihrer Freizeit, eine ganz normale Jugendliche also, mit Pokémon als Hobby. "Außerdem möchte ich jetzt lernen, Gitarre zu spielen und Gesangsunterricht nehmen", sagt sie.

Deckwechsel bringt Sieg

In Sammelkartenspielen müssen Taktiken erdacht und während der Partien ständig die eigenen Optionen bewertet und bestmöglich gespielt werden. Auch müssen die Kontrahenten ihre Gegner im Blick behalten und mehrere Züge vorausdenken. Aufgaben, die auf hohem Niveau große kognitive Fähigkeiten benötigen. Es verwundert daher kaum, dass Lichtleitner uns im Interview erzählt, dass sie "eigentlich in allen Fächern in der Schule gut" sei und ganz besonders "Mathe, Physik und Kunst" mag.

Ihren Erfolg führt Lichtleitner auch auf ein wenig Glück zurück. Ihre Matchups seien zwar nicht leicht, aber durchaus vorteilhaft für sie gewesen. Das konnte man gut im Finale der WM beobachten: Ihr Gegner Grant Shen hatte keine Chance mit seinem Deck und ging sang- und klanglos unter. Die Weltmeisterin hat kurz vor dem Turnier noch einmal ihr Deck gewechselt. Eigentlich sei sie Fan von "Pikarom", einer Kartenzusammenstellung, die um ein starkes Pikachu-Zekrom-Tagteam aufgebaut wird. Allerdings gehe es für Trainer immer darum, sich vor einem Kampf in die beste Ausgangsposition zu bringen, sagt Lichtleitner. Es gälte zu erkennen, wann die eigene Zusammenstellung gegenüber den meisten Decks im Nachteil sei und dann zu wechseln. In Washington trat sie mit einem anderen Tagteam an: Glurak und Reshiram sollten einen vernichtenden Feuersturm entfesseln. "Ich glaube, ich war eine der wenigen, die das Deck so gespielt haben. Ich habe nicht so viele gesehen, die es genauso wie ich gespielt haben", sagt Lichtleitner und erklärt so auch ihren Erfolg.

Brüder als Mentoren

Überhaupt zu spielen begonnen hat sie wegen ihrer beiden Brüder: Als die aufhörten, schlug Lichtleitners Stunde und sie konnte von ihren Erfahrungen profitieren. Sie ist trotz der prinzipiellen Offenheit von Pokémon nahezu das einzige Mädchen, das sich in der Weltspitze behaupten kann. Gibt ihr Titel der deutschen Szene nun einen Schub? "Ich glaube, dass mein Titel vielleicht nicht unmittelbar eine Auswirkung auf die Pokémon-Szene in Deutschland hat, und ich bin mir nicht sicher, ob sich durch mich andere motiviert fühlen, auch zu spielen. Vielleicht ist es aber auch so, das wäre schön."

"Das Videospiel ist nichts für mich"

Und auch in die Zukunft blickt Kaya Lichtleitner mit Zuversicht. In ein paar Jahren muss sie zu den Erwachsenen in die nächsthöhere Spielklasse wechseln. "Ich glaube, dass sich in der Master Division viel ändern wird, die Turniere werden größer, schwerer und dauern länger. Aber - man weiß nie, es bleibt dasselbe Spiel und ich werde auch älter sein." Sie spielt bereits seit geraumer Zeit auf hohem Niveau, es spricht wenig dafür, dass sich das zukünftig ändert. Wäre denn der Wechsel zur elektronischen Ausgabe von Pokémon etwas für die Jugendliche? "Ich glaube, das Videospiel ist nichts für mich. Ich kenne es, wollte es aber nie spielen. Heute will ich nicht mehr wechseln, ich bleibe bei den Karten."

Es ist auch diese Bestimmtheit, die Lichtleitner zum Sieg getragen hat, denn nur wer schnell entscheidet und die eigene Taktik ohne Zweifel umsetzt, hat eine Chance auf den Weltmeistertitel. Finanziell ist die Entscheidung ebenso klug: Die Videospieler erhalten 15.000 US-Dollar Preisgeld weniger für den Titel. Aber darum geht es Kaya Lichtleitner nur am Rande: "Ich finde einfach, dass Pokémon ein tolles Spiel ist und es viel Spaß macht."

Holm Kräusche