Sportklettern: Der Modus für die Premiere bei Olympia

"Olympic Combined" - Dreikampf an der Wand

"Olympic Combined" - der olympische Kletter-Dreikampf aus Spped (re.), Bouldern und Lead. Getty Images

Mitte August fanden die Kletter-Weltmeisterschaften in Hachioji, knapp 50 Kilometer westlich von Tokio, statt. Viele der besten Kletterer traten an, um sich in den drei Disziplinen Speed, Bouldern und Lead neben dem Kampf um die Medaillen in den Einzeldisziplinen erstmals über den neuen Modus für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.

SPEED

Speedklettern

Speedklettern: 15 Meter hohe Wand, das Tempo entschiedet. imago images

Der Name ist Programm. Am Boden geht es los, und wer am schnellsten oben ist, hat gewonnen. Dabei müssen die Kletterer eine seit 2005 in der Griffabfolge genormte, 15 Meter hohe Wand erklimmen, die um 5 Grad überhängend ist. Die Seilsicherung kommt beim Speed-Klettern von oben ("Toprope").

Geklettert wird auf zwei nebeneinanderliegenden Bahnen (A und B). Die Athleten nehmen die Startposition ein, indem sie einen Fuß an die Kletterwand stellen und den anderen auf ein elektronisches Pad. Nach dem Go-Signal beginnt die Zeitnahme, nach 15 Metern wartet ein weiteres Pad, das nach Handberührung die Zeit stoppt.

In der Qualifikation absolvieren alle Wettkämpfer je eine Runde auf der Bahn A und B, die schnellste Zeit wird gewertet. Die schnellsten Sechs bestreiten das Viertelfinale , ab dieser Runde wird im K.-o.-Modus gegeneinander geklettert. Und zwar so: Der Schnellste der Qualifikation gegen den Sechsten, der Zweitschnellste gegen den Fünften, der Drittschnellste gegen den Vierten. Das Halbfinale bestreiten die drei Gewinner aus den K.-o.-Läufen sowie der schnellste Verlierer. Daraus ergibt sich das Finale und letztlich der Gewinner des Speed-Wettbewerbs.

Den Speed-Weltrekord hält seit 2017 der Iraner Reza Alipour mit 5,48 Sekunden, bei den Damen liegt die Bestmarke bei 6,995 Sekunden, aufgestellt am 19. Oktober 2019 von der Indonesierin Aries Rahayu Susanti. Den deutschen Rekord stellte der Kölner Jan Hojer im Juli 2019 mit 6,67 Sekunden auf, bei den Frauen ist neuerdings Alma Bestvater mit 8,64 Sekunden (September 2019 bei den deutschen "Combined"-Meisterschaften) die Schnellste.

BOULDERN

Bouldern

Bouldern: Auch Artistik ist gefragt. imago images

Beim Bouldern wird ohne Seil geklettert, dafür bis maximal zur sogenannten Absprunghöhe von vier Metern. Diese Disziplin dürfte für die Zuschauer die spektakulärste im Rahmen des "Olympic Combined" sein, da die Sportler oftmals mit Sprüngen (Dynamos), Spagaten, Balanceakten oder artistischen Bewegungen die Route ("Boulderprobleme") zu bewältigen versuchen.

Die Wand ist hierbei unterschiedlich stark geneigt - teilweise müssen die Athleten in Überkopf-Positionen klettern - und mit unterschiedlichsten Griffen, Tritten und Volumen versehen. Bei einem vorgegebenen Startgriff geht es los, der Boulder gilt als bezwungen, wenn der Zielgriff ("Top") mit beiden Händen in stabiler Körperhaltung für zwei Sekunden gehalten wird. Dazwischen liegt der "Zonengriff", quasi ein Zwischenziel auf dem Weg nach oben, der auch dann gewertet wird, wenn er nur mit einer Hand stabil erreicht wird.

In der Qualifikation werden vier Routen im "onsight"-Modus geklettert - das heißt, der Athlet bekommt keine Möglichkeit, die Route vorher zu besichtigen, sondern befindet sich während des Wettkampfs hinter der Kletterwand in der so genannten Isolation. Für jedes Boulderproblem wird eine Zeit von fünf Minuten gewährt. Ins Finale ziehen die besten acht Kletterer ein, die dann vier Boulderprobleme vorgesetzt bekommen. Für jedes einzelne haben sie dann vier Minuten Zeit. In der Finalrunde dürfen die Kletterer die Routen vor dem Wettkampf zwei Minuten begutachten.

Wie wird beim Bouldern gewertet? Die Rangfolge stellt sich wie folgt dar: Anzahl der erreichten Topgriffe, Anzahl der erreichten Zonengriffe, Anzahl der Versuche zum Topgriff, Anzahl der Versuche insgesamt zum Zonengriff. Ein optimales Finale mit vier Boulderproblemen sieht auf dem Scoreboard folglich so aus: 4t4z 4 4 (vier Tops erreicht, vier Zonengriffe erreicht, bei insgesamt vier Versuchen zum Top-Griff und vier Versuchen zum Zonengriff). Bei Gleichstand entscheidet als letztes Kriterium die benötigte Zeit.

LEAD

Lead-Klettern

Lead-Klettern: Die herkömmlichste Form des Klettersports. imago images

Das Lead-Klettern oder Schwierigkeitsklettern ist der herkömmlichsten Form des Klettersports am nächsten. Die Athleten "besteigen" eine mindestens 15 Meter hohe Wand im Vorstieg, das heißt, der Kletterer führt das Seil mit sich und klinkt es in Zwischensicherungen ein. In der Regel ist die Wand stark überhängend.

Auch beim Lead-Klettern gibt es einen definierten Startgriff und einen Topgriff. Jeder Athlet hat nur einen Versuch, um möglichst viele der durchnummerierten Griffe zu erreichen. Zum Beispiel: Fällt ein Kletterer bei Griff 20 ins Seil, so hat er die Wertung "20", befindet er sich beim Fallen allerdings schon Richtung Griff 21, so hat er die Wertung "20+". Die maximale Zeitvorgabe liegt bei sechs Minuten. Die benötigte Zeit wird nur dann als Platzierungskriterium herangezogen, wenn alle Wertungen - auch die aus der Qualifikation - identisch sind.

In der Qualifikation wird eine Route geklettert und zwar im "onsight"-Modus, also ohne vorhergehende Besichtigung. Die besten Acht ziehen ins Finale ein. In der Endrunde wird eine Route geklettert, die alle Athleten zusammen sechs Minuten besichtigen dürfen. Jeder Athlet hat dann sechs Minuten Zeit, die Route zu bewältigen.

OLYMPIC COMBINED - EIN DREIKAMPF

So weit, so anstrengend. Mit dem eigens für die Olympia-Premiere ins Leben gerufenen Modus "Olympic Combined" soll der beste Allround-Kletterer ermittelt werden. Die Spitzenathleten aus den drei Einzeldisziplinen kämpfen in einer Kombination aus Speed, Bouldern und Lead um olympisches Edelmetall. Gedanklich soll dieser Ansatz dem Zehnkampf der Herren/Siebenkampf der Damen aus der Leichtathletik ähneln. Als dieser Modus im August 2016 vom IOC festgelegt wurde, erntete es herbe Kritik aus der Kletterszene, da speziell das Speed-Klettern mit den Anforderungen des ursprünglichen Klettersports wenig gemein hat. Die Vergabe von olympischen Medaillen in den Einzeldisziplinen ist für Tokio 2020 nicht vorgesehen. Bei Olympia 2024 in Paris soll es einen Medaillensatz geben für das Speedklettern und einen weiteren für die Kombination aus Bouldern und Lead.

Vergabe der 20 Olympia-Tickets je Geschlecht

Bei Olympia in Tokio starten insgesamt 20 Damen und 20 Herren - pro Nation und Geschlecht höchstens je zwei. Die Vergabe der Startplätze läuft wie folgt: Bei der WM in Hachioji im August qualifizierten sich direkt sieben Athleten. Weitere sechs Athleten haben beim "Olympischen Qualifikationsevent" in Toulouse (28.11. bis 1.12.) eine weitere Chance. Dort starten die besten 20 Athleten des Gesamtweltcups, der Ende Oktober in Inzai/Japan endet. Die dritte Möglichkeit bieten die fünf Kontinentalmeisterschaften im Frühjahr 2020 - die für Europa steigen vom 20. bis 27. März in Moskau. Die fünf Gewinner der Kontinentalmeisterschaften qualifizieren sich für Tokio 2020. 18 von 20 Athleten sind damit zukünftige Olympioniken, das IOC vergibt ein weiteres Ticket an die gastgebende Nation Japan sowie eines aufgrund der "Diversity Regel".

Ablauf, Termine und Wertung in Tokio

Der Wettkampf-Ablauf bei Olympia sieht folgende Reihenfolge vor: Erst Speed, dann Bouldern und zuletzt Lead. Am 4. August 2020 findet eine komplette Qualifikationsrunde aus allen drei Einzeldisziplinen statt, am 6. August 2020 steigt das Finale.

Nach jeder Einzeldisziplin wird ein Ranking erstellt. Die drei einzelnen Platzierungen werden miteinander multipliziert. Von den insgesamt 20 Startern ziehen die besten Acht ins Finale ein. Abermals werden alle drei Einzeldisziplinen geklettert und am Ende gewinnt der mit der geringsten Punktzahl olympisches Gold.

bst