Interview mit Olympia-Teilnehmer Alex Megos

"Um den Medaillenspiegel kann sich der Rest der Welt kümmern"

Alex Megos

Die Parade-Disziplin: Alex Megos beim Lead-Klettern. imago images

Herr Megos, mit wie vielen Fingern klettern Sie zurzeit?

Mit neun.

Sie haben sich bei der WM in Hachioji Mitte August am kleinen Finger der linken Hand verletzt. Was genau ist passiert?

Die ganze Aktion war ja recht unspektakulär. Das Ringband ist gerissen. Ich musste kurz überlegen und testen, um zu wissen, ob das Band wirklich durch war. Da ich allein schon durch die Teilnahme am "Combined"-Finale für Olympia qualifiziert war (in diesem Finale standen vier Japaner, pro Nation dürfen nur zwei bei Olympia starten, Anm. d. Red.) habe ich entschieden, aufzugeben.

Hätten Sie sich durchgebissen, wenn es um die Olympia-Qualifikation gegangen wäre?

Ja, das hätte ich. Von den acht Athleten im Finale wäre ja nur einer rausgeflogen für Olympia. Wenn nicht vier Japaner im Finale gewesen wären, hätte Platz sieben gereicht. Letztlich ist es hypothetisch, aber ich glaube, ich hätte mich auch mit neun Fingern qualifiziert.

Die erreichte Olympia-Qualifikation war das Zwischenziel, dafür haben Sie seit 2017 Ihren Trainingsfokus komplett verändert. Wie sehen Sie diese Wettkampfphase seither?

Ich habe 2017 bei der Boulder-EM in München erstmals wieder wettkampf-mäßig geklettert (Vize-Europameister, Anm. d. Red.), danach habe ich mich entschieden, im Jahr 2018 voll auf Wettkämpfe zu setzen. Die Nationaltrainer vom DAV haben mir quasi eine Wild Card gegeben, um bei Weltcups zu starten, ohne vorher irgendwelche Kaderlehrgänge, interne Ausscheidungswettkämpfe oder Qualifikationen bestreiten zu müssen. Es war ein Shortcut für mich in die Wettkampfszene und der kam genau zum richtigen Zeitpunkt.

Gab es Probleme angesichts dieser Sonderbehandlung innerhalb des Nationalkaders?

Es gab natürlich Athleten, die das nicht für fair hielten. Aber ich habe immer meine Leistung gebracht, war bei allen Lead-Weltcups bester Deutscher, habe bei der WM Silber im Lead geholt und war bei fast allen Boulder-Weltcups auf dem Treppchen.

Wäre eine Rückkehr in die Wettkampfszene ohne den Reiz von Olympia vorstellbar gewesen?

Olympia spielte immer eine Rolle, na klar. Aber ich wollte nach meiner sechsjährigen Wettkampf-Pause auch wissen, ob ich in so einem Weltcup aufs Treppchen kommen oder beim Lead-Weltcup gewinnen kann.

"Olympic Combined" - wird dieses neu geschaffene Format den gerechtesten Olympiasieger im Sportklettern hervorbringen?

Prinzipiell begünstigt dieses Format einen Kletterer, der in einer Disziplin sehr gut ist. Ein Olympiasieger, der vor allem im Speedklettern die Grundlage für Gold legt, wäre aus meiner Sicht kein gerechter Olympiasieger. Für mich sind das Lead-Klettern und Bouldern die Hauptdisziplinen des Klettersports. Letztlich ist aber auch klar: Der, der am Ende Gold um den Hals gehängt bekommt, ist kein Zufallssieger.

Ein Olympiasieger, der vor allem im Speedklettern die Grundlage für Gold legt, wäre aus meiner Sicht kein gerechter Olympiasieger.

Alex Megos

Sie sind den "Combined"-Modus erstmals bei der WM in Hachioji geklettert. Haben Sie schon ein Gefühl für dieses Wettkampf-Format entwickelt?

Da die Wettkämpfe alle an einem Tag stattfinden, fühle ich mich mit meiner hohen Belastbarkeit und dem ausdauernden Klettern speziell in der letzten Disziplin Lead im Vorteil. Ich denke, das hat man auch in Hachioji gesehen, dass ich noch ein paar mehr Körner hatte. Aber Wegrutschen ist immer möglich, in Hachioji wäre ich ja auch fast schon an der vierten Sicherung im Lead runtergefallen. Es hilft, sich vorzustellen, dass es jederzeit in die Hose gehen kann, egal in welcher Disziplin.

Und wie gefällt Ihnen nun der "Combined"-Modus?

Anfänglich waren wir natürlich alle sehr skeptisch, aber mittlerweile finde ich es spannend. Dadurch, dass alle Platzierungen miteinander multipliziert werden, kann man durch eine gute Wertung extrem viel rausholen oder bei einem kleinen Fehler um etliche Plätze nach hinten durchgereicht werden. Jede Veränderung im Einzel-Ranking wirbelt das Gesamtranking durcheinander, so bleibt es wirklich bis zum letzten Zug spannend.

Wie schaut Ihre konkrete Vorbereitung bis Olympia aus?

Ich denke nicht, dass ich jetzt wild um den Erdball jette, um möglichst viele Wettkämpfe zu klettern, das wäre viel zu auslaugend. Ich suche mir Wettkämpfe aus, die für mich gut erreichbar sein werden, um weiter Erfahrung zu sammeln. Und natürlich muss ich mich im Bouldern und Speed verbessern.

Speed war für Sie Neuland, aktuell liegt Ihre beste Zeit bei 7,57 Sekunden, die Spitzenathleten sind etwa zwei Sekunden schneller. Welche Strategie verfolgen Sie für diese Disziplin?

Beim Speed ist es aktuell so: Rutscht mein Gegner mal ab, kommt er wahrscheinlich immer noch vor mir oben an. Ich brauche also eine Zeit, die es mir erlaubt, zu gewinnen, wenn mein Gegner abrutscht. Ich trainiere darauf hin, eine Zeit nahe der sieben Sekunden drauf zu haben. Damit ich mich um diese halbe Sekunde verbessere, muss ich richtig ackern. Ich habe dafür neuerdings einen Speed-Coach aus der Ukraine engagiert, der versucht, jede meiner Bewegungen auf diesen 15 Metern zu optimieren.

Ich brauche also eine Zeit, die es mir erlaubt, zu gewinnen, wenn mein Gegner abrutscht.

Alex Megos über das Speed-Klettern

Olympia ist immer auch einmaliges Erlebnis. Werden Sie das gesamte Programm mitmachen?

Das hatte ich auch gehofft, inklusive Eröffnungsfeier natürlich. Aber so wie es aussieht, sind die Athleten, deren Wettkämpfe in der zweiten Woche stattfinden, gar nicht zur Eröffnungsfeier eingeladen. Wir werden etwa zehn Tage vor meinen Wettkämpfen (4. August Qualifikation, 6. August Finale; Anm. d. Red.) anreisen, um uns zu akklimatisieren.

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Sie sind der bisher einzige deutsche Kletterer, der sich für Tokio 2020 qualifiziert hat. Wie fühlt sich das an?

Dass ich der erste deutsche Kletterer bin, ist mir völlig egal. Es entspannt mich aber definitiv, dass ich schon qualifiziert bin.

Und was ist mit dem Medaillenspiegel?

Um den kann sich der Rest der Welt kümmern. Davon muss man sich lösen, vor allem wir als Kletterer. Ich war schon mehr mit Athleten aus anderen Nationen im Urlaub unterwegs als mit den deutschen. Im Wettkampf kann man das natürlich ausblenden, und wenn einer besser ist an dem einem Tag, dann gehe ich trotzdem wieder mit ihm privat klettern.

Besteht nicht die Gefahr, dass das soziale Miteinander beim Klettern durch die olympische Aufmerksamkeit von seinen Wurzeln getrennt werden könnte?

Es kann gut sein, dass Kletterer wie Adam Ondra (Welt- und Europameister im Lead-Klettern, Anm. d. Red.) oder ich die letzte Generation repräsentieren, die sich nicht nur über Wettkämpfe definiert. Beim Felsklettern geht es natürlich auch darum, ob ich eine Route schaffe, aber nicht nur. Da spielt das soziale Miteinander eine große Rolle, genauso aber auch, dass man sich durch das Klettern die ganze Welt anschauen, Natur und fremde Kulturen erleben kann. Viele der Athleten bei Olympia werden deutlich jünger sein als ich und haben mit dem Felsklettern nichts mehr am Hut. Wenn ich mir jetzt vorstelle, welche Bilder bei den Zuschauern vom Klettern bei Olympia in den Köpfen hängen bleiben, dann werden es wahrscheinlich die vom Speed-Wettkampf sein. Es ist kein Vorwurf, aber meine Kletteridee ist eine andere.

Olympischer Gedanke oder Medaille über allem?

Es ist wirklich cool, dabei zu sein, eine Medaille ist definitiv kein Antrieb. Die Chance, dass es für einen Felskletterer wie mich, der erst seit zwei Jahren Wettkämpfe bestreitet, mit einer Medaille endet, ist eher gering. Letztlich qualifizieren sich nur 20 Athleten weltweit, unter diesen zu sein, ist schon mal eine sehr gute Erfahrung.

Und müssen Sie sich nach Olympia wieder entscheiden zwischen Wettkampf- und Felsklettern?

Ja, das ist so.

Interview: Bernd Staib