Schweinsteiger 2018 im kicker-Interview über sein WM-Finale 2014

"Ich saß sehr glücklich in diesem Bus"

Bastian Schweinsteiger

"Und dann überkamen mich die Emotionen": Bastian Schweinsteiger nach dem gewonnenen WM-Finale 2014. Getty Images

Herr Schweinsteiger, können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie am 13. Juli 2014, dem Tag des WM-Finales, im Bus zum Maracana-Stadion fuhren und wussten: "Gleich beginnt das wichtigste Spiel meines Lebens"?

Ich kann mich natürlich daran erinnern. Ich war damals wirklich sehr fokussiert und konzentriert. Ich habe mich gedanklich darauf vorbereitet, welche Szenarien im Spiel auftauchen könnten, auch, was sich taktisch entwickeln könnte. Ich bin alles im Kopf durchgegangen. Wenn du dann Richtung Stadion fährst, bekommst du natürlich die ganzen Reaktionen auf der Straße mit. Die brasilianischen Fans feuerten uns an, obwohl wir sie gerade 7:1 geschlagen hatten. Und wir sahen viele Deutsche, die uns begeistert zuwinkten. Das alles war schon einzigartig und steigerte sich noch, als wir immer näher zum Stadion kamen.

Was machte damals die große Bedeutung des Spiels mit Ihnen?

Ich wusste natürlich: So ein Spiel, das hat man nicht oft in seiner Karriere! Und dann diese Konstellation! Gegen Argentinien im Finale in Rio, im berühmtesten Stadion der Welt. Das alles hat mich motiviert. Das habe ich aber nicht nur eine Stunde vor dem Spiel so gespürt und mir im Kopf zurechtgelegt. Im Laufe des ganzen Turniers bekam dieser Wunschgedanke, dass wir ins Finale nach Rio kommen, immer mehr Kontur. Wir hatten im Maracana ja das Viertelfinale gegen Frankreich gespielt und uns schon da alle gesagt: Hierher wollen wir zurück. Die Historie und der Ruf des Stadions spielten dabei ebenfalls eine große Rolle. Für mich war das eine zusätzliche Motivationsspritze.

Ich stelle mich jetzt nicht höher als die anderen. An diesem Tag habe ich alles reingehauen, was ich in mir hatte!

Bastian Schweinsteiger

Sie haben an dem Tag gar keinen Druck verspürt?

Nein, ich habe keinen Druck gespürt, eher eine Vorfreude auf das Spiel. Ich empfand es als großes Privileg, für Deutschland dieses Finale bestreiten zu dürfen. Das passiert ja tatsächlich nicht allzu oft im Laufe einer Karriere, und es war wirklich so, dass ich sehr glücklich in diesem Bus saß.

Welche Szene haben Sie vor Augen, wenn Sie an das Finale dieser Weltmeisterschaft denken?

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vom Platz musste wegen meiner Gesichtsverletzung. Als ich dann zurückkam, spürte ich eine große Entschlossenheit, dieses Spiel zu gewinnen. Ich hatte auf einmal das sichere Gefühl: Heute ist der Tag, an dem wir es schaffen werden, an dem wir endlich dran sind. Wir sind ja 2006, 2008, 2010 und 2012 immer knapp vor dem Triumph gescheitert. Aber in dem Moment, als ich wieder aufs Feld ging, wusste ich, dass wir das packen. Und das verstärkte sich dann noch mal, als Mario Götze das Tor erzielte. Es waren am Ende noch zwei, drei Minuten zu spielen, da stand ich auf dem Feld, so nah an diesem Triumph, und dann überkamen mich die Emotionen.

Sie verdrückten während des Spiels schon Tränen?

Kurz vor dem Abpfiff spielten sich innerlich wahnsinnige Sachen ab. Emotionen pur.

Sie sind damals fast 16 Kilometer gelaufen, waren in beinahe allen Kategorien bester Akteur. Was war für Sie die persönlich größte Leistung in dieser Partie?

Jeder Spieler hat an diesem Tag sein Bestes gegeben, ich stelle mich jetzt nicht höher als die anderen. An diesem Tag habe ich alles reingehauen, was ich in mir hatte! Ich habe mir gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und in den großen Spielen habe ich für mich immer noch etwas rausholen können. Manchmal weiß man gar nicht, was alles in einem steckt, bis man an seine Grenzen und darüber hinaus geht... So war es auch in Rio.

Es ist gut, nicht ganz so früh den größten Titel zu holen.

Bastian Schweinsteiger

Wenn man Ihren Werdegang anschaut, scheint es so, dass Ihnen die Dinge nie zu 100 Prozent zugeflogen sind. Gehört das Überwinden, der Kampfgeist zu Ihrer DNA?

In einer gewissen Weise stimmt das. Die großen Erfolge kamen stets nach der einen oder anderen großen Niederlage. Natürlich hätte ich schon gerne vor 2013 die Champions League gewonnen und vor 2014 die Weltmeisterschaft, die Möglichkeiten waren da. Wir waren mit dieser Generation schon immer sehr nah dran gewesen an den eigentlichen Triumphen. Aber mit den Niederlagen, die wir erlitten hatten, sind wir gereift. Wir hatten viel zu verarbeiten, sind dann umso stärker daraus hervorgegangen. Wir sind dadurch zu einer Einheit gewachsen. Wenn ich das Beispiel der Champions-League-Finalniederlage 2012 gegen Chelsea sehe, dann war das vielleicht erst die Basis für die Erfolge 2013 und 2014 - auch wenn ich natürlich sehr gerne 2012 in meiner Stadt triumphiert hätte. Im Nachhinein ist das sogar manchmal der gesündere Weg in Bezug auf die eigene Persönlichkeit. Es ist gut, nicht ganz so früh den größten Titel zu holen. Man entwickelt sich, zieht Schlüsse, arbeitet am Erfolg, und wenn der sich dann einstellt, sind diese Erlebnisse umso schöner. Weil man weiß, was man alles dafür investiert hat.

Bastian Schweinsteiger blutend im Maracana

Nicht aufzuhalten: Bastian Schweinsteiger 2014 blutend im Maracana. Getty Images

Die Bilder von 2014 mit Ihnen, blutend, sind um die Welt gegangen. Haben Sie sich jemals dieses Finale noch mal ganz angeschaut?

Nein. Ich habe es mir nie mehr in kompletter Länge angeschaut. Hin und wieder mal ein paar Bilder, das war's.

Wenn man dann den Verlierer sieht, gehört es sich einfach, sein Mitgefühl auszudrücken. Denn auch Argentinien hätte es damals verdient gehabt.

Bastian Schweinsteiger

Nach dem Spiel sah man, wie Sie den traurigen Lionel Messi umarmten und auf ihn einredeten.

Das gehört für mich zum Sport dazu. Respekt zu zollen für den Verlierer, gerade, wenn es so ein großartiger Sportler wie Messi ist. Ich wusste, wie viel Arbeit jeder von uns investiert hat, um in diesem Finale zu stehen. Und ich weiß auch, wie das ist, wenn man so nah dran ist. Ich fühle da immer mit. Und wenn man dann den Verlierer sieht, gehört es sich einfach, sein Mitgefühl auszudrücken. Denn auch Argentinien hätte es damals verdient gehabt.

War das Einheitsgefühl im Team 2014 eigentlich der Schlüssel zum Erfolg?

Natürlich war es von Vorteil, dass man gespürt hat, dass jeder dem anderen alles gönnt, dass jeder den anderen im Training gepusht hat. Die Atmosphäre war gut, die Charaktere haben gut zusammengepasst, das alles hilft natürlich. Klar brauchst du auf dem Platz auch die gewisse Harmonie, die richtige Balance, das Feingefühl. Du brauchst Spieler, die vorangehen. Du brauchst Qualität - und dies hatten wir. Für den Triumph muss alles passen, sonst klappt es nicht.

Was ist die größte Herausforderung bei so einem Turnier?

Ich denke, dass die Identifikation mit seinem Land eine sehr wichtige Rolle spielt. Das bekommt man ja auch bei anderen Nationen mit. Wenn man 2014 gesehen hat, wie Brasilien vor den Spielen die Hymne gesungen hat, wie viel Leidenschaft, Emotionen man da spürte: Das war Brasilien pur! So etwas hilft mit Sicherheit. Und bei uns ist es ja auch so, dass wir uns durch gewisse Dinge auszeichnen. Viele Nationen beneiden uns um unsere Mentalität. Man sollte sich immer vor Augen führen: Wofür stehen wir? Wofür steht Deutschland? Wofür steht die deutsche Nationalmannschaft? Es war mir immer sehr wichtig, dass wir die gewissen Grundtugenden behalten und an den Tag legen. Einsatz, Kampf, Disziplin, Ausdauer. All die Dinge, um die man ja auch von den anderen Nationen beneidet wird. Die deutschen Tugenden braucht man als Basis, dazu muss man die fußballerische Qualität, die in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist, auf dem Platz umsetzen.

Bei solchen Turnieren wächst der Hype, der öffentliche Druck. Wie gingen Sie mit all den Erwartungen um?

Ich glaube schon, dass ich grundsätzlich ein klares Denken habe in Bezug auf meine Rolle in der Öffentlichkeit. Ich kann die Dinge gut einschätzen und versuche mich am Ende immer auf den Fußball zu konzentrieren. Es gibt dabei mal bessere, mal schlechtere Zeiten. Damit muss man leben. Es kann nicht immer bergauf gehen. Ich habe in meiner Laufbahn aber stets einen ganz guten Blick dafür gehabt, wie ich die Dinge einzuordnen habe, die rund um mich herum passieren.

(Die Aussagen sind Teil eines Interviews, das am 7. Juni 2018 im kicker erschien)

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