Kommentar von kicker-Redakteur Sebastian Wolff

Jatta und der HSV als große Gewinner

Klare Kante: Viele HSV-Fans stellten sich aktiv vor ihren Angreifer und appellierten für Menschlichkeit.

Klare Kante: Viele HSV-Fans stellten sich aktiv vor ihren Angreifer und appellierten für Menschlichkeit. imago images

Die Meter zur Auswechselbank waren kurz vor Schluss zum Triumphmarsch für Jatta geworden und hatten dem Volksparkstadion mal wieder einen Moment geschenkt, der unter die Haut ging. Auch der "Fall Jatta" scheint jetzt siegreich beendet, da das Bezirksamt die Ermittlungen wegen des Verdachts auf eine falsche Identität eingestellt hat. Ob Nürnberg, Bochum und Karlsruhe nun ihre Proteste zurückziehen, ist noch offen, der Gambier und der HSV dürfen sich dennoch schon jetzt als Gewinner fühlen - weil sie fest zusammengestanden haben und das Beben auf den Tribünen am Sonntag exakt jene Kraft und Stärke widergespiegelt hat, die Spieler und Klub in den zurückliegenden vier Wochen ausgestrahlt haben.

Der Hinweis, dass es ein Automatismus sei, in schweren Zeiten zusammenzuhalten, da es ja auch um Punkte und Millionen gehe, verbietet sich an dieser Stelle. Gerade der HSV ist in der Vergangenheit regelmäßig wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen, wenn Druck von außen aufgekommen ist. Dass der Mensch Jatta, der bei der Betrachtung des "Falls Jatta" oft zu kurz gekommen ist, dieser Belastung standhalten konnte, ist noch bemerkenswerter. Es war auch dieses beispielhafte Zusammenstehen, dass die Stimmung schon gedreht hat, bevor das Bezirksamt nun die Zweifel beseitigt hat. Trainer wie Mirko Slomka, Tim Walter und vor allem Daniel Thioune hatten sich solidarisiert, der FC St. Pauli hatte dafür den Startschuss gegeben. Weil in Zeiten der politischen Irrläufer und derer, die aus diesem Fall Profit ziehen wollten, durch die klare Haltung des HSV eben auch die anderen auf den Plan getreten sind: diejenigen, die den Menschen sehen. Und die Kraft des Sports.

Es ging außerhalb Hamburgs zu sehr um den Fall Jatta und zu wenig um den Menschen Jatta, zu sehr darum, ob er 21 oder 23 ist und zu wenig um den Umgang und das Miteinander in unserem Land, aber eben auch im Fußball. Dass einen Tag nach dem emotionalen Urknall nun auch der rechtliche Befreiungsschlag erfolgt ist, mag Zufall und beinahe ein wenig kitschig sein. Es kann für Jatta und den HSV aber auch einen ganz wesentlichen Wendepunkt markieren: Für den jungen Gambier sollte der Spießrutenlauf nun beendet sein und der Klub hat gespürt, dass es sich schnell auszahlen kann, wenn Krisen-Management von Zusammenhalt statt Selbstzerfleischung geprägt ist.

Sebastian Wolff