Auch Minkah Fitzpatrick wird von den Dolphins getradet

Kompletter Ausverkauf: Miami im Tanking-Modus

Jakeem Grant

Kein Catch, kein Sieg: Die Miami Dolphins gerieten in ihren ersten beiden Saisonspielen gehörig unter die Räder. getty images

Will Smith steht in einem völlig leergefegten Raum. Er schaut sich um, wirkt konsterniert. Die Szene aus "Der Prinz von Bel-Air" ist nur ein wenige Sekunden langes GIF - aber eines, das vor dem Hintergrund seines Absenders am frühen Dienstagmorgen (MESZ) bereits nach wenigen Stunden tausendfach geteilt worden war. Auf Twitter gepostet hatte den Ausschnitt Xavien Howard, Cornerback der Miami Dolphins, nachdem sein Franchise Teamkollege Minkah Fitzpatrick zu den Pittsburgh Steelers getradet hatte.

Die Aussage des Tweets mag despektierlich seinen Mitspielern gegenüber sein, doch Howard trifft damit den Kern seiner persönlichen Lage. Nach Fitzpatricks Abgang ist Howard, der 2018 in den Pro Bowl gewählt wurde, der wohl einzig verbliebene Spieler im Dolphins-Kader, der bereits allerhöchstes NFL-Niveau nachgewiesen hat. Howard ist quasi alleine gelassen, zum Verlieren verdammt. Noch mit Safety Fitzpatrick, einem der talentiertesten jungen Defensive Backs der Liga, waren die Dolphins in den ersten beiden Spielen gehörig unter die Räder gekommen: 10:59 gegen die Baltimore Ravens, 0:43 gegen die New England Patriots, jeweils zu Hause. Besserung ist nicht in Sicht - jetzt erst recht nicht mehr.

Fast alle Leistungsträger weg: Der vielleicht radikalste Ausverkauf aller Zeiten

Dabei haben die Dolphins eine durchaus akzeptable Vorsaison hinter sich, immerhin sieben Spiele wurden gewonnen. Doch den Verantwortlichen fehlte die ganz große Perspektive - und so entschlossen sie sich zum vielleicht radikalsten Ausverkauf der NFL-Geschichte. Der bisherige Starting Quarterback Ryan Tannehill wurde samt Star-Pass-Rusher Cameron Wake nach Tennessee getradet, der teaminterne Sack-Leader Robert Quinn nach Dallas. Weitere namhafte Abgänge gefällig? Mit Wide Receiver Danny Amendola, Running Back Frank Gore und Offensive Tackle Ja'Wuan James verließen drei weitere Stammspieler die Dolphins via Free Agency.

Walton, Ballage, Drake

Frustration pur: Dem aktuellen Dolphins-Kader kommt eine undankbare Aufgabe zu. getty images

Prominenten Zulauf erhielten die Dolphins während der Offseason nur auf der Quarterback-Position: Wandervogel Ryan Fitzpatrick sowie der talentierte, in Arizona aber glücklose Josh Rosen wurden jedoch auch vom Front Office der Dolphins im Regen stehen gelassen, als kurz vor Saisonbeginn in Laremy Tunsil einer der besten Left Tackles der Liga mitsamt Miamis Nr.1-Receiver Kenny Stills nach Houston transferiert wurde.

Spätestens, als am gleichen Tag in Linebacker Kiko Alonso ein weiterer Leistungsträger nach New Orleans abgegeben wurde, stand fest: In dieser Saison wollen vielleicht Miamis Spieler gewinnen, nicht aber die Verantwortlichen. Ihnen geht es aktuell nur um eines: Draft-Kapital für die kommenden Jahre. Durch den Tunsil-Trade hatten sich die Dolphins bereits einen zweiten Erstrunden-Pick im Auswahlprozess 2020 gesichert, durch den Transfer von Minkah Fitzpatrick nun sogar noch einen dritten. Auch für 2021 hat sich Miami bereits einen zweiten First-Rounder gesichert.

"Rebuild" oder "Tanking for Tua"?

Vor allem aber wird der "eigene" Pick der Dolphins aller Voraussicht nach einer der ersten zwei oder drei des kommenden Drafts sein, sodass sich das Franchise aus Florida wohl einen der Top-Quarterbacks wie Tua Tagovailoa (Alabama) oder Justin Herbert (Oregon) sichern könnte. Denn viele Siege verspricht die verbliebene Rumpftruppe der 2019er-Dolphins nicht. Für die Spieler geht es nur darum, sich für einen Kaderplatz in einer potenziell erfolgreicheren Zukunft zu empfehlen - und darum, bei den wohl kommenden Niederlagen Schadensbegrenzung zu betreiben.

Ähnliche Taktiken des Draft-Pick-Sammelns hatten in den vergangenen Jahren auch die Cleveland Browns oder zuletzt die Oakland Raiders angewendet. Dort lief das aber noch unter dem Begriff "Rebuild", das jetzt auch die Verantwortlichen der Dolphins bemühen. Fest steht aber auch: Derart offensichtlich hat in der jüngeren NFL-Vergangenheit noch kein Team das "Tanking", um hohe Draft-Picks zu bekommen, betrieben.

In den kommenden Jahren werden die Fins also zumindest in der Lage sein, reihenweise hochgehandelte Talente zu verpflichten und wieder an erfolgreichere Zeiten anzuknüpfen. 1973 gewannen die Dolphins den Super Bowl und legten als bisher einziges Team der NFL-Historie eine ungeschlagene Saison hin. Nun scheint gut möglich, dass im Dezember das Extrem am anderen Rand eintritt (0:16?). Immerhin: Sieglos beendeten bislang schon andere Teams eine Football-Saison (Cleveland Browns 2017 mit 0:16, Detroit Lions 2008 mit 0:16, Baltimore Colts 1982 mit 0:8:1, Tampa Bay Buccaneers 1976 mit 0:14).

mib

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