Kommentierende Analyse

Diese Perspektivgeneration muss noch viel lernen

Matthias Ginter

Wie viele seiner Kollegen gegen Oranje nicht fehlerfrei: Matthias Ginter. Getty Images

DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte schon am Donnerstag im kicker betont, dass der Weg der bei der WM 2018 arg gerupften deutschen Nationalmannschaft zwischendurch "holprig und steinig" werden könnte auf ihrer Tour zurück in die Weltspitze. Und auch Bundestrainer Joachim Löw sowie die erfahrenen Spieler Toni Kroos und Marco Reus hatten in der Vorbereitung dieses vierten Qualifikationsspiels zur EM 2020 auf zu erwartende Rückschläge für die restaurierte deutsche Elf hingewiesen.

Der erste Dämpfer kam nun schon im Rückspiel gegen die Niederlande, die in Hamburg die 2:3-Heimniederlage in Amsterdam korrigierten: Ihr 4:2-Sieg war absolut verdient, weil sie selbstsicherer, ballgewandter, konstruktiver, dominanter, in der Summe einfach besser und reifer gespielt hatten als die fahrigen Deutschen.

Sie sind noch längst nicht so toll, wie ein 8:0 gegen Estland vorgegaukelt haben mag

Das Ensemble vor DFB-Kapitän Manuel Neuer lauerte gegen einen sofort bestimmend auftretenden Gegner auf Konter. Vor der Pause führte diese Strategie, einerlei, ob sie nun eigener Planung oder der Überlegenheit des Gegners entsprang, zu einer 1:0-Führung. Van Dijk, de Jong, Depay und Kollegen hatten zwar mehr Spielanteile, aber wenig Tempo in ihren Aktionen. Die deutsche Fünferkette mit Kimmich und Kroos davor stand da noch dicht.

kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

kicker-Chefreporter Karlheinz Wild kicker

Als sich nach der Pause das Geschehen öffnete, wurden die niederländischen Treffer enorm durch taktisches Fehlverhalten (offene Zentrale), böse individuelle Patzer (Tah/ Schulz) und Abspielfehler (Ginter) begünstigt. Vorne wurde der Ball zu wenig gehalten, der Spielaufbau lief selten zusammenhängend über mehrere Stationen. Das deutsche Spiel blieb Stückwerk, Löws Auserwählte können es besser. Aber sie sind noch längst nicht so toll, wie ein 8:0-Sieg gegen eine klägliche Vertretung aus Estland vielleicht vorgegaukelt haben mag. Ginter, Tah, Werner, Schulz und auch die anderen ohne Zweifel talentierten Akteure der Perspektivgeneration 2020 oder 2024 müssen noch viel lernen und ihre internationalen Reifeprüfungen noch ablegen.

Aus eigener Kraft kann Deutschland jetzt nicht mehr Erster werden

An diesem Montag ist der erste Nachweis beim bislang viermal siegreichen Spitzenreiter der Gruppe C, Nordirland, zu erbringen. In Belfast muss sich die verjüngte deutsche Mannschaft eines körperlich sehr robusten Gegners erwehren. Eine erneute Niederlage sollte sie sich und der soeben versöhnten Anhängerschar ersparen.

Noch ist in der Qualifikation zur EM 2020 nichts passiert, aus eigener Kraft kann die deutsche Auswahl jedoch nicht mehr Erster in dieser Gruppe werden, weil der direkte Vergleich aktuell für die Niederlande spricht. Deshalb wäre es klüger gewesen, nach dem seltsamen Elfmeter, der das 2:2 ermöglichte, zumindest das Unentschieden zu sichern.

Karlheinz Wild

Bilder zur Partie Deutschland - Niederlande