Über Nachlässigkeit, Torwartfrage, Stammpersonal und Lehrmaterial

U 21: Fünf Erkenntnisse nach der Bosnien-Reise

Stefan Kuntz (l.) und Akteure der U 21 beim Em-Qualifikationsspiel in Bosnien-Herzegowina

Stefan Kuntz und Akteure der U 21 beim EM-Qualifikationsspiel in Bosnien-Herzegowina. imago images

Der Hang zur Nachlässigkeit

Auswärts 2:0 gewonnen, kein Gegentor kassiert - da gibt es doch nichts zu meckern, oder? Doch, gibt es. Die deutsche Auswahl trat gegen tief stehende Bosnier von Anfang an recht träge auf. Man konnte sich dem Eindruck nicht erwehren, dass sich die Spieler nach dem überraschend starken Auftritt beim 1:1 in Spanien etwas zurücklehnten, sich ihrer Sache gegen eine nominell schwächere Mannschaft sehr sicher waren und es mit halber Kraft probierten. "Das Schlimme ist, wir haben noch über selbsterfüllende Prophezeiungen gesprochen. Deswegen habe ich das Thema in der Sitzung vor dem Spiel weggelassen, da muss ich mir wohl aber was anderes überlegen", sagte Kuntz, der direkt nach dem Spiel bei den Iberern vor der ganz anderen Partie auf dem Balkan gewarnt und konkrete Forderungen formuliert hatte.

Im Offensivspiel hakt es noch gewaltig

Die wurden vor allem im Angriffsspiel selten bis gar nicht befolgt. "Wir haben weder Dynamik ausgelöst durch Aktionen oder Pässe, noch haben wir uns dynamisch freigelaufen, das war alles in einem Trott, dazu kam diesmal eine sehr schlechte Passqualität", übte der enttäuschte Trainer deutliche Kritik. Der frühere Torjäger nahm seine Schützlinge jedoch auch in Schutz: "Das Einspielen in der Offensive ist die schwerste Disziplin." Wenn man wie die DFB-Junioren aber ein Top-Team sein will, gilt es diese Aufgabe schnell zu meistern.

Die Defensive wirkt schon recht stabil

Auf der anderen Seite des Spielfeldes gibt es hingegen nicht so viel Nachholbedarf. Vor allem die Innenverteidiger Nico Schlotterbeck, der insgesamt 90 von 180 Minuten hinten links spielte, und Luca Kilian ragen heraus. Neben der guten Arbeit im Kerngeschäft erzielten beide auch noch wichtige Treffer, Schlotterbeck in Spanien, Kilian in Bosnien. Kuntz lobte nach dem 2:0 das gesamte Abwehrverhalten: "Bei der Defensivleistung konnten wir an das Spanien-Spiel anknüpfen, dabei kann man die Mentalität herausheben. Bei fast allen Spielern war der unbedingte Wille zur Torverteidigung sehr gut."

Schubert im Torwart-Duell im Vorteil - Stammelf bildet sich heraus

In der zweiten Halbzeit ließ in einer Phase aber auch die Defensivleistung nach, die sonst harmlosen Bosnier wurden zu Kontern eingeladen und besonders nach Eckbällen gefährlich. Einmal kam Vladan Danilovic aus kurzer Distanz zum Kopfball, Markus Schubert verhinderte den Einschlag aber mit einer starken Parade. Wie schon in Wales (5:1) spielte der Schalker Ersatzmann auch im zweiten Pflichtspiel durch, nachdem er sich in den Tests gegen Griechenland (2:0) und in Spanien die Spielzeit mit Kaiserslauterns Lennart Grill geteilt hatte. "Die Entscheidung war knapp", sagte Kuntz, die Torwartfrage sei aber noch nicht abschließend entschieden. Allgemein erklärte der 56-Jährige: "Wir können schon von einem Stamm reden. Dort, wo es 50:50 stand, hatten einige durch die guten Anfangsphasen gegen Griechenland und in Wales noch einen kleinen Bonus für die Startaufstellung." Neben Schubert in beiden Quali-Spielen von Beginn an auf dem Platz: Schlotterbeck, Kilian, Ridle Baku, Janelt, Fein, Hack, Serra und Kapitän Johannes Eggestein. Von diesen Neun enttäuschten in Bosnien jedoch einige und werden sich im Training und im nächsten Spiel strecken müssen, um nicht aus dem Stammkreis zu rutschen. Joker wie die Stürmer Nmecha und Berisha haben durch starke Leistungen Ansprüche angemeldet.

Vorfreude auf Lehrmaterial und Trainingszeit

In der kommenden Länderspielphase im November steht nur ein Spiel an: die Quali-Partie am Sonntag, 17. November, in Freiburg gegen Belgien. Kuntz und sein Trainerteam freuen sich auf eine ganze Trainingswoche im Vorfeld. "Wenn wir aus dem Spiel lernen, und da gibt es viele Ansätze, war es gut, weil wir trotzdem verdient gewonnen haben", hofft Kuntz auf einen Lerneffekt und hat dafür bereits genügend Lehrmaterial gesammelt: "Durch die vier Spiele können wir in der Analyse schon relativ viel mit den Jungs durchgehen. Dann müsste normal der nächste Schritt erfolgen." Was zu beweisen wäre.

Carsten Schröter-Lorenz