DFB-Direktor stellt die Inhalte des "Projekt Zukunft" vor

Bierhoff: "Mit neuer Dynamik zurück an die Weltspitze"

Oliver Bierhoff

Oliver Bierhoff beim DFB-Bundestag am Freitag in Frankfurt am Main. Getty Images

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Fußballfamilie,
uns alle eint die Liebe zum Fußball. Der Spaß am Spiel, die Spannung beim Wettbewerb, das gemeinsame Gefühl von Freude und Erfolg. Echtes Glück nach einem Sieg, aber auch zusammen durchhalten und wieder aufstehen nach einer Niederlage. Das macht unseren Fußball aus.

Der DFB steht unter anderem für Spitzen-Fußball in Deutschland und in der Welt. Aus diesem Anspruch entsteht Ansporn und Verpflichtung zugleich. Als Direktor unserer Nationalmannschaften und der DFB-Akademie liegt es in meiner Verantwortung, mich um den Spitzen-Fußball zu kümmern. Das gilt für den Frauen- wie auch den Männer-Fußball.

Heute spreche ich alleine über den Männer-Fußball. Der Part des Frauen-Fußballs wird gleich von meiner Präsidiumskollegin Hannelore Ratzeburg vorgestellt. Unsere Herren-A-Nationalmannschaft ist das sichtbarste Symbol für den deutschen Fußball - für die Arbeit an der Basis und für die Stärke unserer Profiligen. Wenn sie gut ist, wenn sie herausragend spielt, wenn sie Erfolg hat und international ganz oben rangiert, dann profitiert ganz Fußball-Deutschland. Die Nationalspieler sind Vorbilder für hunderttausende Kinder und Jugendliche, Fußball zu spielen und sich in unseren Vereinen anzumelden. Erfolge der A-Nationalmannschaft sichern aber auch dem DFB die finanziellen Mittel, die wir brauchen, um unsere wichtige Arbeit in allen Bereichen des Fußballs vor allem an der Basis leisten zu können.

Seit der WM 2006 in Deutschland hatte sich die Nationalmannschaft wieder sichtbar in der Weltspitze etabliert. Bis zur WM 2018 in Russland wurde bei jedem Großturnier mindestens das Halbfinale erreicht, 2014 haben wir den WM-Titel und 2017 den Confed Cup gewonnen. Parallel dazu erreichten im Jahr 2013 mit Borussia Dortmund und Bayern München gleich zwei deutsche Mannschaften mit herausragenden deutschen Nationalspielern das Champions League Finale. Zurück gehen diese Erfolge auf einen lange zuvor - im Jahr 2000 - angestoßenen Prozess, der umfassend in den gesamten deutschen Fußball hineingewirkt hat.

Aber - die Zeiten haben sich geändert. Der deutsche Fußball ist international immer noch konkurrenzfähig, jedoch sind klare warnende Tendenzen nicht erst seit dem Ausscheiden in der Vorrunde bei der WM 2018 von uns erkannt worden. Unsere Juniorenmannschaften konnten in den vergangenen Jahren nur einen Titel gewinnen. Immer weniger junge deutsche Spieler schaffen den Sprung in die ersten Mannschaften der Bundesligisten, im Jahr 2017/18 dreißig Prozent weniger als im Jahr 2006. Seit 2013 hat keine deutsche Mannschaft das Finale in der Champions League erreicht. Wir haben eine Antwort auf diese Herausforderung. Es ist klar, wo wir ansetzen müssen: Wir brauchen den nächsten beherzten Schritt im deutschen Fußball. Mit neuer Dynamik wollen wir den deutschen Fußball mit seinen hervorragenden Spielern und Trainern, mit seinen Mannschaften und den tollen Vereinen wieder "Zurück an die Weltspitze" führen und dort dauerhaft etablieren.

Darum geht es beim "Projekt Zukunft".
Das "Projekt Zukunft" ist als Gemeinschaftsprojekt des gesamten deutschen Fußballs von der Basis bis zur Spitze angelegt. Es muss im engen Schulterschluss von DFB und DFL umgesetzt werden. Dabei haben wir uns vorgenommen, etablierte Strukturen und Maßnahmen zu hinterfragen und innovative Wege in der Talentförderung und Ausbildung aufzuzeigen. Im Projekt geht es um überzeugende Antworten auf folgende Fragen:
- Wie bilden wir unseren Fußball-Nachwuchs so aus, dass er das Zeug zum "Weltmeister von Morgen" hat?
- Wie schaffen wir optimale Voraussetzungen, um Spieler wieder mit echter Bolzplatz-Mentalität und spielentscheidenden, individuellen Fähigkeiten heranwachsen zu sehen?
- Wie bilden wir Trainer und Experten aus, die frühzeitig den Anforderungen des internationalen Spitzen-Fußballs gerecht werden?

Werfen wir einen genaueren Blick auf das "Projekt Zukunft": Am Anfang stand eine detaillierte Analyse.
Mein Projektteam aus Mitgliedern von DFB und DFL hat ganze Arbeit geleistet. Wir haben die internationale Konkurrenz beleuchtet und mit ihr gesprochen. Wir haben erfolgreiche Beispiele anderer Sportarten mit einbezogen. Und außerdem haben wir gesellschaftliche Trends wie die Digitalisierung und die Veränderungen in den Lebensverhältnissen wie auch den Zeitbudgets junger Spieler berücksichtigt.

Ganz entscheidend haben uns vor allem einzeln sowie in der Gruppe durchgeführte Experteninterviews in unseren eigenen Reihen vorangebracht: Wir waren bei Euch in den Landesverbänden, in den Vereinen und in den Leistungszentren. Wir haben mit mehr als 250 (!) Experten gesprochen: mit Sportdirektoren der Bundesligisten, Leitern der Leistungszentren, Vereins- und Verbandstrainern, DFB-Trainern und letztlich auch mit zahlreichen Spielern selbst.

An dieser Stelle gilt schon einmal mein ausdrücklicher Dank allen, die an den Interviews und Diskussionsrunden teilgenommen haben sowie dem Team unter Projekt-Leitung von meinem sportlichen Leiter Joti Chatzialexiou für die Zeit, Arbeit und die Leidenschaft, die sie bisher in dieses Projekt Zukunft gesteckt haben.

Die aus der Vielzahl an Gesprächen gewonnenen Antworten haben uns entscheidende Impulse geliefert, wo wir ansetzen müssen und welche Notwendigkeiten bestehen. So herrscht nahezu Einstimmigkeit hinsichtlich der vorliegenden Probleme:
- Ein zu stark mannschafts- und ergebnisorientiertes Spielen und Trainieren, worunter die individuelle Entwicklung von Spieler und Trainer leidet
- Talente werden meist zu wenig (weiter) entwickelt und stattdessen oft schon zu früh selektiert.
- Zu wenig Freiräume auf und neben dem Platz für die persönliche Entwicklung (z.B. in schulfreien Zeiten)
- Fehlende Spielmöglichkeiten auf höchstem Niveau z.B. in der Bundesliga
- Diskrepanzen in der Abstimmung zwischen den Förderstrukturen auf Vereins- und Verbandsebene, welche die Talente schmerzlich zu spüren bekommen: "Alle Institutionen zerren an den Talenten"

Aus Eurem Feedback haben wir drei Handlungsfelder identifiziert, in denen wir nun den nächsten Schritt gehen wollen. Ansetzen möchten wir mit Blick auf
1.) unsere Spieler
2.) unsere Trainer und Experten
3.) unser System
Gerne gehe ich auf diese näher ein.

Beginnen wir mit unseren Spielern:
Sie sind zwar taktisch umfassend geschult, doch agieren sie zu wenig individuell und kreativ. Die Fähigkeiten, das Spiel zu lesen und selbständig schnell sowie flexibel auf mögliche Spieloptionen zu reagieren, müssen wir zukünftig stärker fördern. Außerdem ist zu beobachten, dass auch an der Widerstandsfähigkeit und mentalen Durchsetzungsfähigkeit Nachhol- und Verbesserungsbedarf besteht.

Was wir brauchen sind vermehrt durchsetzungsstarke Spielertypen. Spieler, die sich durch ihre hervorragende Variabilität, ihre Dynamik, ihre Individualität, ihre mentale Stärke und Persönlichkeit besonders beweisen. Diese Punkte wollen wir daher in der Ausbildung unserer Spieler wieder verstärkt forcieren.

Eine weitere wichtige Erkenntnis unserer Analysen ist: Allein über eine Steigerung physischer Komponenten lässt sich heutzutage kein Spiel mehr gewinnen. Hier sind bekanntlich natürliche Grenzen gesetzt. Stattdessen sind offensive Lösungsmöglichkeiten gefragt, die von unseren Spielern schnell und präzise unter hohem Raum-, Zeit- und Gegnerdruck gefunden werden müssen. Diese Spielkompetenz wird künftig den entscheidenden Unterschied machen.

Auch mit Blick auf unsere Trainer in Deutschland müssen wir den nächsten Schritt gehen:
Sie werden im Nachwuchsbereich oft an Tabellenergebnissen und der Performance ihrer Mannschaft und weniger an der Entwicklung einzelner Spieler gemessen. Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Jahren zu ähnliche Trainertypen ausgebildet. Auch hier wird uns mehr Vielfalt gut tun.

Wir haben unsere Trainer aber auch in einigen Bereichen alleine gelassen. So haben sie oft keine zielgerichtete Weiterbildung und individuelle Betreuung, sprich Mentoring, durch unser System erfahren.

In unserem System, in dem sich Spieler und Trainer bewegen, haben wir folgende Schwachstellen erkannt:
- keine entwicklungsgerechten Spielformen, die Freiräume für Individualität und Vielseitigkeit bieten
- keine Wettbewerbsstrukturen, die den Spielern mehr Einsatzzeiten und den Trainern mehr Gestaltungsfreiheiten bieten
- eine sehr starke Ergebnisorientierung schon in jungen Jahrgängen
- den Spielern werden zu viele Entscheidungen auf und neben dem Platz abgenommen und Hürden aus dem Weg geräumt. So lernen sie nicht, selbst Konflikte auszutragen und auf verschiedenen Ebenen durchsetzungsstark zu agieren.

Momentan steht die persönliche Entwicklung der Spieler nicht im Fokus unseres Systems. Sondern an vielen Stellen das System selbst! Jetzt könnten Sie sagen, dass dieses System uns die wunderbaren Spieler der WM-Elf 2014 beschert hat.

Denken wir etwa an einen Jerome Boateng. Der Junge fing mit sechs Jahren an, Fußball zu spielen. Er kickte vor allem im Hof seines Vaters in Berlin. Bolzplatz. Mit 10 Jahren zu Tennis Borussia, mit 13 Jahren zu Hertha BSC, wo er alle Nachwuchsabteilungen durchlaufen hat. U 17 Deutscher Meister mit der Hertha. Und dann durchläuft Jerome alle Stationen des DFB-Fördersystems - U 17, U 19, U 21. Wird dann mit der U 21 Europameister und mit 21 Jahren erstmals für den Kader der deutschen Fußballnationalmannschaft nominiert. Der Rest ist Geschichte - bis hin zum WM-Titel 2014. Solche Jeromes müssen wir nun wieder für die Zukunft entwickeln. Sicher - aktuell haben wir in unserer A-Nationalmannschaft noch einige dieser "Kinder des Systems". Ich denke da an die vielen herausragenden Talente aus den Jahrgängen 1995 - 1999. Aber in den Jahrgängen danach bemerken wir schon eine spürbare Verschlechterung der Situation.

Indikatoren hierfür sind beispielsweise
- einschlägige Erfahrungswerte unserer Experten und Trainer in den Leistungszentren und unseren Mannschaften
- ein Anstieg von Transfers junger Spieler aus dem Ausland in unsere Profiligen
- die sinkende Zahl an eingesetzten deutschen U-23-Spielern im Lizenzbereich.

Um auf das System zurückzukommen: Ja, es war lange Jahre erfolgreich, aber es bedarf wieder einer deutlichen Weichenstellung, um den neuen Anforderungen und Rahmenbedingungen gerecht zu werden.

Daher werden wir mit dem "Projekt Zukunft" eine Reihe von Maßnahmen einleiten, um dem deutschen Fußball eine neue Dynamik zu geben. Dazu liegt ein entsprechendes Beschlusspapier vor:
Hierbei geht es vor allem um:
Eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildung sowie Entwicklung unserer Spieler als auch Trainer und Experten. Genauer bedeutet dies beispielsweise, künftig verstärkt
- den Einzelspieler in seiner Entwicklung in den Mittelpunkt zu stellen
- individuelle Coachings für Spieler- und Trainer-Talente in den Vordergrund zu rücken
- den Aufbau einer Struktur zur übergreifenden, systematischen Trainerentwicklung und -Begleitung
- eine Modifizierung unseres Ausbildungssystems mit einer neuen Lizenzpyramide, neuen Angeboten für unterschiedliche Anforderungen und Zielgruppen

Wir brauchen zudem neue Wettbewerbsformen vom Amateur- bis in den Profi-Bereich.
- Mehr Spielenachmittage statt Regelbetrieb
- Veränderungen der Spielformen im Grundlagenbereich. z.B. 2 gegen 2 im Bambini-Bereich bis 5 gegen 5 in der E-/D-Jugend
- Veränderung des Spielbetriebes U-14 bis U-19 im Leistungsbereich
- Mindesteinsatzzeiten für Spieler.

Darüber hinaus müssen wir unsere guten Förderstrukturen optimieren und neu ausrichten:
Derzeit greifen zu viele Parteien auf unsere Spieler zu. Daher müssen wir die Rollen unserer unterschiedlichen Förderinstanzen neu und genauer definieren.

Ich gebe zu: Das ist jetzt viel Stoff, den wir erst mal alle verarbeiten müssen. Aber ich bin mir sicher, dass wir alle spüren und wissen, wo wir die Hebel ansetzen müssen.

Bei den angestoßenen Maßnahmen wird meine Direktion mit unseren Nationalmannschaften, unseren Trainern und Experten und der DFB-Akademie einen entscheidenden Beitrag leisten. Und das machen wir bereits schon. Wir haben die Fußballlehrer-Ausbildung reformiert. Es gibt neue Weiterbildungsangebote für unsere Trainer und Experten und wir setzen schon viele der oben genannten Ideen bei unseren Nationalmannschaften und den Innovationsprojekten der Akademie um.

Ihre volle Wirkung werden die Maßnahmen, die wir jetzt in die Wege leiten, erst in den nächsten 5 bis 15 Jahren entfalten. Wir brauchen also Geduld, Vertrauen und Entschlossenheit bei dieser großen Aufgabe. Wir müssen uns auch bewusst sein, lieb gewonnene Pfade verlassen zu müssen. Wenn Ihr dazu bereit seid, dann lasst uns die Beschlussvorlage zum "Projekt Zukunft" auf den Weg bringen.

Anfang des kommenden Jahres werde ich dann dem Präsidium einen konkreten Maßnahmenkatalog mit den notwendigen Voraussetzungen und Investitionen erläutern. Der deutsche Fußball hat alles, was es für den Erfolg des "Projektes Zukunft" braucht:
Gemeinsam werden wir den Weg zurück an die Weltspitze erfolgreich bestreiten. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Wenn Du schnell gehen willst, geh' allein. Willst Du weit gehen, gehe mit anderen gemeinsam."

Wir haben einen weiten Weg vor uns. Lasst ihn uns gemeinsam gehen!

kon/me

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"Basis für die Zukunft" - Grundstein für DFB-Akademie gelegt

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