Bundestrainer Schön gelang die ideale Moderation

Netzer, Overath und wenn sich zwei auf den Füßen stehen

Wolfgang Overath und Günter Netzer (re.)

Verstanden sich neben, aber nicht auf dem Platz: Wolfgang Overath und Günter Netzer (re.). imago images

Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Eine von vielen vermeintlichen Weisheiten des Lebens, die sich irgendwie auch auf den Fußball übertragen lassen.

So hatte die Nationalmannschaft der Bundesrepublik Deutschland Anfang der 1970er-Jahre mit Günter Netzer von Borussia Mönchengladbach und Wolfgang Overath vom 1. FC Köln ein wahres Luxusproblem. Zwei sich auf dem Platz ähnelnde Spielmacher derselben Generation, beide an guten Tagen Weltklasse.

Erfolgloses Zusammenspiel

Netzer wie auch Overath holten sich den Ball gerne in der eigenen Hälfte ab und öffneten mit präzisen Pässen in die Tiefe das Spiel ihrer Mannschaft - auch ansonsten führten sie das Spielgerät gerne am eigenen Fuß. Zwei dieser Sorte gemeinsam in einer Mannschaft - eigentlich genial, oder? Weit gefehlt. Eine Koexistenz war schlicht nicht möglich, wie diverse Versuche in Testspielen rasch aufzeigten. Netzer und Overath standen sich auf den Füßen, der eine verhinderte die Klasse des anderen.

Italiens Nationaltrainer Ferruccio Valcareggi löste ein ähnliches Problem bei der WM 1970 so, dass er Inter Mailands Spielmacher Sandro Mazzola in der ersten Hälfte einsetzte und ihn zur Pause stets für AC Mailands Kreativkopf Gianni Rivera auswechselte. Ein skurriles Prinzip, das tatsächlich bis zum Endspiel aufging. Dort jedoch spielte der physischere Mazzola durch; der spielstärkere Rivera, gegen die Brasilianer (1:4) die vielleicht bessere Lösung, betrat erst fünf Minuten vor Schluss den Rasen.

Ausnahme Zagallo - Platinis Eifersucht

Wobei man dazu sagen muss, dass es Selecao-Coach Mario Zagallo damals gelang, die Köche-Brei-Theorie zu widerlegen und gleich fünf Ausnahmespieler (Gerson, Rivelino, Tostao, Jairzinho und Pelé), die in ihren Vereinen die Rückennummer zehn trugen (damals noch positionsgebundener), zu einem funktionierenden Gefüge zu formen.

In der französischen Auswahl der 1980er-Jahre war ein Zusammenspiel von Michel Platini und Jean-Francois Larios schon allein deshalb nicht mehr möglich, weil Larios Platini die Ehefrau ausgespannt hatte - die Drohung des wertvolleren Platini, im Beisein Larios' nicht mehr für die französische Nationalmannschaft aufzulaufen, machte die Entscheidung für Trainer Michel Hidalgo jedoch nicht all zu schwer.

Steven Gerrard (li.) und Frank Lampard

Einzeln stark, gemeinsam unproduktiv: Steven Gerrard (li.) und Frank Lampard. Getty Images

An einem kniffligeren Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit scheiterten die Engländer. Mit ihren torgefährlichen Strategen Frank Lampard und Steven Gerrard, die sich auf dem Spielfeld mehr im Weg standen, als die "Three Lions" gleich doppelt so stark zu machen. Diverse Nationaltrainer boten sie trotzdem gemeinsam auf - neben veralteten Spielausrichtungen wohl ein Grund, warum die vermeintliche goldene Generation sich einem Titel noch nicht einmal annäherte.

Wolfgang war der bessere Nationalspieler.

Günter Netzer über Wolfgang Overath

Mit einer solchen Generation - man nenne nur Franz Beckenbauer, Sepp Maier oder Gerd Müller - feierte Helmut Schön gut drei Dekaden zuvor große Erfolge. Im Vorfeld der EM 1972 sortierte er den eigentlich von ihm favorisierten (und beim Endturnier schließlich verletzten) Overath aus, der formstärkere Netzer führte Deutschland zum ersten deutschen Sieg in England und schließlich zum Titel. Dass er Karriere und Leben jedoch nicht über Titel definiere, verriet Netzer im großen kicker-Interview zu seinem 75. Geburtstag.

Helmut Schön, Wolfgang Overath und Günter Netzer (v.l.)

Drei große Köpfe des deutschen Fußballs: Schön, Overath und Netzer (v.l.). imago images

Als zwei Jahre später die Heim-WM ins Haus stand, hinkte Netzer dieser Form nach seinem ersten Jahr bei Real Madrid hinterher. So setzte der harmoniebedürftige Schön - erst recht, als sich die "Spielergewerkschaft" um "Rädelsführer" Paul Breitner eines nachts in Malente für Overath ausgesprochen hatte - diesmal auf den Kölner. Mit Overath auf dem Platz und Netzer ("Wolfgang war der bessere Nationalspieler") zwischen Bank und Tribüne wurde Deutschland im eigenen Land Weltmeister.

Im Sinne der Mannschaft entschieden

So muss Overath zwar ohne EM-Medaille 1972 auskommen und Netzer wird sauer, wenn man ihn wegen mageren 20 Minuten gegen die DDR als 74er-Weltmeister bezeichnet - weil Bundestrainer Schön aber nach Leistung auswählte und den Zweikampf goldrichtig moderierte, gewann Deutschland als Mannschaft beide Turniere.

nba

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Netzer: "Habe immer vor allem gewusst, was ich nicht kann"

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