Premier-League-Vorschau, Teil 4

Und wenn Pep in die Kirche geht - ManCity im Check

Pep Guardiola

Wird oder will er die Champions League um jeden Preis gewinnen? Pep Guardiola. Getty Images

Der eine sagt: "Die Leute meinen, wir gewinnen den Titel wieder, aber das interessiert mich nicht. Ich weiß auch nicht, ob es wieder nur zwei Anwärter gibt. Für mich sind es fünf oder sechs."

Der andere sagt: "Ich bin mir sicher, Pep würde mir da zustimmen. Jeder, der denkt, es gebe wieder nur uns und City, ist ein Idiot."

Thomas Doll sagt: "Das ist doch alles Blablabla, ist das doch."

Okay, das war etwas übertrieben. Aber, bitteschön, ist das nicht doch alles Blablabla? Also: ManUnited kann zwar sehr viel Geld (wirklich richtig viel) in zwei Verteidiger investieren, Arsenal dasselbe mit der Offensive machen (und die Abwehrschwächen einfach ignorieren), und selbst Tottenham hat das Portemonnaie irgendwo unter der alten White Hart Lane wiedergefunden. Aber das reicht nicht für Liverpool und Manchester City, so sehr Pep Guardiola (übrigens "der eine") und Jürgen Klopp (richtig, "der andere") die haushohen Favoritenrollen logischerweise auf weitere Schultern verteilen wollen.

ManCity 2017-2019: 201 Tore und 198 Punkte

Zum Beispiel Manchester City: Soll man Guardiola glauben, dass eine Mannschaft, die seit sieben Monaten keinen einzigen Punkt in der Premier League abgegeben und außer Vincent Kompany bisher keinen Spieler verloren hat, jetzt von Manchester United, das in den vergangenen zwei Spielzeiten 51 Punkte weniger geholt hat, herausgefordert wird? Oder von Arsenal, das in der Vorsaison mehr Gegentore kassierte als City in über zwei Jahren?

Es ist ja klar, dass Guardiola das sagen muss, aber wirklich glauben kann man es ihm nicht. Dafür war ManCity seit August 2017 einfach viel zu gut, ja eigentlich schon zu perfekt. Es wurde oft gesagt, aber trotzdem noch einmal: 100 Punkte und 98 Punkte - insgesamt 198 von möglichen 228. In zwei ganzen Saisons hat Guardiolas Mannschaft nur 30 Zähler nicht geholt, dabei 201 Tore geschossen, 50 kassiert und dafür gesorgt, dass Klopp und Liverpool mit 97 Punkten und nur einer einzigen Niederlage der erfolgreichste Vizemeister aller Zeiten wurden.

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Ein derart dominantes Team hat die Premier League noch nie gesehen, und es spricht wenig für einen Verfall. Nach dem 6:0 im FA-Cup-Finale gegen Watford, durch das City das nationale Triple im Mai perfekt gemacht hatte, schrieb der "Guardian" von einer "himmelblauen Welt", in der wir leben. Das demütigende Endspiel sei der Beweis gewesen, "dass der Fußball kaputt ist".

Ist Guardiola bereit, irgendwas für die Champions League zu opfern?

Und wie repariert man ihn? Vielleicht mit der Wunschvorstellung, dass sich Guardiolas Perfektionismus in diesem Jahr nicht nur auf die Meisterschaft, sondern mehr auf die Champions League bezieht, auch wenn er selbst sagt, dass "er lieber wieder drei nationale Titel" gewinnen würde, als alles für den Henkelpott zu opfern.

In der Premier League hatte nach Weihnachten jedes Spiel so gewirkt, als konnten es die Skyblues immer dann entscheiden, wenn ihnen danach war. In der Königsklasse musste Guardiola sich hingegen wieder anhören, dass der Wettbewerb, der angeblich mal seiner war (Barcelona, nicht Bayern), längst zum Feind geworden ist. Die Frage ist nur, ob ihn das auch so sehr interessiert.

"... denn das ist ein Drama, ein Drama"

Was macht der "Konkurrenz" außerhalb von Liverpool also Hoffnung? Vielleicht die Tatsache, dass der große Anführer (Kompany) nicht mehr da ist? Dass der kleine (David Silva) nach dieser Saison geht? Oder dass City vielleicht einfach nicht mehr so hungrig ist? Das war leider auch schon im Sommer 2018 spekuliert worden und immerhin: 100 Punkte wurden es nicht noch mal!

Eine Schwachstelle gebe es nicht, hatte ein Reporter Guardiola nach dem Titelgewinn am letzten Spieltag in Brighton gratuliert. "Oh doch", hatte der Katalane entgegnet: "Ich bin der größte Mann hier, bei Standards heißt es also, in die Kirche zu gehen und zu beten, denn das ist ein Drama, ein Drama." Zwar bringt 70-Millionen-Mittelfeldmann Rodrigo (von Atletico Madrid) neben seiner spielerischen Klasse auch ein bisschen Körperlänge (1,91 Meter) mit.

Rodrigo

Neuer Mann im Mittelfeld: ManCitys Rodrigo. Getty Images

Für die Passmaschine ManCity soll es trotzdem auch in der neuen Saison darum gehen, Standardsituationen um jeden Preis zu vermeiden. 86 Ecken musste der Meister in 2018/19 über sich ergehen lassen (die mit Abstand wenigsten der Liga) und hatte durch eine solche für 83 Sekunden die Meisterschaft aus der Hand gegeben, als Glenn Murray Brighton am kurzen Pfosten per Kopf in Führung brachte. Na ja, der Rest ist bekannt.

Nur ein Team ließ letzte Saison keinen einzigen Torschuss zu

Bei all der Begeisterung für Guardiolas (unveränderte) Offensive (169 Tore in 61 Pflichtspielen, elfmal fünf Tore oder mehr erzielt) bleibt manchmal außer Acht, dass es auch die für 300 Millionen Euro runderneuerte Defensive war, die Liverpool am Ende verzweifeln ließ. Nur drei Gegentore musste ManCity in den letzten 13 Ligapartien hinnehmen. Beim 1:0 in Bournemouth gelang dem Meister das sonst unerreichte Kunststück, nicht einen einzigen Torschuss zuzulassen. "They have to kill us to beat us", ermutigt Guardiola. Wer sie schlagen will, muss sie schon umbringen.

Seine ohnehin schon hochdekorierte Defensive bekommt mit dem Tauschgeschäft zwischen Danilo (28, geht zu Juventus) und Joao Cancelo (25, kommt zu ManCity) noch einen weiteren Eckpfeiler. Kyle Walker (29), so spektakulär seine Rettungstat beim Community-Shield-Sieg gegen Liverpool auch war, ist nicht mehr die 1A-Option auf der rechten Abwehrseite; auf der linken macht das Knie von Benjamin Mendy (25) weiter Sorgen. Hier hat ManCity vorsichtshalber Angelino (22) aus Eindhoven zurückgeholt und in Oleksander Zinchenko (22) noch eine Option.

Ansonsten ist Guardiolas Elf fast die gleiche wie in den Vorjahren, nur dass Rodrigo (23) den defensiven Part im Dreier-Mittelfeld übernimmt und Routinier Fernandinho (34), Bindeglied zwischen Defensive und Offenive, peu à peu in die Abwehrkette rutschen soll. Dass Leroy Sané (23) monatelang ausfällt und womöglich ohnehin bald nicht mehr im Kader steht, kann Guardiola vielleicht sogar verschmerzen. Für den deutschen Nationalspieler stünden Bernardo Silva (24) oder Riyad Mahrez (28) bereit. Oder ist Sanés Ausfall doch ein Hoffnungsschimmer für die Konkurrenz?

Natürlich wird auch in 2019/20 kaum ein Weg an Meister ManCity vorbeiführen, da kann einzig Champions-League-Sieger Liverpool mitreden. Alles andere ist... was Doll sagt.

Manchester City 2019/20: Wer kam, wer ging

Platzierung in der letzten Saison: Meister

Neuzugänge: Rodrigo (23, Mittelfeld, Atletico Madrid), Joao Cancelo (25, Abwehr, Juventus), Angelino (22, Abwehr, PSV Eindhoven), Zack Steffen (24, Torwart, Columbus Crew, weiterverliehen an Fortuna Düsseldorf), Pedro Porro (19, Abwehr, Girona, weiterverliehen an Real Valladolid), Scott Carson (33, Torwart, Derby County, Leihe)

Abgänge: Danilo (28, Abwehr, Juventus), Douglas Luiz (21, Mittelfeld, Aston Villa), Fabian Delph (29, Mittelfeld, FC Everton), Manu Garcia (21, Mittelfeld, Sporting Gijon), Pablo Mari (25, Abwehr, Flamengo), Vincent Kompany (33, Abwehr, Anderlecht)

mkr

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