Bergamo im Check: Serie-A-Klub aus der Lombardei erstmals mit Dreifach-Belastung

"Haltet eure Reisepässe bereit!" Atalanta auf Europa-Tournee

Atalanta Bergamo

Plötzlich einer der Headliner im italienischen Konzert der Großen: Atalanta Bergamo. imago images

Die Lombardei im Norden Italiens ist reich an Fußballvereinen - und auch reich an Erstligisten. Natürlich gibt es in erster Linie die zwei strahlenden Aushängeschilder aus Mailand, Milan und Inter - doch deren glorreiche Sterne sind in den letzten Jahren oftmals verdeckt gewesen. Außerdem gibt es Brescia Calcio aus der zweitgrößten Stadt der Lombardei, der als Aufsteiger wieder zurück im Oberhaus ist - und sich zum Beispiel mit "Heimkehrer" Mario Balotelli verstärkt hat.

Doch in erster sportlicher Linie gibt es nun Atalanta aus Bergamo, dem Überraschungshit der vergangenen Jahre. Der vierte Platz in der Saison 2016/17? Wurde noch als Eintagsfliege gesehen! Rang sieben und die erneute Europa-League-Teilnahme 2017/18? Ordentlich! Nach Platz 3 aus der vergangenen Spielzeit und vor allem der Erkenntnis, direkt vor Inter Mailand und vor Milan gelandet zu sein, brachte Atalanta endlich den verdienten Respekt ein.

"Wir bereisen Europa"

Dabei begeisterte die Mannschaft um Aushängeschild Alejandro "Papu" Gomez (31, seit 2014 im Verein) mit mitreißendem Offensivfußball. 77 Tore in 38 Saisonspielen hievten die furiose Offensive um Top-Torjäger Duvan Zapata (23 Treffer und sieben Assists in 37 Serie-A-Spielen) sogar vor Titelhamsterer Juventus (70), vor Vize-Meister Napoli (74), vor die Roma (66).

"Haltet eure Reisepässe bereit! Wir bereisen Europa", frohlockte Erfolgstrainer Gian Piero Gasperini direkt nach der Erkenntnis, erstmals in der Vereinsgeschichte die Champions League erreicht zu haben. Für ihn selbst wird es im Alter von 61 Jahren ebenfalls der erste richtige CL-Aufenthalt: "Ich hatte als Coach bislang nur ein Champions-League-Spiel, als ich für 15 Tage Trainer von Inter Mailand war (2011; Anm.d.Red.). Das alles ist toll für Atalanta - und es ist ein wichtiger Faktor. Aber am wichtigsten für mich ist, dass ich meine Ideen umsetzen kann."

Sein Schützling Robin Gosens (25), der in Emmerich am Rhein geborene Deutsche, teilte derweil bezüglich der märchenhaften Geschichte der letzten Saison im exklusiven kicker-Interview Ende Mai mit: "Mir fällt als Vergleich zu unserer Geschichte spontan die Meisterschaft von Leicester City 2016 ein. Wir sind zwar nicht Meister geworden, sind aber auch der kleine Außenseiter gewesen, der sich gegen die Großmächte wie Inter Mailand, AC Mailand, AS Rom und so weiter durchgesetzt hat; der die meisten Tore der Liga vor Juventus, vor Cristiano Ronaldo und Paulo Dybala geschossen hat; der als Dritter in die Königsklasse marschiert ist. Ich kann mir vorstellen, dass es von den Emotionen mit Leicester zu vergleichen ist."

Robin Gosens

Teil der Atalanta-Erfolgsmannschaft: Robin Gosens. imago images

Gosens weiter, der es seit 2017 auf 49 Serie-A-Spiele, vier Tore und drei Vorlagen für Bergamo bringt: "Das klingt vielleicht banal, aber wir waren das ganze Jahr eine geschlossene Mannschaft, eine Familie. Der Trainer hat uns die ganze Saison eingetrichtert: 'Jungs, wenn ihr das durchzieht, was ihr im Training abruft, brauchen wir uns vor keinem verstecken.'" Am Ende stand eben der riesige Erfolg, der Gosens stolz macht: "Der Höhepunkt war natürlich die magische Nacht und der Einzug in die Champions League. Die Fans am Heulen, wir alle am Heulen, alle außer Rand und Band."

"... sonst blamieren wir uns"

Gian Piero Gasperini

Erfolgstrainer von Atalanta: Gian Piero Gasperini. imago images

"Ich habe gewisse Vorstellungen von Fußball und bin froh, wenn diese geteilt und umgesetzt werden", sagte wiederum Coach Gasperini und fügte an: "Atalanta ist Dritter. Das ist Fakt. In der Champions League brauchen wir aber auch einen Kader, der dafür gerüstet ist. Sonst blamieren wir uns und den italienischen Fußball."

Gesagt, getan: Stürmer Zapata wurde trotz Spekulationen gehalten, im Mittelfeld wirken neben "Papu" weiterhin Akteure wie Remo Freuler, Marten de Roon, Mario Pasalic oder auch Neuzugang Ruslan Malinovskyi (Genk, früher Schachtar). Ganz vorne helfen außerdem Josip Ilicic und Sommertransfer Luis Muriel (FC Sevilla, zuletzt ausgeliehen an Florenz). Ob das alles am Ende reicht, um erfolgreich und erstmals auf drei Hochzeiten tanzen zu können, muss sich erst noch zeigen.

"La Dea" - Die Göttin

Sicher aber ist, dass diese Geschichte besonders ist. Schließlich ist der Klub aus Bergamo ein ganz besonderer, gehört er doch erst wieder seit 2011 der Serie A an und hat in seiner Vita mit der Coppa Italia 1962/63 erst einen großen Titel stehen.

Serie A - Highlights by DAZN

Hacke, Seitfallzieher, Gosens: Italiens schönste Tore 2018/19

alle Videos in der Übersicht

Wie aber kann sich dieser Verein eigentlich erfolgreich wehren gegen Rossoneri, Nerazzurri oder den gesamten Rest der Serie A? Ganz einfach: In diesem vergleichsweise kleinen 120.000-Einwohner-"Örtchen" Bergamo steht eine der besten Talentschmieden Europas. Eine, die gerne mit Barcelonas La Masia, der Ajax-Akademie oder dem Nachwuchs-Campus des FC Basel verglichen wird. Schützlinge wie Roberto Donadoni, Riccardo Montolivo, Giacomo Bonaventura, Manolo Gabbiadini, Giampaolo Pazzini oder Roberto Gagliardini sind der Schmiede entsprungen. Die Philosophie dahinter: Atalanta, das mit Junioren-Mannschaften 17 nationale Meisterschaften zwischen 1991 und 2014 errungen hat, will ausdrücklich ein Ausbildungsklub sein und damit als Zulieferer für die großen Adressen fungieren. Mit diesem Konzept erhofft man sich auf lange Sicht natürlich selbst Erfolg - mit Erfolg.

Das alles trägt an oberster Trainerstelle eben Gasperini, seit 2016 im Amt und zuvor für Inter, Palermo oder CFC Genua tätig. "Gasp ist genau der richtige Mann am richtigen Platz", hatte Vereinspräsident Antonio Percassi schon vor zwei Jahren gesagt - und den Coach trotz eines schwachen Starts 2017/18 (nur neun Punkte aus acht Spielen) und 2018/19 (nur sechs Punkte aus acht Spielen) jeweils nicht gestürzt.

Wir haben das alles seit langer Zeit geplant.

Atalanta-Vereinspräsident Antonio Percassi

Früchte soll das alles auch 2019/20 tragen: Denn "La Dea" (Die Göttin, in Anlehnung Atalante oder Atalanta, eine jungfräuliche Jägerin, die Tochter der Klymene in der griechischen Mythologie) hat Gefallen daran gefunden, die Serie A aufzumischen - und möchte ganz im Sinne des göttlichen Vorbilds weiter Klubs wie Inter, Milan, Roma, Napoli, Juve jagen und ärgern. Große Worte von Präsident Percassi passen dazu wie die Faust aufs Auge: "Wir haben das alles seit langer Zeit geplant. Das ist unsere Strategie, die wir uns vor acht Jahren (mit der Rückkehr in die Serie A; Anm.d.Red) zurechtgelegt haben - und dieser bleiben wir treu."

Los geht es für Atalanta übrigens am kommenden Sonntag (20.45 Uhr, live wie auf Abruf bei DAZN - hier geht's zur Anmeldung inklusive Gratismonat!), wenn das Gastspiel bei SPAL Ferrara ansteht. Es folgen die Partien gegen Torino, bei CFC Genua, gegen Florenz um Kevin-Prince Boateng und Franck Ribery, ehe das erste größere Gastspiel bei der AS Roma folgt.

mag

Oldies, Trainer, Rückkehrer: 9 Serie-A-Gesichter zum Start