Statistik widerlegt die Kritiker

Boateng: Besser als sein Ruf

Jerome Boateng

Wurde zuletzt wieder gebraucht: Jerome Boateng. imago images

Seit seiner Ausbootung durch Bundestrainer Joachim Löw zu Beginn dieses Jahres ist die Länderspielzeit eine ruhige für Jerome Boateng. Während viele seiner Kollegen quer durch Europa und den Rest der Welt reisen, trainiert der Ex-Nationalspieler mit der kleinen Restgruppe an der Säbener Straße. Dass der 31-Jährige dies überhaupt noch tut, ist erstaunlich genug, legte ihm Präsident Uli Hoeneß doch nach dem Double im Frühjahr öffentlich und deutlich einen Vereinswechsel nahe.

Ein Transfer zu Juventus Turin Ende August platzte. Noch erstaunlicher ist allerdings, wie regelmäßig Boateng zuletzt zum Einsatz kam. Nachdem der Weltmeister von 2014 zunächst fast schon erwartungsgemäß auf der Ersatzbank saß, griff Trainer Niko Kovac in fünf der jüngsten sechs Pflichtspiele auf den Innenverteidiger zurück.

Die Bayern können froh sein, Boateng nicht verkauft zu haben

Natürlich hat dies auch mit Ausfällen zu tun: David Alaba fehlte zuletzt verletzt, Lucas Hernandez auch. Und Benjamin Pavard benötigte Kovac oft rechts in der Viererkette, weil er Joshua Kimmich von dort ins Mittelfeld zog. Trotzdem können die Bayern froh sein, Boateng nicht verkauft zu haben. Die Personaldecke im defensiven Zentrum wäre sonst arg dünn, zumal der Fußballer des Jahres von 2016 immerhin Javi Martinez im internen Ranking abgelöst hat. Der Sechser galt in den internen Plänen zu Saisonbeginn auch als vollwertige Innenverteidiger-Alternative.

Auch wenn Boateng nicht mehr so stark spielt wie in seinen besten Jahren zwischen 2012 und 2016: So schlecht, wie ihn manch Beobachter sieht, ist er mitnichten. Wird er wie beim 1:2 gegen Hoffenheim zweimal vor den Gegentoren getunnelt, sieht das blöd aus, der eigentliche Fehler begann jedoch schon früher bzw. weiter vorne. Und wenn im Mittelfeld der Zugriff fehlt und Räume klaffen, sehen Innenverteidiger bei präzisen Schnittstellenpässen immer schlecht aus, so geschehen in den ersten 30 Minuten beim 7:2 bei den Tottenham Hotspur.

Boateng sprintet schneller und foult weniger - gewinnt aber auch weniger Zweikämpfe

Boateng kicker-Notenschnitt 3,38 aus vier Bundesligaspielen ist besser als derjenige der französischen Weltmeister Hernandez und Pavard, in der Champions League (Note 3 in London) agierte er insgesamt solide. Auch andere Statistiken sprechen eher für als gegen Boateng, viele seiner Werte sind besser als in den vergangenen beiden Jahren. In der aktuellen Saison läuft er mehr, sprintet schneller, fängt häufiger Pässe ab und foult seltener. Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass er seinen Top-Speed von 33,28 km/h aus der Vorsaison auf 33,74 gesteigert hat und mit 9,6 Zweikämpfen im Schnitt pro 90 Minuten fast doppelt so viele führt wie 2018/19 (4,9).

Gesunken ist allerdings die Quote der siegreichen Duelle: von 66,3 Prozent auf 62,9. Unerreicht ist bei Bayern in dieser Kategorie aktuell Niklas Süle mit sehr starken 75,6 Prozent (Bundesliga-Bestmarke). Boatengs Wert wiederum ist besser als 2017/18, als es "nur" 60,9 Prozent waren. Noch sind diese Zahlen nur ein Trend. Und wenn Hernandez und Alaba zurückkehren, wird Boateng sicher auch wieder Spiele von draußen anschauen. Dann wird er reagieren, wie er es schon seit Hoeneß' Aussagen getan hat: öffentlich schweigen, hart arbeiten und bereit sein, wenn die Chance kommt.

Frank Linkesch