Warum Gareth Bale bei Real auf einmal wieder gefragt ist

Applaus für das schwarze Schaf

Auf einmal gefragt: Zinedine Zidane setzt wieder auf Gareth Bale.

Auf einmal gefragt: Zinedine Zidane setzt wieder auf Gareth Bale. imago images

David Costas war verwirrt. Vigos Innenverteidiger holte seinen Widersacher in dieser 12. Minute im Estadio Balaidos zwar gerade noch ein - doch dann ging's schnurstracks in die Achterbahn. Ein scharfer Haken nach innen, ein Übersteiger, ein scharfer Haken nach außen, und schon war er zickzack ausgetanzt. "Geführt" hatte: Gareth Bale.

Am Samstag blitzte in diesem Moment alles wieder auf. Dieser einzigartige Stil, dieses Tempo und diese Beweglichkeit, die Bale so auszeichnet, ihn so unverkennbar macht. Der Sohn eines Hausmeisters und einer Anwaltsgehilfin lief schon im Alter von 11 Jahren die 100 Meter in 11,4 Sekunden, und auch im Alter von 30 Jahren rennt er ohne weiteres allen davon. Auch Costas. Bale nahm schon früh den Kopf nach oben, die Zeit dazu hatte er ja. Dann passte er quer auf Benzema - fertig war das 1:0.

Zidane wollte Bale "am besten morgen" loswerden

Dass Bale seine Tanzschritte noch beherrscht, überrascht weniger. Dass er sie noch für Real Madrid zeigt, umso mehr. In der Sommervorbereitung verzichtete Trainer Zinedine Zidane wiederholt auf die Dienste des 101-Millionen-Euro-Spielers. Spanische Medien berichteten, Bale vertreibe sich die Zeit mit Golfspielen und sei bereit, seinen Vertrag notfalls auszusitzen. Der von dem Thema genervte Zidane sagte noch Mitte Juli unmissverständlich, Bale solle "am besten morgen" den Verein wechseln. So dachte wohl auch Bale. Ein Wechsel zu Jiangsu Suning nach China platzte allerdings in letzter Minute. Real war mit den Ablösemodalitäten nicht einverstanden.

Am Samstag sagte Zidane dann zwei Wörter, mit denen eigentlich keiner mehr gerechnet hatte: "Bale bleibt." Punkt. Und er spielt, das war unter "Zizou" weder bei dessen erster Amtszeit noch bei dessen zweiter regelmäßig der Fall. Seine Nominierung hätte übrigens nichts mit dem Ausfall von Eden Hazard zu tun gehabt, ließ Zidane wissen. "Ich hatte immer die Absicht, ihn heute beginnen zu lassen." Nicht, dass noch einer auf die Idee käme, Bale sei ein Notnagel gewesen.

Reals Umdenken hat gute Gründe

Das Umdenken bei Real und Zidane, es mag überraschen. Unlogisch ist es keineswegs. Bale verdient dem Vernehmen nach 17 Millionen Euro im Jahr. Warum also zusehen, wie er für das Gehalt Golf statt Fußball spielt? Zudem scheint sich offensichtlich kein Abnehmer gefunden zu haben, der bereit war, eine angemessene Ablösesumme zu vernünftigen Konditionen zu bezahlen. Seine Verletzungsanfälligkeit, sein Alter, sein Preis, seine Eitelkeiten - Bale ist nicht unbedingt leicht vermittelbar.

Was Real in die Karten spielt: Bales Vertrag läuft noch lange, bis 2022. Die Gefahr, dass er den Klub ablösefrei verlässt und die Königlichen damit leer ausgehen, besteht erst einmal nicht. Es besteht also gar kein Druck, ihn abzugeben. Auch Klubboss Florentino Perez hat seinen Segen erteilt, Bale zu behalten. Denn qualitativ hochwertige Alternativen sind ohnehin rar gesät. Paul Pogba wäre so eine, wenn auch nicht für Bales Position. Doch Manchester United verlangt dem Vernehmen nach eine astronomische Ablösesumme. Gleiches dürfte für Neymar und PSG gelten. In die Personalie ist zuletzt außerdem kaum Bewegung geraten. PSG möchte den Brasilianer laut spanischen Medienberichten nicht an den FC Barcelona verkaufen. Die Königlichen hoffen nun, dass sich Paris einen Schritt auf sie zubewegt.

Und dann sind da ja auch noch die Verletzten auf der Bale-Position: Eden Hazard fällt noch einige Wochen aus, Marco Asensio sogar noch einige Monate. Es wäre geradezu fahrlässig, Bale in dieser Situation auf der Tribüne schmoren zu lassen und womöglich den Ligastart in den Sand zu setzen - auch für Zidane, dessen Trainer-Comeback im März 2019 eher durchwachsen verlief. Man hatte sich bei den Blancos mehr erwartet als Rang drei und 19 Punkte Rückstand auf Meister Barcelona.

Bale erntet wieder Applaus

Zur Schau gestellte Lustlosigkeit: Gareth Bale im Mai 2019.

Zur Schau gestellte Lustlosigkeit: Gareth Bale im Mai 2019. Getty Images

Real hofft wohl auch zu Recht auf eine Art Trotzreaktion des "schwarzen Schafs" beim weißen Ballett. Schließlich steht Bales Ruf nach seinen Mätzchen (verweigerter Torjubel, verweigertes Aufwärmen, verweigerter Abschied) allmählich auf dem Spiel. Den Fans scheint Bales Wiederauferstehung zu gefallen, er bekam bei seiner Auswechslung in der 76. Minute Applaus. Das war beileibe nicht immer so.

Auch innerhalb der Mannschaft scheint es keine Ressentiments gegen ihn zu geben. "Er ist sehr wichtig für uns", sagte Casemiro am Samstag. "Er hat für uns Titel gewonnen und in Endspielen Tore geschossen. Und wir haben alle eine Menge Respekt vor ihm. Er ist ein großartiger Spieler."

Eine Tatsache, von der sich auch der bemitleidenswerte David Costas am Samstag überzeugen konnte...

Christoph Laskowski