"Monsters of the Midway": Ein fester Bestandteil der NFL-Geschichte

Die Chicago Bears - 100 Jahre Football und 33 Jahre Warterei

Chicago Bears

100 Jahre Football: Die Chicago Bears feiern Jubiläum. imago images

Ausgehungerte Bears-Seelen

Jüngere Semester werden die Chicago Bears - abgesehen von der jüngsten NFL-Spielzeit - nicht auf eine Stufe mit großen Teams à la New England Patriots, Pittsburgh Steelers, Green Bay Packers setzen. Dafür sind ihre erdachten Blaupausen der letzten Jahrzehnte regelmäßig von den Kontrahenten zerrissen worden und am Ende in Flammen aufgegangen.

Die äußerst überschaubare Bilanz in "Windy City" (über 2,5 Millionen Einwohner): Neben den Play-off-Teilnahmen 2001, 2005 (jeweils direkt verloren), 2006 (Super-Bowl-Niederlage gegen die Indianapolis Colts) und 2010 (Aus in den Conference Championships gegen The Pack) hat es nichts Großes zu verzeichnen gegeben. Die traurige Folge für die älteren Semester: Großartige Jahrzehnte wie die 30er, 40er oder 80er mit dem bis dato einzigen errungenen Super-Bowl-Titel (46:10 gegen die Patriots am 26. Januar 1986) sind immer mehr verblasst und dienen seit jeher bei Stammtischen, Fantreffs und zeremoniellen Veranstaltungen als geschichtliche Notnahrung für leere, ausgehungerte Bears-Seelen.

Die unglückliche Cutler-Ära

Zu lange nicht mehr messerscharfen Bears-Zähne hat sicherlich auch das Kapitel Jay Cutler beigetragen. Während der inzwischen 36-jährige Spielmacher nach seinem ordentlichen Kurz-Comeback bei den Miami Dolphins 2017 inzwischen endgültig seine Cleats an den Nagel gehängt hat und zusammen mit seiner Frau Kristin Cavallari (Model, Schauspielerin) beim Reality-TV-Format "Very Cavallari" genauso wie auf seiner frechen Instagram-Seite (@ifjayhadinstagram) seine humorvolle Art unterfüttert, gehört seine Zeit in Chicago zu den unter den Tisch gekehrten Aktenordnern.

Jay Cutler

Kann während seiner Bears-Zeit die in ihn gesteckten Erwartungen nicht erfüllen: Quarterback Jay Cutler. imago images

Unter der "Führung" von Cutler (2009-2016) verblassen große Tage wie die acht NFL Championships (1921, 1932, 1933, 1940, 1941, 1943, 1946, 1963) und der Super Bowl (1985/86) nur noch weiter. Hohn und Spott stehen stattdessen oftmals an der Tagesordnung, so landet das Team zum Beispiel vor 2018 viermal in Folge auf dem letzten Platz der NFC North - was eben am ehemaligen Hoffnungsträger Cutler liegt (153 Spiele, 35.133 Yards, 227 Touchdowns, 160 Interceptions, 60 Fumbles). Katastrophale Auftritte gegen Erzrivale Green Bay untermalen das Ganze nur noch weiter (14 Duelle, 16 Touchdowns, 22 Interceptions, nur zwei Siege bei zwölf Niederlagen), wenngleich sicher nicht alles an diesem Spielmacher festgemacht werden kann, auch viele andere Schuld haben - und ein selten strahlender, immer etwas zu ruhig und "müde" wirkender Cutler selbst überhaupt auch gute Spiele zeigt. Es sind am Ende nur einfach deutlich zu wenige.

Sie können sich gern über mich lustig machen.

Jay Cutler, ehemaliger Bears-Quarterback

Am Ende verlässt Cutler (Spitzname "The Face") das Team ohne große Erfolge, in Erinnerung bleiben am ehesten noch etliche Memes - wie eines, wo der Quarterback seinen von einem Referee vom Kopf gestoßenen Helm hinter seinem Rücken blind fängt. Oder eines, wo er am Seitenrand an einem großen schwarzen Telefon steht, dabei eher gelangweilt lauscht. Oder eines, wo er eine via Photoshop eingefügte Zigarette auf dem Feld qualmt. Und Zitate von ihm wie eines zu einer Southpark-Folge, in der er auftaucht, nicht gut wegkommt und trotzdem trocken sagt: "Sie können sich gern über mich lustig machen." Sportlich weitergeholfen hat all das den Chicago Bears nicht.

"Gott sei Dank ist John Fox' Hintern aus der Stadt"

Deutliche Aussagen hat es wegen all dem Misserfolg auch immer wieder gegeben, wie zum Beispiel von Jared Allen (37, Ex-Spieler, zwischen 2014 und 2015 bei den Bears). "Das letzte Jahr war für die Katz'", so der Defensive End im Jahr 2015 über die Horror-Bilanz von 5:11 aus der Regular Season 2014. "Das hat keinen Spaß gemacht. Das war hundsmiserabel."

Die "Bad News Bears" hat auch der ehemalige Head Coach John Fox (2015-2017), der damals eigentlich als Heilsbringer engagiert worden ist (8:8, 13:3, 13:3, 12:4 als Trainer der Denver Broncos; 6:10, 3:13, 5:11 in Chicago), adressiert. Seine Meinung, kundgegeben im Juni dieses Jahres: Das Team solle 2019 die schlechteste Offseason aller Teams gehabt haben und schnell das Kicking-Problem lösen. Hintergrund: Eine vor allem defensiv starke Mannschaft hat vergangene Saison die NFC North gewonnen (12:4) und ist bei den Wild-Card-Games nach einem verschossenen Field Goal mit 15:16 gegen die Philadelphia Eagles ausgeschieden (Stichwort: Cody Parkey).

Andere sind dagegen froh, dass Fox längst nicht mehr im Amt ist, für Matt Nagy Platz gemacht hat - und die Bears eben seit 2017/18 merklich Fortschritte machen. Gary Fencik, früherer Safety und mit Chicago Super-Bowl-Champion 1986 geworden, dazu: "Gott sei Dank ist John Fox' Hintern aus der Stadt. John Fox hat die Fans nicht respektiert." Dagegen schätzt Fencik den aktuellen Trainer Nagy sehr: "Er nimmt das Umfeld genau wahr, respektiert die Fans, deren Meinung und weiß, dass das keine Idioten sind." Allein das zeigt, dass sich in der "Windy City" einiges bewegt seit vielen Monaten - und all das eben Hoffnung weckt vor Beginn der 100. Football-Saison dieses Franchises in der Nacht des 5. auf den 6. September (2.20 Uhr) gegen Erzrivale Green Bay.

Der Grundstein der Bears: GSH

GSH - George Stanley Halas

Verankert in der DNA der Chicago Bears: GSH - George Stanley Halas. imago images

Die Fans freut das alles ungemein. Sie haben lange genug gewartet, bis das am 7. September 1920 von der "A. E. Staley Manufacturing Company" ursprünglich als Decatur Staleys gegründete Team wieder an frühere Tage anknüpfen kann. Endlich scheinen die Bears wieder die Bears werden zu können - und ihrer Legende George Stanley Halas (1895-1983) damit gerecht. "Papa Bear" oder "Mr. Everything" ist nämlich die anfangs am meisten prägende Figur, weswegen die Trikots noch heute seine Initialen GSH auf dem Trikotärmel tragen.

Während des Ersten Weltkrieges dient Halas ("Tu nichts im Training, was du nicht auch im Spiel tun würdest") bei der US Navy und spielt mit einer Football-Mannschaft der Navy 1919 im Rose Bowl gegen ein anderes Team der Marine. Das Team von Halas gewinnt, er wird zum Most Valuable Player (MVP) gewählt und sein Stern geht auf. Von 1920 bis 1928 spielt Halas dann als Defensive End bei den Bears. Zeitgleich trainiert er diese Mannschaft. Er gewinnt am Ende als Trainer in seiner 40 Jahre andauernden Laufbahn acht NFL-Meistertitel (1921, 1932, 1933, 1940, 1941, 1943, 1946, 1963) - unter anderem mit Quarterback Sid Luckman. Heute ist Revolutionär Halas (bittet zum Beispiel erstmals ein Team täglich zum Training, analysiert Gegner detailliert, setzt Co-Trainer auf den Rängen ein, veröffentlicht eine Club-Tageszeitung, lässt Spiele live via Radio übertragen) ein Eckpunkt der NFL-Geschichte, ist seit 1963 Mitglied der Pro Football Hall of Fame - und außerdem ist der Pokal des NFC Championships ihm zu Ehren benannt. GSH - 63 Jahre Besitzer der Chicago Bears, ehemaliger Spieler, 40 Jahre Trainer, 324 Siege, acht Titel.

Chicago-Übermacht in der Pro Football Hall of Fame

Natürlich gehört der Name Halas ("Wenn du lang genug lebst, passiert viel Gutes") auch zur bekannten Pro Football Hall of Fame, jener Ruhmeshalle, die besondere Verdienste rund um den Football für immer bewahrt. Halas selbst ist dabei gleich dreimal verewigt - als NFL-Gründer zusammen mit Bert Bell (NFL Commissioner) und Joseph Carr (NFL Präsident) der ersten Klasse im Jahre 1963, als Franchise-Besitzer und als Trainer.

Matt Nagy

Will den Durchblick behalten und die Chicago Bears erneut in die Postseason führen: Head Coach Matt Nagy. imago images

Die Decatur Staleys/Chicago Staleys/Chicago Bears stellen darüber hinaus die meisten Mitglieder in der Pro Football Hall of Fame aller heutigen 32 Teams. 33 sind es an der Zahl, dahinter folgen zum Beispiel die New York Giants (31), die Cleveland Rams/Los Angeles Rams/St. Louis Rams/Los Angeles Rams (30), die Boston Braves/Boston Redskins/Washington Redskins (30) und die Green Bay Packers (29).

Ganz klar: Chicago hat über viele Jahrzehnte den Football geprägt und besitzt auch heute noch trotz zuletzt schwieriger Phasen große Strahlkraft. Was übrigens nicht nur mit Halas zu tun hat.

Die "Monsters of the Midway"

Cris Collinsworth (60) weiß, wovon er spricht, wenn er über "Windy City" sagt: "Hier zu spielen, ist immer hart. Ich habe es selbst erlebt." Der ehemalige Wide Receiver der Cincinnati Bengals (1981-1988, über 400 Receptions, über 6000 Yards, 36 Touchdowns) und heutige NBC-TV-Kommentator von Sunday Night Football an der Seite von Al Michaels (74) hat schließlich hautnah gespürt, wie die berühmten Bears 1985/86 ihre bis dato größte Saison der modernen NFL erleben.

Mike Ditka

Eine weitere Legende der Chicago Bears: Mike Ditka (79). imago images

Das damalige Team von Kult-Trainer "Iron Mike" Ditka (früherer Spieler, Super-Bowl-VI-Gewinner 1972 als Spieler mit den Dallas Cowboys) pflügt mit einer Bilanz von 15:1 in die Play-offs, gewinnt die Divisional Round gegen die New York Giants (21:0) und auch das NFC Championship Game gegen die Los Angeles Rams (24:0) extrem klar jeweils via Shutout! Im Super Bowl XX, der 20. Auflage des NFL-Endspiels am 26. Januar 1986, heißt es schlussendlich im Louisiana Superdome zu New Orleans wie bereits beschrieben 46:10 gegen die Patriots.

Damit lässt eine beeindruckende Mannschaft (am wenigsten Punkte und Yards zugelassen) um heutige Legenden wie Defensive End Richard Dent (17 Sacks), Linebacker Mike Singletary (Defensive Player of the Year) oder Running Back Walter Payton (1551 Rush Yards, neun Touchdowns) eben vor allem wegen der beeindruckenden defensiven Leistung den Spitznamen "Monsters of the Midway" neu aufleben.

"Sie waren die größten Schränke"

Geboren wird der Begriff einst in den 1930er und 1940er Jahren, als die Bears die Football-Macht schlechthin sind. 1932 zum Beispiel gewinnt das Team unter Head Coach Ralph Jones das erste jemals stattfindende Play-off-Spiel in der Geschichte der NFL mit 9:0 gegen die Portsmouth Spartans und sichert sich nach 1921 den zweiten Titel der noch jungen Geschichte. Ein Jahr später kehrt Halas damals als Trainer zurück und führt die Bears zur Titelverteidigung im NFL Championship Game 1933 gegen die New York Giants (23:21). Weitere Titel folgen 1940, 1941, 1943 und 1946.

Khalil Mack

Rudelführer der modernen "Monsters of the Midway": Sack-Maschine und "Eierdieb" Khalil Mack. imago images

Schauspieler Kyle Chandler (53, Fackeln im Sturm, King Kong, The Wolf of Wall Street), selbst eingefleischter Anhänger, sagt dazu einmal über die Biester der 80er Jahre: "Ich bin in Chicago aufgewachsen, also war ich schon immer Fan der Bears. Mein Dad hat mich immer zu den Spielen der Bears und der Cups (Baseball-Team; Anm.d.Red.) mitgenommen. Mein Bruder fuhr mit mir außerdem immer in seinem Honda Supersport zum Lake Forest College - und wir haben uns das Bears-Training angeschaut. Ich erinnere mich immer noch bestens an diese Jungs, die wirklich Monster waren. Sie waren die größten Schränke, die ich in meinem ganzen Leben jemals gesehen hab."

"Wow, kann ich da nur sagen"

Nun, nach der ersten Play-off-Teilnahme seit 2010, träumt Chicago vom ganz großen Coup. Unter Head Coach Nagy und mit Quarterback Mitch Trubisky (5416 Yards, 31 Touchdowns, zehn Interceptions in seinen ersten beiden Jahren) sowie Linebacker Khalil Mack (78 Spiele, 350 Total Tackles, 53 Sacks, 15 Forced Fumbles, zwei Interceptions, zwei TDs) soll die Vince Lombardi Trophy "nach Hause" geholt werden. Die starke NFC-North-Konkurrenz aus Green Bay, Minneapolis und Detroit muss dabei außer Gefecht gesetzt werden.

Mitchell

Quarterback der Chicago Bears: Mitchell "Mitch" Trubisky. imago images

Dass das gelingen kann, daran besteht für Outside Linebacker Lamarr Houston (32) kein Zweifel: "Ich will, dass jeder weiß, dass die 'Monsters of the Midway' zurück sind!" Trainer Nagy merkt bereits in der vergangenen Spielzeit bezüglich seiner Athleten wie Cornerback Kyle Fuller (sieben Interceptions 2018), Safety Eddie Jackson (sechs Interceptions), Linebacker Roquan Smith (120 Total Tackles) oder auch Defensive End Akiem Hicks (7,5 Sacks, drei Forced Fumbles) an: "Unser Spiel in der Defense... Wow, kann ich da nur sagen."

Wir können von unserer Seite des Balles die pure Dominanz zeigen - und das ist im Gedankengut der Gegner inzwischen verankert.

Khalil Mack

Und Aushängeschild Mack tönt selbstbewusst: "Das liebe ich an dieser Defense. Das sind oft keine Fehler der gegnerischen Offense, sondern unsere Plays. Wir können von unserer Seite des Balles die pure Dominanz zeigen - und das ist im Gedankengut der Gegner inzwischen verankert." Die National Football League dürfte also gewarnt sein: Die Chicago Bears wollen ihr 100-jähriges Bestehen nicht nur abseits des Feldes feiern - sondern "Windy City" 33 Jahre nach dem letzten Super-Bowl-Coup zurück auf die Spitze des NFL-Olymps heben.

mag

100, Bears, Stars en masse: Top-Fakten zur neuen NFL-Saison