Ein- und Verkäufe der Münchner seit Juli 2017

Bayerns Umbruch mit 36 Transfers - so wirkte Salihamidzic

Umtriebig und in der letzten Instanz im Hintergrund: Hasan Salihamidzic mit den Bayern-Bossen Hoeneß und Rummenigge.

Umtriebig und in der letzten Instanz im Hintergrund: Hasan Salihamidzic mit den Bayern-Bossen Hoeneß und Rummenigge. imago images

Am Schluss dieser sommerlichen Transferperiode 2019 sollte es ganz schnell gehen. Nach Giorgio Chiellinis (35) Kreuzbandriss im Training vor dem Liga-Spiel gegen Neapel (4:3) am vergangenen Samstag berieten die Verantwortlichen von Juventus Turin eine mögliche Soforthilfe. Dabei sahen sie auch einen Kandidaten in München, Jerome Boateng (31). Mit den Bayern-Entscheidern war schnell alles geklärt: Der weltmeisterliche Innenverteidiger, beim Rekordmeister noch bis 30. Juni 2021 vertraglich gebunden, sollte für ein Jahr über die Alpen verliehen werden. Die Juve-Emissäre verhandelten sodann mit Christian Nerlinger, dem Berater Boatengs, besannen sich aber letztlich gegen eine Einstellung dieses Abwehrspielers.

So bleibt es bei bislang 24 Transfers weg vom FC Bayern und 12 hin zum FC Bayern, seit Hasan Salihamidzic (42) dort zum 1. August 2017 das Amt des Sportdirektors übernahm.

Spektakuläre Namen diesen Sommer

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Die spektakulärsten wurden mit Sicherheit in diesem Frühjahr und Sommer abgewickelt bzw. verkündet: Der Verteidiger Lucas Hernandez (23) kam für 80 Millionen Euro von Atletico Madrid, dessen weltmeisterlicher Landsmann Benjamin Pavard (23) für 35 Millionen Euro vom VfB Stuttgart. Während die Investition für Hernandez eine neue Rekordsumme für den FC Bayern bedeutet (zuvor Corentin Tolisso 41,5 Millionen Euro), bekamen die Münchner Pavard relativ preisgünstig - bei den irrsinnigen Preisen heutzutage.

Beide Male waren Salihamidzic und der FC Bayern frühzeitig am Mann: Pavard wurde schon im Sommer 2018 festgezurrt, Hernandez im folgenden Winter. Mit zwei neuen Innenverteidigern, die ihren Job außerdem auch außen beherrschen, auf der Habenseite waren die FCB-Entscheider nicht abgeneigt, den ebenfalls weltmeisterlichen Mats Hummels (30) vorzeitig aus seinem bis 2021 gültigen Angestelltenverhältnis zu entlassen, zumal ihnen die Einnahme von 31 Millionen Euro plus einige mögliche Boni sehr gefiel.

Sané: Erst Hängepartie, dann zumindest verschoben

Es lief bei der Personalgestaltung - gerade für diese Saison - jedoch nicht alles so schnell und glatt wie in diesen Fällen. Die Frage des Jahres rund um den FC Bayern lautete: Kommt Sané? Oder kommt er nicht? Am 20. Mai hatte der kicker in seiner montäglichen Printausgabe vom FCB-Interesse am schnellen, trickreichen, torgefährlichen Linksfüßer Leroy Sané (23) berichtet. Uli Hoeneß bestätigte ein paar Tage später diese Geschichte. Doch der 21-malige deutsche Nationalspieler ging erst in den Urlaub und anschließend mit seinem Arbeitgeber Manchester City auf Dienstreise, ohne dass der Fall geklärt wurde. Und als das Hin und Her einem Ende zustrebte mit der unbestätigten Tendenz eines Sané-Ja zum FC Bayern sprach das Schicksal ein böses Machtwort: Beim englischen Supercup am 4. August handelte sich der Stürmer einen Kreuzbandriss ein, der Wechsel fiel aus - oder wurde zumindest verschoben.

Pepé und Bergwijn: Qualitätstest nicht bestanden

Nun war dringendst eine Alternative nötig, zumal der FC Bayern seine beiden Super-Außen der zurückliegenden Dekade, Franck Ribery (36) und Arjen Robben (35), verrentet hatte. Es waren also zwei Planstellen auf den Flügeln zu besetzen. Viele Kandidaten wurden gesichtet und begutachtet, Nicolas Pepé (24/ Lille) oder Steven Bergwijn (21/ PSV Eindhoven) sind nur zwei Namen. Beide wurden nicht für gut genug befunden und abgelehnt. Pepé zum Beispiel brauche zu viel Platz im letzten Drittel, wie die Bayern-Scouts und Salihamidzic nachvollziehbar befanden. Der Sportdirektor legt bei potenziellen Neuzugängen die für den FC Bayern typischen, traditionellen Top-Ansprüche an. "Die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist für uns wichtig", sagt er. Konkret heißt dieser Satz: Neue Spieler müssen so stark sein, dass sie entscheidend dazu beitragen, die Champions League zu gewinnen. Deshalb trifft diese Aussage Salihamidzic' zu: "Es ist grundsätzlich schwierig, unseren Kader zu verstärken."

Salihamidzic stellt Hudson-Odoi in das große Schaufenster

Callum Hudson-Odoi (18) ist ein solcher Mann, der die FCB-Kriterien erfüllt. Salihamidzic hielt ihn frühzeitig für ein "Toptalent" und wurde von dessen zwischenzeitlicher Berufung zum Nationalspieler bestätigt. Vor allem das Tempodribbling, das der Engländer auf engstem Raum vollführt, begeistert den FCB-Sportdirektor. Auch bei diesem Spieler war er früh unterwegs, der schon für den Winter 2018/19 angestrebte Wechsel klappte indes nicht. Salihamidzic bekannte sich offen dazu, diesen Profi des FC Chelsea unbedingt verpflichten zu wollen - wenn nicht 2019, dann eben 2020, wenn dessen Vertrag bei den "Blues" endet. Die Briten an der Londoner Stamford Bridge reagierten auf diese Avancen sauer - ehe auch in dieser Angelegenheit das Schicksal gnadenlos dazwischenfunkte: Bei Hudson-Odoi riss Mitte April die Achillessehne, Transfer in jedem Fall verschoben. Sofort, also zu Beginn der Runde 2019/20, hätten die Bayern also weder Sané noch Hudosn-Odoi einsetzen können.

Ich muss einiges aushalten. Aber man muss ein Konzept mit Gestaltungsoptionen haben, nur so kann man in kurzer Zeit reagieren.

Hasan Salihamidzic

Was nun? Die FCB-Fans wurden nervös und die öffentliche Kritik lauter, vor allem in Richtung Salihamidzic, der kürzlich im großen kicker-Interview einräumte: "Ich muss einiges aushalten." Gleichzeitig betont er: "Man muss ein Konzept mit Gestaltungsoptionen haben, nur so kann man in kurzer Zeit reagieren."

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Und Glück gehört auch dazu, es müssen sich gewisse Konstellationen auf dem Transfermarkt ergeben. In jedem Fall fügte es sich, dass sich der Edel-Brasilianer Philippe Coutinho (27) beim FC Barcelona nicht wie erwünscht durchsetzte und zu haben war. Rummenigges gute internationale Beziehungen halfen, Salihamdizic' Draht zu Coutinhos Berater, ein Treffen in Barcelona mit Austausch der beidseitigen Vorstellungen, schon war "einer der besten Fußballer der Welt" (Salihamdizic) für ein Jahr engagiert, auf Leihbasis zu einer Gebühr von 8,5 Millionen Euro.

Wir haben jetzt einen sehr schönen Kader. So hätte ich ihn mir gemalt, wenn ich ihn mir hätte malen können.

Uli Hoeneß

Beim WM-Zweiten 2018, Ivan Perisic (30) wurde für fünf Millionen Euro das gleiche Modell mit Inter Mailand vereinbart. Und weil Renato Sanches (21) zu Lille weiterwanderte, kamen noch einmal 20 Millionen in die FCB-Kasse, die Hälfte davon floss weiter nach Mönchengladbach für das Talent Michael Cuisance (20). "Wir haben jetzt einen sehr schönen Kader", sagt Uli Hoeneß, der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende, im neuen kicker-Sonderheft zur Champions League. "So hätte ich ihn mir gemalt, wenn ich ihn mir hätte malen können."

Hoeneß, der mit seinem Kontrollgremium jeden Transfer über 25 Millionen Euro Volumen - also jeden größeren - absegnen muss, macht es "besonders stolz, dass wir" - bei genehmigten 200 Millionen Euro - "nur 85 bis 90 Millionen Euro ausgegeben haben". Es waren - die offiziellen Zahlen zugrunde gelegt - exakt 87,5 Millionen Euro.

Transferbilanz unter Salihamidzic: Ein Minus von 4,85 Millionen Euro

In den zwei Jahren, seit Salihamidzic an den Transfers mitwirkt, wurden 164,5 Millionen Euro ausgegeben und 159,65 Millionen eingenommen, macht ein Transferminus von 4,85 Millionen Euro. Mit dieser eigentlich sparsamen Investition wurden zwei Stufen des personellen Umbruchs vollzogen, der FCB wurde jedes Mal Meister, einmal Pokalsieger. Die nationale Dominanz blieb also. Salihamidzic trug seinen Teil dazu bei. Er kennt mögliche Kandidaten und weiß ihre Tauglichkeit für den FC Bayern gut einzuschätzen, er greift in das oberste Fach mit der geringen Topauswahl.

Und er ist bei Perspektivspielern emsig unterwegs, siehe Alphonso Davies (18), der Anfang des Jahres 2019 für 10 Millionen Euro aus Vancouver geholt wurde und nach einer mehrmonatigen Eingewöhnungsphase in den Planungen als Mann für die linke Offensive, genauso aber als linker Außenverteidiger eine große Rolle spielt. Ihn hatte Salihamdizic im Blick. Bei Toptalenten und Perspektivspielern, so sein Credo, will er möglichst schnell zur Stelle sein - weil sie dann preislich noch erschwinglich sind.

Darin besteht die Aufgabe des Sportdirektors. Er muss in Absprache mit dem Trainer Niko Kovac die Personalien filtern, um sie sodann mit Rummenigge und - bisher - Hoeneß zu diskutieren, auch kontrovers, wie jüngst bei Timo Werner (23). Der Aufsichtsrat muss sie dann letztinstanzlich abnicken. Transfers beim FC Bayern sind also insgesamt Teamwork.

Javi Martinez als Antwort auf das verlorene "Finale dahoam"

Als die Bayern-Führung 2012 nach dem Schock des verlorenen Champions-League-Finals "dahoam" die effiziente Gegenreaktion anging und Trainer Jupp Heynckes den in unseren Breiten und europaweit wenig prominenten Javi Martinez vorschlug, jedoch die damalige Ablöseforderung von 40 Millionen Euro bedrohlich im Raum stand, fragte Rummenigge den Trainer: "Jupp, bist du überzeugt, dass uns dieser Spieler entscheidend weiterbringt?" Heynckes antwortete mit Ja. "Dann machen wir den Transfer", sagte Rummenigge und hob bei der anschließenden Abstimmung den Finger. Die am Tisch sitzenden Kollegen Hoeneß, Karl Hopfner und Matthias Sammer taten es ebenso. Martinez wurde für die Rekordsumme geholt - und der FC Bayern 2013 Triplegewinner.

Karlheinz Wild

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