Russe fordert Nadal im US-Open-Finale am Sonntag

"Hass" auf Federer, Kampf gegen Dämonen: Das ist Daniil Medvedev

Daniil Medvedev

Gegen Nadal, gegen sich selbst: Daniil Medvedev. getty images

Nicht nur Federer-Besieger Grigor Dimitrov hat er besiegt. Nicht nur Stanislaw Wawrinka, den Champion von 2016, nicht nur den deutschen Überraschungsspieler Dominik Koepfer. Auf dem Weg in sein erstes Grand-Slam-Finale bezwang Daniil Medvedev auch einen seiner härtesten Gegner - sich selbst.

Der Kampf gegen den eigenen Jähzorn, gegen die eigene Haltung hatte Medvedev bislang schon häufig in seiner Karriere im Weg gestanden. Bei einem Challenger-Turnier 2016 unterstellte er der Stuhlschiedsrichterin Parteilichkeit aufgrund ihrer Hautfarbe, 2017 warf er nach seiner Zweitrundenniederlage in Wimbledon Geld in Richtung der Schiedsrichterin, beim diesjährigen Turnier in London beschädigte er nach seiner Fünfsatzniederlage gegen David Goffin den "heiligen Rasen" und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.

Ich habe keine Ahnung, warum diese Dämonen herauskommen, wenn ich Tennis spiele.

Daniil Medvedev

"Ich habe wirklich keine Ahnung, warum all diese Dämonen herauskommen, wenn ich Tennis spiele", sagte Medvedev nach dem 7:6 (7:5), 6:4, 6:3 gegen Dimitrov am Freitag, dem bislang größten Erfolg seiner Karriere, die bislang einem nicht eingelösten Versprechen gleichkam. Potenzial zeigte der 1,98 Meter große Schlaks immer wieder, bei einem Grand-Slam-Turnier war er aber nie auch nur über das Achtelfinale hinausgekommen - bis jetzt.

Am Sonntagabend (22 Uhr MESZ, LIVE! bei kicker.de) fordert der 23-Jährige nun den 18-maligen Grand-Slam-Champion Rafael Nadal, der über Medvedev sagt: "Er spielt das beste Tennis auf der Tour in diesem Sommer." Kein Spieler im ATP-Zirkus ging im Kalenderjahr 2019 häufiger als Sieger vom Platz als Medvedev (50), keiner verbuchte mehr Finalteilnahmen (sechs). Flushing Meadows ist der vorläufige Höhepunkt in der noch jungen Karriere Medvedevs.

Aber auch einer, der wieder einmal auch mit negativen Schlagzeilen verbunden war. Während seines Drittrundenmatches gegen Feliciano Lopez entriss Medvedev rüde einem Balljungen das Handtuch, erhielt dafür eine Verwarnung vom Schiedsrichter - und tippte sich nach den folgendem Pfiffen von den Rängen anschließend mit dem Mittelfinger an die Schläfe. Die Szene wurde auf dem Videowürfel gezeigt, das Publikum reagierte mit Buh-Rufen.

Daniil Medvedev

Finaleinzug: Daniil Medvedev nach dem Halbfinalerfolg über Grigor Dimitrov. getty images

Wendepunkt gegen Koepfer

Tags darauf wäre sich Medvedev beinahe wieder selbst im Weg gestanden. Im Achtelfinale wurde er vom entfesselnd aufspielenden Qualifikanten Koepfer, der Nummer 118 der Welt, zu Beginn an die Wand gespielt, Medvedev wirkte - wie häufig in Phasen seines Spiels - seltsam lethargisch. "Er hat mich zerstört", sagte der jetzige Finalist, der bereits mit 3:6, 0:2 zurücklag, im Anschluss an das Match. "Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Aber dann", erklärte er, "habe ich etwas getan, was ich vor einem Jahr noch nicht hätte tun können. Ich habe so aggressiv gespielt, wie ich konnte, habe den Ball so früh genommen, wie ich konnte, was ich normalerweise nicht tue. Deshalb habe ich gewonnen und deshalb ist der Sieg noch wertvoller."

Diese Aussage gewinnt nun noch ein Stückchen mehr an Bedeutung. Denn nachdem Medvedev gegen Koepfer auf- und schließlich das Spiel drehte, spielte er gegen Wawrinka und Dimitrov wieder sein bestes Tennis: flach, schnell, unorthodox in der Technik, unheimlich schwierig zu bekämpfen. So will er auch gegen Nadal auftreten, vor allem aber - anders als so häufig - seine Dämonen in Schach halten. Im Jugendalter habe er nach eigener Aussage sogar noch größere Probleme mit seiner Einstellung gehabt, sagte Medvedev nach dem Spiel gegen Dimitrov.

"Hass" auf Federer - ab Montag die Nummer vier

Ohnehin scheint der Rechtshänder aber kein ganz gewöhnlicher Juniorenspieler gewesen zu sein. Während seine Kontrahenten auf dem Platz für Roger Federer schwärmten, hegte Medvedev nach eigener Aussage eine Abneigung gegen den Schweizer. "Als ich zehn Jahre alt war, hasste ich ihn," erzählte er im Rahmen des Turniers im Londoner Queen's Club im Juni. "Ich konnte ihn einfach nicht mehr gewinnen sehen. Ich habe von der ersten Runde an für die anderen Spieler gejubelt." Das habe sich nun geändert. "Wenn ich in der ersten Runde verliere, ist es mir egal, ob Nadal, Roger oder Novak gewinnt." So weit er sich mit dieser Aussage von den "Big Three" distanziert - ab kommenden Montag steht niemand mehr zwischen ihm und dem großen Trio. Unabhängig vom Ergebnis gegen Nadal wird Medvedev die neue Nummer vier der Welt.

mib