Spaniens Insel-Aufsteiger im Porträt

20 irre Jahre: Wie Mallorca den Durchmarsch schaffte

Als die Korken knallten: Mallorcas Spieler feiern Ende Juni den aufstieg in La Liga.

Als die Korken knallten: Mallorcas Spieler feiern Ende Juni den Aufstieg in La Liga. imago images

Sollte tatsächlich alles umsonst gewesen sein? Es sah jedenfalls gar nicht gut aus für Mallorca nach dem Relegations-Hinspiel bei Deportivo La Coruna am 20. Juni dieses Jahres. Mit 0:2 hatten die Insulaner das Hinspiel bei den Galiciern verloren. Es wäre auch zu schön gewesen, dürfte so mancher Fan gedacht haben. Und sinniert haben über die wahnwitzige Vereinschronik der letzten 20 Jahre.

Da waren zuerst die guten Zeiten. Ende der 1990er Jahre schickte sich der "Reial Club Deportiu Mallorca" schließlich an, bei den ganz Großen mitzumischen. 1999 stand der erst zwei Jahre zuvor aufgestiegene Klub im Finale des Europacups der Pokalsieger, unterlag beim letzten Spiel dieses Wettbewerbs gegen Lazio Rom allerdings mit 1:2. Pavel Nedved beendete alle Insel-Träume in der 81. Minute. Der große Ausverkauf drohte, zumal Mallorca (genauso wie in der Gegenwart) finanziell nicht auf Rosen gebettet war. Doch schon 2003 klappte es mit dem ersten großen Titel, der RCD gewann die Copa del Rey im Finale gegen Recreativo Huelva. Die Torschützen zeigen, wie sehr sich der Klub gemausert hatte: Beim 3:0 traf erst Walter Pandiani, den Rest erledigte Samuel Eto'o.

Der Absturz beginnt mit dem Ausschluss aus der Europa League

Mallorca auf dem Höhepunkt - doch schon bald sollte es bergab gehen. Der Plan, die Touristen für den Fußball auf der Insel zu begeistern, zum Big Player in La Liga zu werden, scheiterte. 2010 wurde der Klub wegen zu hoher Schulden von der Europa League ausgeschlossen, kurz darauf stieg mit Utz Claassen ein deutscher Investor ein. Zwischen 2010 und 2016 engagierte sich der ehemalige Präsident von Hannover 96 als Verwaltungsrat, Geschäftsführer und Präsident. "Ich kenne in Europa außer London keinen Standort, der besser dafür prädestiniert ist, eine Fußballmarke aufzubauen als Mallorca. Die Insel ist logistisch toll angebunden, und es gibt Millionen Touristen, die ins Stadion kommen oder Trikots kaufen könnten - und wieder daheim noch als Multiplikatoren wirken", sagte er kurz vor seinem Einstieg im Interview mit der Wirtschaftswoche. Mittel- bis langfristig wolle man Mallorca "nach Möglichkeit zur dritten Kraft im spanischen Fußball machen".

Es kam anders. Ganz anders.

2012/13 stieg Mallorca nach 16 Jahren in La Liga ab. 2016/17, zur 100-Jahr-Feier, wurde das Ziel Wiederaufstieg ausgegeben. Das Gegenteil war der Fall: Abstieg, 3. Liga, Mallorca war im Tal angekommen. Der Gegner hieß jetzt nicht wie erhofft FC Barcelona, sondern vielmehr Atletico Baleares, der "kleine" Konkurrent von der Insel mit etwa 1500 Heimzuschauern pro Spiel. Statt gegen die Profiteams von Villarreal und Valencia zu kicken, traf man in der "Seguna División B" auf deren zweite Mannschaften.

Zurück an die Spitze: Sarver steigt ein, Moreno wird Trainer

Die Wende zum Guten, sie kam letztlich mit Robert Sarver. Der US-Geschäftsmann und Besitzer des Basketballklubs Phoenix Suns kaufte 2016 für 20 Millionen Euro die Aktienmehrheit, beteiligte unter anderem den früheren US-Tennisprofi Andy Kohlberg, heute Präsident des Vereins, sowie vor allem Ex-NBA-Star und MVP Steve Nash, der aktuell im Aufsichtsrat sitzt. Auch der ehemalige Chelsea-Verteidiger Graeme Le Saux mischte bei dem Projekt mit.

Zudem inthronisierte Sarver den bis dahin wenig bekannten früheren Schweizer Fußballer Maheta Molango (fünf Zweitligaspiele für Burghausen) als Geschäftsführer. "Wir setzen nicht auf Inidividuen, sondern auf die Gruppe. Dieser Mentalität werden wir treu bleiben", gab der Schweizer als Devise aus. Keine leeren Worthülsen. Spieler bekamen trotz des Abstiegs in Liga drei langfristige Verträge, um sich ihrer Zukunft sicher sein zu können. Molango & Co. gelang es zudem, viele hoffnungsvolle Talente von der Insel an den Klub zu binden.

Mallorcas Macher: Trainer Vicente Moreno.

Mallorcas Macher: Trainer Vicente Moreno. imago images

Von enormer Bedeutung war aber auch die Verpflichtung von Vicente Moreno. Der Coach hätte einige Jahre zuvor beinahe Gimnastic de Tarragona von der 3. Liga in die höchste Spielklasse geführt, nun sollte er es in Mallorca richten. Von "Nastic" nahm er dementsprechend erprobte Spieler wie Abwehrchef Xisco Campos, Lago Junior oder Torhüter Manolo Reina mit auf die Insel. Mit Mittelfeldspieler Salva Sevilla leistete sich der Klub aus Palma noch einen erfahrenen Profi, Angreifer Ante Budimir dürfte vor allem Fans von St. Pauli (19 Zweitligaspiele 2014/15 ein Begriff sein.

Nadal wird Zeuge einer rasanten Aufholjagd

Wie goldrichtig man mit seinen Verpflichtungen in Mallorca lag, sollte das Rückspiel gegen Deportivo La Coruna zeigen. Unter den Augen des gebürtigen Mallorquiners und Ex-Real-Aktionärs Rafael Nadal, der für das Spiel extra seine Wimbledon-Vorbereitung unterbrach, erlebte das Son Moix ein kleines Wunder...

21. Minute: Budimir trifft aus 16 Metern zum 1:0. 63. Minute: Salva Sevilla zirkelt einen Freistoß aus 25 Metern unhaltbar über die Mauer ins Tor. 78. Minute: Quique Gonzalez hat die Riesenchance für Depor, zieht aus elf Metern ab. Glanzparade Reina. 82. Minute: Abdon läuft in einer 2:5-Situation auf das Tor zu, hält aus der Distanz einfach mal drauf - und trifft fulminant! Zehn Sekunden vor Schluss köpft Depors Pablo Mari haarscharf vorbei, der Treffer hätte wegen der fehlenden Auswärtstorregel immerhin die Verlängerung gebracht. Einen Augenblick später dreht das Estadi Son Moix endgültig durch. Die Fans stürmen den Platz, Steve Nash köpft eine Sektflasche, Nadal und sein Coach schießen auf der Tribüne Fotos, auch Ex-Spieler Aritz Aduriz feiert vor Ort mit. Real Madrids Marco Asensio, in Palma de Mallorca geboren, twittert: "Mallorca in La Liga. Unglaublich."

Unglaublich, aber wahr. Mallorca hat seiner verrückten Vereinschronik ein weiteres kurioses Kapitel hinzugefügt. Doch kann sich Mallorca in La Liga halten? Mit einer von der Liga festgelegten Gehaltsobergrenze von insgesamt 4,5 Millionen Euro hatte der Klub einen der kleinsten Etats der 2. Liga, Play-off-Gegner Deportivo konnte fünfmal mehr ausgeben. In der 1. Liga werden zwar die Einnahmen dramatisch steigen, allein die TV-Rechte bringen rund 50 Millionen Euro ein. Aber noch immer drücken Schulden beim Finanzamt in Höhe von rund 15 Millionen, jeder Transfergewinn aus Spielerverkäufen wird automatisch zur Hälfte an den Fiskus abgegeben.

Doch das alles scheint den Fans erst einmal schnuppe zu sein. In den ersten zwei Tagen des Vorverkaufs wurden schon mehr als 3500 Saisontickets abgesetzt, es geht auch mit einheimischen Fans statt mit denen von Ballermann und Schinkenstraße. "Unsere Spieler und Fans verdienen den Aufstieg", sagte Cheftrainer Moreno. Am kommenden Samstag empfängt sein Team SD Eibar zum Auftakt im Son Moix, der erste richtige Kracher folgt am 25. September gegen Atletico Madrid. Die Duelle mit Drittligist Atletico Baleares, sie sind für RCD Mallorca wieder ganz weit weg.

Christoph Laskowski

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