Ein Kommentar von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Brandt, Havertz, Reus: Ohne Körperlichkeit geht es nicht

Hochveranlagt, aber ohne Körperlichkeit: Marco Reus, Julian Brandt und Kai Havertz.

Hochveranlagt, aber ohne Körperlichkeit: Marco Reus, Julian Brandt und Kai Havertz.

Und dann war es letztlich doch noch ein ordentlicher Sieg, zumindest vom Ergebnis her. Mit 3:0 gewann die deutsche Nationalmannschaft beim 102. der FIFA-Weltrangliste, Estland. Die Pflicht war damit wenigstens erfüllt, mehr jedoch nicht.

Konfuse Vorstellung - Laufwege endeten in einem Knäuel

Nach Emre Cans frühem Platzverweis (14.) zeigte die deutsche Mannschaft Wirkung. Die Ordnung ging ziemlich verloren. Gerade vor der Pause mutete die DFB-Auswahl sich und ihrem Anhang eine konfuse Vorstellung zu, zusammenhanglos im Spiel nach vorne mit Fehlpässen und Ballverlusten am laufenden Band. Das letzte Zuspiel in die Tiefe wurde immer wieder abgefangen, die Laufwege wurden zu einem Knäuel. Dribblings fanden nicht statt.

Spielersteckbrief Reus

Reus Marco

Spielersteckbrief Brandt

Brandt Julian

Spielersteckbrief Havertz

Havertz Kai

Trainersteckbrief Löw

Löw Joachim

Die schönste Fußball-Kunst hilft nicht weiter

Warum versuchen es so feine Fußballspieler wie Marco Reus, Kai Havertz oder Julian Brandt nicht, sich im direkten Duell durchzusetzen und damit entscheidend Raum in der dichten gegnerischen Abwehr zu schaffen? Das permanente, wenn auch mit Eile probierte Flachpassgeschiebe reißt keine Lücken, schon gar nicht, wenn es so fehlerhaft und ohne Abstimmung zwischen Passgeber und -empfänger inszeniert wird. Die schönste Kunst wird im Fußball nicht weiterhelfen, wenn die Körperlichkeit fehlt.

Brandt ist das Paradebeispiel dafür, dass es ohne physischen Widerstand nicht geht. Auch der höchstbegabte Kai Havertz wird lernen müssen, sich zu behaupten. Wer so viel Talent hat und so viel Kredit in der Öffentlichkeit genießt, muss gegen einen Gegner wie die zum Teil hölzernen Esten diese Sonderklasse zeigen.

Ein Spieler mit den außergewöhnlichen Anlagen eines Havertz darf sich nicht einen allmählichen Anlauf hinein in die Startelf gönnen, er muss von sich selbst fordern, sich möglichst bald einen Stammplatz in der DFB-Auswahl zu sichern.

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Genauso muss der Routinier Reus mehr Widerstand in den direkten Duellen auf dem Platz und eine entschlossenere Körpersprache zeigen. Allein ihr schönes Spiel, das diese Könner beherrschen, wird nicht reichen, um bei der EM 2020 zu glänzen.

Die angepeilte Stiländerung, möglichst schnell nach Ballgewinn den Konter in die Spitze zu setzen, lässt sich gegen Gegner aus dem europäischen Establishment umsetzen, aber gegen Abwehrmauern - mögen sie auch brüchig sein wie die der Esten - müssen andere Lösungen her: flottes Spiel und beherzte Läufe über die Flügel; präzise, messerscharfe Pässe in die Schnittstellen. Da hat Bundestrainer Joachim Löw noch viel zu tun.

Gündogans Fehler wiederholen sich

kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Gestört wurde die Vorbereitung auf dieses Qualifikationsspiel, weil Ilkay Gündogan und Emre Can bei Instagram ein Foto gelikt hatten, das die türkische Nationalmannschaft nach dem 1:0-Sieg gegen Albanien in die Kamera salutierend zeigt. Beide Spieler zogen ihren Like später zurück. Ist es nun unbedarft-naiv, wenn solche Aktionen gerade einem Gündogan nicht nur einmal passieren? Alle noch so ehrenwerten Bekenntnisse zu den Werten dieses Landes und der deutschen Nationalmannschaft werden nicht glaubhafter, wenn wiederholt die gleichen Fehler gemacht werden.

Ohnehin wären Nationalspieler besser beraten, sich in der unmittelbaren Vorbereitung auf ein Länderspiel um ihre fußballerischen Aufgaben zu kümmern, als um die sozialen Medien.

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