Günter Netzer im Interview

"Es gab Phasen, in denen auch ich auf die Schnauze gefallen bin"

Günter Netzer und Karlheinz Wild

Wird am Samstag 75: Günter Netzer, hier mit kicker-Chefreporter Karlheinz Wild in Zürich. imago images

Netzer traf sich mit kicker-Chefreporter Karlheinz Wild in der Kronenhalle in Zürich. Dort entwickelte sich vor einem Meisterwerk von Marc Chagall ein kraftvolles, tiefsinniges Gespräch. Der einst große Fußballer Netzer, 1972 Europameister und gut 20 Minuten beim WM-Sieg 1974 im Einsatz, zweimal Meister in der Bundesliga und zweimal in Spanien, versichert, heutzutage rundum glücklich und zufrieden zu sein. Das war Ende der 70er nicht so. "Ich habe nach meiner Profizeit die Arroganz besessen, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Ich saß hier in Zürich ohne Pläne, bis wieder eine Chance vorbeikam und der HSV sagte, ich solle dort Manager werden. Ich sagte: Ich kann das nicht." Es war eine ehrliche Antwort. Netzer übernahm den Hamburger SV dennoch. Und es folgte eine enorm erfolgreiche Zeit mit dem Trainer Ernst Happel. "Danach musste ich aber raus aus dem Fußball, der alle meine Energien abgesaugt hatte", gibt der Mann mit den wehenden Haaren zu.

An diesem Samstag wird Netzer mit seiner Frau Elvira und Tochter Alana feiern, vielleicht mit zwei, drei Leuten mehr, "aber kein rauschendes Fest". Von nahezu 75 erfüllten Jahren will das Geburtstagskind nicht wirklich sprechen. "Um Gottes willen", so Netzer, "auch mein Leben war keine gerade Linie auf dem Weg nach oben. Das wäre ja fürchterlich. Und dann wäre ich jetzt nicht so fertig … Es gab viele Aufs und Abs, Gott sei Dank, immer wieder Phasen, in denen ich auf die Schnauze gefallen bin. Daraus habe ich gelernt und den nächsten Entwicklungsschritt gemacht." Die bösen Enttäuschungen des Lebens hat er laut eigenen Angaben gerne und schnell vergessen: "Ich habe immer den Weg nach vorne gesucht." Erkenntnis und Erfahrung seien es, die ihn lernen ließen, das Leben und die Situationen so zu nehmen, wie sie sind. Netzer hat den für sich richtigen Weg gefunden: "Ich überprüfe immer, ob alles intakt ist oder ob es etwas zu verändern gibt. Mein Leben ist nicht mehr so stressig, aber in jedem Fall aufregend, an jedem Tag."

Er spielte für Borussia Mönchengladbach und Real Madrid, war Manager beim HSV und gilt beim FC Bayern als Freund des Hauses. Sein Herz aber schlägt für die Elf vom Niederrhein. "Wahrscheinlich war Gladbach meine schönste und wichtigste Station, dort fing alles an. Das erlebe ich auch bei Künstlern und in anderen Genres, dass sie sagen, sie hätten die Phasen, als sie noch ein Niemand waren und plötzlich jemand sein konnten, am meisten fasziniert." Trotz aller Streitereien mit Trainer Hennes Weisweiler weiß Netzer diese Zeit einzuordnen: "Er hat mich gemacht und Borussia Mönchengladbach. Diese Entwicklung hautnah zu erleben und ein wesentlicher Teil dessen zu sein, war das Schönste." Sportlich hat der heute fast 75-Jährige viel erreicht, noch mehr Titel fehlen ihm jedenfalls nicht. Eine Karriere oder ein Leben darüber zu definieren, ist ohnehin nichts für ihn: "Ich empfände das peinlich."

Das komplette Interview lesen Sie in der Montagsausgabe des kicker. Ausführlich äußert sich Netzer dort über seine Herz-OP und Uli Hoeneß, über sein legendäres Tor im Pokalfinale 1973 und die Zukunft, über Lionel Messi und Santiago Bernabeu, über seine wahre Schuhgröße und künstliche Farbpigmente im Haar.

kon

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