Albiceleste schlägt beim Test in Deutschland ohne große Star-Power auf

Statt Messi oder Aguero mit Kannemann und einem Stuttgarter: Argentiniens Umbruch

Lionel Scaloni

Sieht sich um nach dem argentinischen Kader der Zukunft: Nationaltrainer Lionel Scaloni. imago images

Auch Deutschland steht am Mittwochabend (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker.de) nicht die volle Kapelle zur Verfügung. Bundestrainer Joachim Löw muss auf etliche verletzte oder angeschlagene Spieler wie Toni Kroos, Timo Werner, Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und natürlich auch den Langzeitinvaliden Leroy Sané verzichten. Marco Reus plagt sich außerdem noch mit Knieproblemen herum.

Während die Situation bei der DFB-Auswahl aber aufgrund der Lage im Lazarett erklärbar ist, muss beim Kader der Argentinier schon ein zweiter Blick riskiert werden, um die Situation zu durchschauen. Denn schließlich fehlen neben dem ohnehin gesperrten Aushängeschild Lionel Messi (Begnadigung abgelehnt) auch viele weitere Profis mit klangvollen Namen. Fließbandtorschütze Sergio Aguero von Manchester City (acht Tore in acht Premier-League-Partien diese Saison, insgesamt 96 Länderspiele und 40 Tore), Dribbelkünstler Angel di Maria von Paris Saint-Germain (zwei Treffer in neun Ligue-1-Spielen, Doppelpack in der Champions League gegen Real, 102 Länderspiele) oder der ohnehin wenig beachtete Mauro Icardi (im Sommer von Inter zu PSG gewechselt, ein Tor in zwei Ligapartien, Siegtor in der Königsklasse gegen Galatasaray, acht Einsätze für die Albiceleste)? Allesamt nicht nominiert!

Aus der Startelf vom WM-Finale 2014 in Rio, das damals noch Messi, Gonzalo Higuain, Martin Demichelis, Javier Mascherano & Co. mit 0:1 nach Verlängerung verloren (Traumtor von Mario Götze) ist für den Test in Dortmund lediglich Marcos Rojo von Manchester United übrig geblieben.

Buntes Spektrum samt Bundesliga-Power

Stattdessen finden sich folgende Namen im Kader: Walter Kannemann, robuster Innenverteider, 28 Jahre alt, spielt in der brasilianischen Liga für Gremio Porto Alegre. Oder Nicolas Gonzalez, seines Zeichens Offensivmann beim VfB Stuttgart in der 2. deutschen Liga und zuletzt zweimal verletzt außen vor. Oder Juan Foyth, 21-jährige Verteidiger von Tottenham.

Mauro Icardi

Tore auf Vereinsebene hin und her: Mauro Icardi hat weiterhin einen schweren Stand bezüglich der Albiceleste. imago images

Allgemein bildet sich der Kader der Argentinier aus Spielern, die bunt verteilt sind in der Welt. Aus der Bundesliga kommen etwa noch Lucas Alario (Bayer Leverkusen) oder Leonardo Balerdi (Borussia Dortmund). Aus Englands Premier League stammen etwa Nicolas Otamendi (Manchester City), Roberto Pereyra (Watford) oder Erik Lamela (Tottenham). Die meiste Star-Power - abgesehen von Angel Correa (Atletico), Nicolas Tagliafico (Ajax), Leandro Paredes (PSG) kommt da schon aus der Serie A mit Namen wie Rodrigo de Paul (Udinese), Paulo Dybala (Juventus) oder dem aufdrehenden Inter-Athleten Lautaro Martinez, der neben starken Spielen für die Nerazzurri bereits bei neun Länderspieltoren in 13 Einsätzen steht.

Umbruchsstimmung in Argentinien

Ganz klar deswegen: Auf den ersten Blick ist der Albiceleste der ganz große Glanz aktuell abhanden gekommen, erst recht in Abwesenheit von Leo Messi. Unabhängig vom Weltfußballer treibt Scaloni wie Bundestrainer Löw in Deutschland in jedem Fall einen erkannbaren wie gewaltigen Umbruch voran.

"Wenn ich mich am Ausmaß von dem, was auf mich zukommt, orientiere, werde ich natürlich keinen Schlaf finden", hatte Scaloni kurz nach Argentiniens Achtelfinal-Aus bei der WM 2018 gesagt, als er den Nationaltrainer-Job von Jorge Sampaoli übernommen hatte. Seitdem kommt seine Mannschaft nur schleppend voran. Nach spielerisch größtenteils biederen Auftritten endete der Traum vom Gewinn der Copa America im vergangenen Sommer mit einer 0:2-Niederlage im Halbfinale gegen den Erzrivalen Brasilien. Anschließend verzettelte sich Messi mit Korruptionsvorwürfen gegen Südamerikas Konföderation Conmebol, woraufhin er eine dreimonatige Sperre erhielt.

Dennoch behauptet sich Scaloni bisher in einem Job, den seit dem Aus von Argentiniens Legende Diego Maradona nach der WM 2010 bereits fünf Trainer vor ihm ausüben durften. Der ehemalige Verteidiger Scaloni (u.a. für Estudiantes, Deportiva La Coruña, Racing Santander, Lazio Rom, Atalanta Bergamo) ist der Sechste seit Maradona - und er will die Argentinier mit schnellem Umschaltspiel zurück zu altem Ruhm führen. Trotz Messis Abwesenheit verzichtet er dabei erneut auf Routiniers wie Aguero. Stattdessen heißt seine Offensivhoffnung gegen Deutschland Lautaro Martinez.

"Ich bewundere ihn": Martinez über Messi

Lionel Messi (links) und Lautaro Martinez

Vielleicht der argentinische Sturm der nächsten Jahre: der aktuell gesperrte Lionel Messi (links) und Lautaro Martinez. imago images

Der 22-Jährige spielt bisher eine starke Saison für Inter Mailand, zuletzt war ihm in der Champions League der 1:0-Führungstreffer beim FC Barcelona gelungen - vor den Augen von FCB-Star Messi. Trotzdem gewann Barça 2:1, auch weil Messi den späten Siegtreffer durch Luis Suarez vorbereitete. Dennoch schwärmte Martinez nach der Partie: "Wenn ich in der Seleccion mit ihm spielen kann, ist das ein Traum für mich. Ich bewundere ihn seit ich ein kleiner Junge bin." Doch vorerst muss der oft nur Lautaro genannte Stürmer mit der modern an den Seiten rasierten Frisur ohne "La Pulga" auskommen - und sich eben mit einem Kader rund um Kannemann, Gonzalez & Co. behaupten.

Im Übrigen ein Kader, den auch die kritischen Fans der Albiceleste mit eher ungläubigen Blicken begegnen. Deswegen gilt wie immer: Die Resultate auf dem Rasen werden darüber richten, inwiefern sich Scalonis Entscheidungen rechtfertigen.

mag

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