Die Gründungself wird prominent erweitert

Jury hat gewählt: Fünf Neuzugänge in der Hall of Fame

Neu in der Hall of Fame: Jürgen Klinsmann (li.) und Oliver Kahn.

Neu in der Hall of Fame: Jürgen Klinsmann (li.) und Oliver Kahn. imago images

Gerd Müller und Uwe Seeler gemeinsam in der Offensivabteilung. Ob das eine gute Idee sei, darüber stritten die Fußballexperten und Schriftgelehrten Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Auch der damalige Bundestrainer Helmut Schön war sich da nicht so sicher. Der Beweis wurde spielend erbracht, noch dazu in einem Jahrhundertspiel. Beim 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen England im Viertelfinale der WM 1970 in Mexiko trafen die beiden besten Angreifer, die der deutsche Fußball hatte, spektakulär ins Tor. Seeler erzielte einen seiner berühmtesten Treffer, den mit dem Hinterkopf.

"Bomber" Müller und "Uns Uwe" in einer Sturmreihe? Die Antwort darauf fiel der Jury ein knappes halbes Jahrhundert später bei der Nominierung der Gründungself für die Hall of Fame nicht schwer. Selbstverständlich stellte sie im Herbst 2018 die Ikonen des FC Bayern München und Hamburger SV auf.

Overath als Selbstläufer

Jetzt, vor dem Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen Argentinien, tagte das Gremium im Dortmunder Museum erneut, um über weitere Aufnahmen zu entscheiden. Die erschwerte Bedingung: Im zweiten Jahrgang waren nur fünf Neuzugänge möglich - statt einer kompletten Elf und eines Trainers bei der Premiere.

Ein Selbstläufer war diesmal nur Wolfgang Overath. Vor einem Jahr noch hatte es eine leidenschaftliche Debatte gegeben: Gehört die Mönchengladbacher Legende Günter Netzer ins zentrale Mittelfeld oder die Kölner Lichtgestalt Overath? Das Ergebnis fiel schließlich hauchdünn zugunsten des Regisseurs der Fohlenelf aus. Was zu Diskussionen untereinander auch noch bei der Gala für die Gründungself führte. Die Sportkameraden Beckenbauer, Breitner und Co. konnten immer noch wie einst in den gemeinsamen, aktiven Zeiten trefflich darüber streiten, wem die Zehner-Rolle im Trikot mit dem Bundesadler gebührte.

Für Helmut Schön war das eine nie eindeutig zu beantwortende Frage. Gut ausgegangen ist es trotzdem, wenn auch mit mehr Rivalität als bei Müller/Seeler. In der Ära Netzers und Overaths wurde das DFB-Team 1972 mit Ramba-Zamba-Fußball und Netzer in der Endspiel-Startelf Europameister. Zwei Jahre später beim WM-Triumph in München lief Overath in der Zentrale auf.

Also war es diesmal keine Frage: Der große Kämpfer und filigrane Techniker Overath -Zweiter, Dritter, Erster der Weltmeisterschaften von 1966 bis 1974, Deutscher Meister 1964, DFB-Pokalsieger 1968 und 1977 - wird in die Hall of Fame aufgenommen.

"Beckenbauer des Ostens" ist dabei

Nicht viel schwerer fiel die Nominierung von Oliver Kahn auf dem Posten zwischen den Pfosten. Wie sein Bundestorwarttrainer Sepp Maier ist Kahn der prägende Torhüter einer bestechenden Epoche des deutschen Fußballs, wenngleich er keinen WM-Titel gewann. Als Profi und Persönlichkeit des FC Bayern ragte der frühere Karlsruher über viele Jahre heraus. In 86 Länderspielen, mit dem Champions-League-Triumph 2001, mit einem UEFA-Cup, sieben Meistertiteln, fünf Pokalgewinnen. Zur Erinnerung: Toni Turek, Schlussmann beim Wunder von Bern, spielte von 1950 bis 1954 nur 20-mal in der Nationalelf.

Erfolgreiches Duo: Wolfgang Overath (li.) und Trainer Helmut Schön beim WM-Erfolg 1974.

Erfolgreiches Duo: Wolfgang Overath (li.) und Trainer Helmut Schön beim WM-Erfolg 1974. imago images

So knapp wie vor einem Jahr bei Netzer/Overath fiel diesmal die Entscheidung in der Abwehr aus. Letztlich entschied sich die knappe Mehrheit des am "Decision Day" 21-köpfigen Gremiums für Hans-Jürgen Dörner und somit den "Beckenbauer des Ostens". "Dixie" Dörner absolvierte 100 Länderspiele für die Auswahl der DDR und führte diese zu ihrem größten Erfolg, dem Olympiasieg 1976 in Montreal. Der aus Görlitz stammende Dresdner wurde dort als Libero mit vier Treffern gar Torschützenkönig des Turniers. Fünfmal wurde er mit Dynamo Meister in der DDR, ebenso häufig gewann er mit diesem Klub den Verbandspokalwettbewerb.

Schön folgt Herberger

Mit Jürgen Klinsmann bekommt im Sturm ein weiterer 90er Weltmeister einen Platz in der Dortmunder Ruhmeshalle. Für den Europameister von 1996, zweimaligen UEFA-Pokalgewinner und Deutschen Meister 1997 spricht neben 108 Länderspielen auch seine internationale Vereinskarriere. In Italien (Inter Mailand, Sampdoria Genua), Frankreich (AS Monaco) und in England (Tottenham Hotspur) gewann der frühere Torjäger des VfB Stuttgart und von Bayern München viele Sympathien.

Wenn in den kommenden Jahren über weitere Neuaufnahmen entschieden wird, schlägt womöglich die Stunde eines Berti Vogts, Klaus Fischer oder Rudi Völler. Die Qual der Wahl jedenfalls wird nie enden. Mag der Bundestrainer Helmut Schön genau darunter vor allem bei Netzer und Overath gelitten haben, so eindeutig fiel das Votum letztlich in der offenen Kategorie aus, die an keinen Mannschaftsteil gebunden war, in der sich schließlich aber Trainer aufdrängten. In erster Linie eben der gebürtige Dresdner, der die DFB-Elf bei den beiden großen Triumphen in der ersten Hälfte der 70er Jahre betreute. Den "Mann mit der Mütze" als zweiten Trainer nach Sepp Herberger zu nominieren, war der Schlusspunkt einer mehrstündigen, teilweise durchaus kontroversen Sitzung.

Schön übrigens beruhigte den Konfliktherd vor der WM 1970 auf diplomatische Weise. Sollte er den alternden Torjäger Seeler zugunsten des jungen Müller opfern? Nein. Der so sensible wie erfolgreiche Bundestrainer (87 Siege in 139 Länderspielen) legte sie auf ein Zimmer. Das war eine gute Idee. Das Duo harmonierte, Deutschland wurde Dritter, Müller mit zehn Treffern Torschützenkönig.

Der Modus für die Jury der Hall of Fame

Auf Initiative des Deutschen Fußballmuseums unter der Leitung von Manuel Neukirchner waren die 28 Jurymitglieder im Vorfeld aufgerufen, eine persönliche Vorschlagsliste für die Neuaufnahmen einzureichen. Genannt werden konnten in verschiedenen Mannschaftsteilen Persönlichkeiten aus dem Männer- und Frauenfußball von 1900 bis heute, die ihre Karriere mindestens fünf Jahre beendet haben müssen. Zu berücksichtigen waren insbesondere herausragende Leistungen in der Nationalmannschaft vor und nach dem Krieg, in der ehemaligen DDR-Auswahl sowie im nationalen und internationalen Vereinsfußball. Daraus ergab sich eine Shortlist, über die wiederum in der jüngsten Sitzung diskutiert wurde. Die Entscheidung über die fünf Nominierungen fiel danach in geheimer Abstimmung.

"Auch Spielerinnen aus dem Frauenfußball und Persönlichkeiten wie Bert Trautmann und Gottfried Fuchs sind ausgiebig diskutiert worden. Diesmal sind sie noch nicht zum Zug gekommen", erklärte Neukirchner.

Die Hall of Fame ist Teil einer Dauerausstellung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Die Aufnahme der fünf Neuzugänge erfolgt im Rahmen einer Preisverleihung im kommenden Jahr. Die Jury entscheidet im jährlichen Rhythmus über weitere Neuaufnahmen aus dem Männer- und Frauenfußball.

Die Jury bilden: Frederik Ahrens (Hamburger Morgenpost), Gernot Bauer (Eurosport), Michael Bracher (DAZN), Gianni Costa (Rheinische Post), Alfred Draxler (BILD), Ralph Durry (SID), Marco Fenske (RND), Stefan Frommann (WELT/WELT am SONNTAG), Thomas Fuhrmann (ZDF), Pit Gottschalk (Fever Pit'ch), Anno Hecker (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Christian Hollmann (dpa), Jörg Jakob (kicker), Sascha Klaverkamp (Ruhr Nachrichten), Erich Laaser (VDS), Alexander Laux (Hamburger Abendblatt), Christian Löer (Kölner Stadt-Anzeiger), Manfred Loppe (RTL), Peter Müller (Funke Sport), Mario Nauen (Sky), Manuel Neukirchner (Deutsches Fußballmuseum), Dirk Preiß (Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten), Katrin Schulze (Der Tagesspiegel), Dirc Seemann (Sport1), Steffen Simon (WDR/ARD-Fernsehen), Sabine Töpperwien (WDR-Hörfunk), Martin Volkmar (Spox), Mark Weishaupt (Saarbrücker Zeitung).

Jörg Jakob

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