Europa League

Vier Gründe für null Tore für Eintracht Frankfurt in Straßburg

Frankfurt: Analyse der fehlenden Torgefährlichkeit

Vier Gründe für null Tore in Straßburg

Schlichen in Straßburg mit hängenden Köpfen vom Platz: Die Frankfurter Spieler.

Schlichen in Straßburg mit hängenden Köpfen vom Platz: Die Frankfurter Spieler. picture alliance

Man könnte diesen Text kurzfassen und darauf verweisen, dass die Eintracht beim Handspiel von Alexander Djiku einen Strafstoß hätte bekommen müssen (50.). Dann wäre wahrscheinlich der Ausgleich gefallen und die Eintracht hätte sich eine gute Ausgangslage für das Rückspiel verschafft. Doch das wäre eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise, zumal nicht unter den Tisch fallen darf, dass Straßburg bei Makoto Hasebes Handspiel bereits in der 5. Minute einen Elfmeter hätte erhalten müssen. Die Gründe für die Harmlosigkeit in der Offensive sind vielfältig.

1. Sebastien Haller und Luka Jovic wurden nicht ersetzt

Der Transfer von Bas Dost stockt noch immer. Am Freitag nahm der Angreifer wieder am Mannschaftstraining von Sporting Lissabon teil. Dass es den Verantwortlichen nicht gelungen ist, bis zum Start in die Play-offs einen hochklassigen Stürmer zu verpflichten, ist kein Ruhmesblatt. Spätestens seit dem Frühjahr war abzusehen, dass Jovic und Haller die Eintracht verlassen könnten. Die Vorlaufzeit für die personellen Planungen war somit recht komfortabel. Trainer Adi Hütter sprach auf der Pressekonferenz am Freitag vom "einen oder anderen Transfer", der noch getätigt werden soll. Das klingt so, als wäre Dost nicht der einzige potenzielle Neuzugang für die Offensive. Kürzlich hatte Hütter noch erklärt, dass nur noch ein Stürmer kommen soll, sofern Ante Rebic bleibt.

2. Die Ausrichtung mit nur einer Spitze

Hütter ist ein Trainer, der das mutige Offensivspiel liebt und normalerweise auf zwei oder sogar drei Angreifer setzt. Zuletzt ist er davon jedoch abgewichen. Mit Ausnahme der beiden Partien gegen Flora Tallinn begann Frankfurt in allen Pflichtspielen mit nur einer Spitze. Das funktionierte gegen Hoffenheim schon nicht gut, in Straßburg gar nicht. Allerdings lag das auch an Rebics phlegmatischem Auftritt, für den er harsche Kritik einstecken musste. Hütter hat mit dem Stürmer inzwischen ein Gespräch geführt. Ob der kroatische Nationalspieler am Sonntag in Leipzig dabei ist, hängt davon ab, ob er seine muskulären Wadenprobleme bis dahin auskuriert hat.

3. Ideenlosigkeit

Die Partie in Straßburg muss differenziert betrachtet werden. In der ersten Hälfte mangelte es dem Offensivspiel an Bewegung und Präzision beim Passspiel, außerdem war vorne keiner dazu in der Lage, die Bälle festzumachen. Die einzige Torchance resultierte aus einem gut geschossenen Freistoß von Filip Kostic aus über 30 Metern (29.). Diesen Ball musste Straßburgs Keeper Matz Sels allerdings auch halten. Da die Eintracht nach Ballverlusten nicht gut ins Gegenpressing kam, was an zu großen Abständen und teils mangelhafter Arbeitsmoral lag, kam Straßburg zu einigen vielversprechenden Gegenstößen. Den Hausherren mangelte es allerdings an individueller Qualität, um daraus mehr Kapital zu schlagen. Außer dem in der Entstehung glücklichen 1:0 reichte es vor der Pause nur zu einer weiteren Chance, als Dimitri Lienard frei vor Kevin Trapp am Kasten vorbeischoss (13.).

Nach dem Wiederanpfiff steigerte sich die Eintracht merklich. "Die zweite Hälfte hat mir viel besser gefallen, da hatten wir das Spiel klar im Griff", resümierte Hütter. Eine Verbesserung gab es aber vornehmlich im Spiel gegen den Ball. Das Team stand kompakter, ging energischer in die Zweikämpfe und gewann im Mittelfeld viele zweite Bälle, sodass Straßburg kaum noch in die Nähe des gegnerischen Strafraums kam. Hatte die Eintracht den Ball, zog sich Racing tief in die eigene Hälfte zurück und verteidigte engmaschig mit einer Fünferkette und einer Viererkette davor. Nach munterem Beginn und Kamadas vergebenen Großchancen (46., 50.) machte sich jedoch Ideenlosigkeit breit. Auf der rechten Seite wurde Danny da Costa nur einmal gut in Szene gesetzt, als ihn der eingewechselte Sebastian Rode mit einem tollen Pass in Richtung Grundlinie schickte. Aus dieser Szene resultierte Kamadas erste Chance. Ähnlich ansehnliche Spielzüge gab es im weiteren Verlauf aber nicht mehr. Auffällig war, dass der linke Innenverteidiger Martin Hinteregger an der linken Außenlinie oft weit mit nach vorne ging. Der Österreicher ist jedoch kein Spezialist für Flanken, außerdem mangelte es im gegnerischen Strafraum an Präsenz. Warum die Mannschaft Kamada nicht stärker eingebunden und immer wieder den Weg über die linke Seite gesucht hat, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Aufgrund seiner Beweglichkeit und Technik ist der 23-Jährige schließlich prädestiniert, um sich zwischen den Linien zu bewegen, anzubieten und auch auf engem Raum Lösungen zu finden.

4. Zu viele defensive Spieler auf dem Platz

Nach der Auswechslung von Rebic und dem ebenfalls schwachen und angeschlagenen Gacinovic zur Pause standen in Kostic, Kamada und Joker Goncalo Paciencia nur drei gelernte Offensivspieler auf dem Feld - bei einem 0:1-Rückstand! Profis wie die drei Mittelfeldspieler Gelson Fernandes, Lucas Torro und Dominik Kohr sind - mit gewissen Abstufungen untereinander - allesamt fußballerisch limitiert. Rode, ebenfalls eine Kämpfernatur, ist spielerisch stärker, aber ebenfalls kein ausgewiesener Fachmann für die Offensive. Was der Eintracht fehlt, ist nicht nur ein Top-Mittelstürmer, auch ein gelernter Rechtsaußen als Alternative zu Danny da Costa stünde der Mannschaft gut zu Gesicht. Gerade gegen tief stehende Gegner fehlt rechts ein wuseliger, trickreicher, flinker Spieler mit Zug zum Tor. Diesen Spielertypus verkörpert auch Erik Durm nicht. Die Verantwortlichen sollten sich nicht darauf verlassen, dass Kostic links mit seinen Gegenspielern immer Katz und Maus spielt. In Straßburg hatte die Eintracht nach der 50. Minute keinen einzigen nennenswerten Torabschluss mehr - ein Armutszeugnis.

Trotz dieser Mankos haben die Hessen noch immer gute Chancen, die Gruppenphase zu erreichen. Straßburg ist kein Gegner, den man fürchten muss. In der Bundesliga würde das Team aus dem Elsass wohl gegen den Abstieg spielen. Mit der Umstellung auf zwei Spitzen (Paciencia, Rebic oder Joveljic) und Kamada auf der Zehn sollte es der Mannschaft mit der Unterstützung der Fans gelingen, im Rückspiel mehr als ein Tor zu schießen. Die Bedeutung dieses Duells kann gar nicht unterschätzt werden. Kein anderer Klub hat die Europa League vergangene Saison so frenetisch gefeiert wie die Eintracht und ihre abenteuerlustigen Anhänger. Sollte die Mannschaft nächsten Donnerstag an Straßburg scheitern, würde sich - emotional betrachtet - ein dunkler Schleier über die Stadt legen. Umgekehrt gilt: Zieht die Eintracht in die Europa League ein, könnten sich die Spieler von der Welle der Euphorie womöglich erneut auch durch die Liga tragen lassen.

Julian Franzke