Bayerns Wertschätzung für den Portugiesen

Renato Sanches und die Frage der Integration

Renato Sanches

Nicht zufrieden mit seinem persönlichen Saisonstart: Renato Sanches. imago images

Das Auftaktspiel dieser neuen Bundesliga-Saison 2019/20 war noch keine 15 Minuten her, da kam Renato Sanches schon durch die Mixed Zone: unglücklich, aber nicht sauer. Vielmehr enttäuscht, beinahe aufgelöst, traurig. Die Situation in München macht ihm zu schaffen.

Zum zweiten Mal, so der Portugiese, hätte er - in diesem Sommer - die Möglichkeit gehabt, den Verein zu verlassen. Doch erneut ließen ihn die Entscheider des FC Bayern nicht ziehen. "Weil wir alle von ihm überzeugt sind", wie Karl-Heinz Rummenigge wenig später erklärte, "und er seine Chancen noch kriegen wird." Das habe dem besten Nachwuchsspieler der EM 2016 auch Trainer Niko Kovac versprochen.

Die Realität sagt bislang: Im Pokal, als Sanches beim 3:1 in Cottbus eine ordentliche Partie absolvierte, musste er frühzeitig vom Feld - anstelle des schwächeren Corentin Tolisso. Nun, beim 2:2 gegen Hertha zum Bundesliga-Auftakt, erhielt er fünf Minuten. "Das ist nicht genug", sagt der Europameister. Und eben schwer zu verstehen.

Rummenigge kann den Frust nachvollziehen, klar, er sei als Spieler auch nicht erfreut gewesen, wenn er nicht genug Einsatzzeit bekommen hatte. Ganz normal. Sanches müsse einfach Geduld haben, das Potenzial für mehr ist definitiv vorhanden.

Die Mitspieler loben Sanches' Trainingsleistungen

Die Frage ist nur, wie Coach Kovac den robusten Mittelfeldspieler in sein System und sein Team integrieren will. Auf der Sechs, die für Thiago vorgesehen ist? Auf der Acht, wo ein extremer Konkurrenzkampf mit Sanches, Tolisso, Leon Goretzka, Thomas Müller und womöglich nun noch Philippe Coutinho herrscht? Denkbar wäre auch, den erst 22-Jährigen neben Thiago auf die Doppelsechs zu stellen, wo er für den Spanier die Defensivarbeit verrichtet und mit seiner körperbetonten und antriebsstarken Art und Weise von Box zu Box arbeitet.

Sanches verfügt über Qualitäten, die der FC Bayern sonst kaum in seinem Kader wiederfindet. Vom Ball ist er schwer zu trennen, auf die ersten Meter legt er mit unheimlicher Dynamik los, was er auch im Training immer wieder beweist. In den Übungseinheiten an der Säbener Straße, so berichten seine Kollegen, gehöre er zu den Fleißigen und Besseren. Was die Nicht-Berücksichtigung für Sanches teils unbegreiflich macht.

Bayerns Zeichen der Wertschätzung

Nichtsdestotrotz ist Geduld gefragt, denn: Der Terminkalender des FC Bayern sieht noch 33 Ligaspiele, mindestens sechs - im Regelfall ein paar mehr - Partien in der Königsklasse sowie höchstens fünf weitere Duelle im DFB-Pokal vor. Genug Möglichkeiten für den ehrgeizigen Portugiesen, der sich im Wettkampfmodus noch zu viele Leichtsinnsfehler und Ballverluste erlaubt, um sich ins Team zu kämpfen. Es gilt, Ruhe zu bewahren und bedenken: Dass ihn die Münchner nicht gehen lassen, ist auch ein Zeichen der Wertschätzung.

Georg Holzner

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