Der Routinier nimmt sich in die Pflicht, muss im DFB-Dress aber zulegen

Reus - Führungsrolle ist gewünscht

Marco Reus

Zwischen den Leistungen im BVB- und DFB-Trikot klafft noch eine große Lücke: Marco Reus. picture-alliance

Aus Belfast berichten Karlheinz Wild und Sebastian Wolff

Beim 30-Jährigen klaffte - wieder einmal - eine gewaltige Lücke zwischen dem, was er im Vereinstrikot und dem was er im DFB-Dress abliefert. Dabei hat Löw gerade ihn im Visier, wenn es darum geht, die verjüngte Mannschaft anzuführen. "Wir brauchen ein paar Spieler, die vorangehen, gerade auch was die Körpersprache anbelangt. Und Marco ist, wenn er fit ist, ein ganz wichtiger Spieler für uns." Der kicker stellte dem Borussen nach der Partie in Belfast diese Fragen.

kicker: Herr Reus, war das die richtige Reaktion nach dem 2:4 gegen die Niederlande am Freitag?

Reus: In der zweiten Halbzeit ja. In der ersten Halbzeit konnten wir nicht unser Spiel aufziehen. Die Nordiren haben uns ab und zu hoch gepresst. Manchmal konnten wir uns ganz gut befreien, hatten dann aber keine gute Staffelung in der Offensive oder haben die Pässe nicht nach vorne gespielt. Daher war es ein bisschen schwierig. Uns war aber in der zweiten Halbzeit bewusst, dass Nordirland dieses Tempo nicht über 90 Minuten würde gehen können. Das haben wir versucht auszunutzen, hatten dann ein besseres Passspiel, eine bessere Zuteilung und kamen zu unseren Torchancen. Da hätte es in den ersten 20 Minuten nach der Pause schon 2:0 oder 3:0 für uns stehen können. Und dann hätten wir nicht so lange zittern müssen.

Was sagt dieser 2:0-Auswärtssieg auch mit Blick auf das 2:4 gegen die Niederlande aus?

Reus: Dass wir uns von dieser Niederlage erholt haben. Diese Niederlage war völlig in Ordnung, da haben wir kein gutes Spiel gemacht. Solche Spiele und Negativerlebnisse gehören aber zu diesem Reifeprozess, das haben wir immer gesagt. Auf dem guten Spiel in der zweiten Halbzeit gegen Nordirland kann man aufbauen, und das müssen wir. Gleichzeitig müssen wir die Dinge, die wir nicht gut gemacht haben, aufzeigen.

Woran denken Sie da?

Reus: Gegen Holland hatten wir kein gutes Ballbesitzspiel, keine gute Raumaufteilung. Das war hier in Belfast in der zweiten Halbzeit viel besser, weil wir uns da ein bisschen mehr zugetraut haben. Da stimmten die Pässe und die Abstände. In der Defensive haben wir endlich wieder zu null gespielt, was auch sehr wichtig ist. Es sind kleine Rädchen, die wichtig sind, wie etwa Automatismen im Spiel. Heute hat Marcel Halstenberg links gespielt, der lange nicht mehr spielte. Und dann trifft er noch. Solche Sachen tun einer Mannschaft einfach gut.

Wir hatten keine Zweifel, aber der Druck war natürlich da.

Marco Reus

Sind mit diesem 2:0-Sieg alle Zweifel, die nach dem 2:4 gegen die Niederlande kurz an der EM-Qualifikation aufkamen, jetzt definitiv weggewischt?

Reus: Wir hatten keine Zweifel, aber der Druck war natürlich da. Wir kamen hierher, die Nordiren hatten in vier Spielen vier Siege geholt, wenn auch gegen kleinere Nationen - und die erste Halbzeit hat gezeigt, dass im Fußball alles möglich ist. Aber am Ende hat sich die Qualität durchgesetzt, auch unsere Entschlossenheit in der zweiten Halbzeit. Wir sind wieder da.

Warum wurden nach der Pause so viele Chancen vergeben?

Reus: Wir hatten vier, fünf, sechs Riesenmöglichkeiten, wo der letzte Pass nicht gepasst hat oder die Automatismen nach vorne. Aber ich glaube, das wird sich immer besser finden. Ein Spiel wie heute vor einem solchen Publikum gibt der Mannschaft sicher sehr viel Halt.

Spüren Sie, dass Sie in dieser verjüngten Mannschaft als Führungsfigur wie bei Borussia Dortmund extrem gefragt sind?

Reus: Ja, natürlich. Das wird von mir gefordert, und ich fordere es auch von mir, ganz klar. Ich glaube, ich war heute bei uns der Zweitälteste auf dem Platz ...

... nach Manuel Neuer, ja ...

Reus: ... und bin generell im Kader einer der Ältesten. Trotz der wenigen Länderspiele, die ich bisher habe, gehört das dazu und ist für mich überhaupt kein Problem. Ich werde der Mannschaft immer helfen.

In Spielen gegen große Nationen können wir lernen.

Marco Reus

Könnte der Stil dieser neuen deutschen Nationalmannschaft mehr Konterfußball und weniger Spielkontrolle werden, gerade gegen große Gegner?

Reus: Ich glaube schon, dass wir gegen die kleinen Nationen besser gespielt haben, was klar war. Es ist einfach ein Prozess. Wir müssen Vertrauen zueinander bekommen, die Abstände müssen besser sein, die Automatismen müssen besser werden, das passiert nicht von heute auf morgen. In Spielen gegen große Nationen können wir lernen.

Bietet sich bei so vielen Sprintern im Team eine Veränderung auf mehr Konter zwangsläufig an?

Reus: Konter gehören dazu, heutzutage musst du flexibel sein, musst das Spiel machen können, musst kontern können. Das gibt uns der Bundestrainer mit, wir versuchen es umzusetzen.

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