Informationen zur neuen Situation am Mittwoch

Machtkampf in der Oberliga: Tennis Borussia kommt nicht zur Ruhe

Jens Redlich

Im Kreis der Mannschaft: Jens Redlich (3.v.l.). imago images

Am vergangenen Sonntag weht ein Hauch von Bundesliga durch den Werner-Seelenbinder-Sportpark in Berlin-Neukölln. Am 1. Spieltag der NOFV-Oberliga Nord zwischen dem SV Tasmania und Tennis Borussia stehen sich zwei frühere Erstligisten in der 5. Liga gegenüber. 1370 Zuschauer wollen dabei sein. An den Kassen bilden sich lange Schlangen, die Partie beginnt etliche Minuten später.

Für den Andrang sind auch die vielen Anhänger von TeBe verantwortlich. Gut 600 von ihnen, mittendrin Juso-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert (SPD), verbreiten von Beginn an gute Stimmung. Durch den 4:2-Auswärtssieg ihrer Elf lässt die nie nach. Die Borussen-Anhänger singen und feiern, als ob sie etwas nachzuholen hätten. Im Prinzip ist das auch so.

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Ein Großteil der TeBe-Fans ist das erste Mal in diesem Jahr bei einem Spiel ihres Teams dabei. Seit Februar hatten sie die Auftritte ihrer Elf auswärts und im heimischen Mommsenstadion boykottiert und auf der bundesweit beachteten "Caravan of Love"-Tour lieber andere Vereine unterstützt. Damit protestierten sie gegen die Vereinspolitik von Jens Redlich, der den 117 Jahre alten Traditionsklub seit 2016 als Hauptsponsor und seit 2017 als Vorstandsvorsitzender anführt(e) - und dem sie einen autoritären Führungsstil bei dem mitgliedergeführten Klub sowie wiederholte Verstöße gegen die Satzung vorwerfen.

Redlich geht gegen seinen Sturz juristisch vor

Nachdem sich der Konflikt zwischen "Alleinherrscher" Redlich und der immer noch relativ starken aktiven TeBe-Fanszene über Monate zuspitzte, eskalierte die Lage vor einer Woche, als Redlich während seines USA-Urlaubs von der Opposition in einem Handstreich abgesetzt wurde. Damit will sich der (ehemalige?) Klubboss aber nicht abfinden. Der Chef einer Fitnessstudio-Kette, der laut eigenen Angaben 2,8 Millionen Euro in den Verein gesteckt hat, geht gegen seinen Sturz juristisch vor.

"Ich habe das von meiner Rechtsanwaltskanzlei prüfen lassen. Ich sehe hohe Erfolgsaussichten", sagte Redlich am Montag. Mit dem Druckmittel einer einstweiligen Verfügung rechnet er mit einer Entscheidung in der Angelegenheit in den nächsten 14 Tagen. Redlich setzt sich auch für den Verbleib von Geschäftsführer Andreas Voigt ein. Der saß (oder sitzt?) eigentlich mit Redlich im Vorstand - und wurde in der vergangenen Woche zu einem der Protagonisten bei dem Staatsstreich, bei dem sich auf der TeBe-Geschäftsstelle skurrile Szenen abgespielt haben müssen.

Verwirrung um Friede und Brombosch

Steffen Friede und Günter Brombosch

Steffen Friede und Günter Brombosch imago images

Unter Federführung der beiden Aufsichtsratsmitglieder Franziska Hoffmann und Christian Gaebler, Chef der Berliner Senatskanzlei, wurden das langjährige Vereinsmitglied Günter Brombosch und der frühere Geschäftsstellen-Mitarbeiter Steffen Friede am 24. Juli ins Vereinsregister eingetragen. Seit dem 29. Juli sind sie dort offiziell neben dem Sport-Vorstand Jörg Zimmermann als Klubführung registriert. Das Ganze wurde von TeBe vor einer Woche per offizieller Pressemitteilung bekanntgegeben - in Abwesenheit und wohl in Unkenntnis von Redlich. Kurz darauf erschien dann auf der TeBe-Homepage eine anderslautende Meldung. Es herrschte (und herrscht) Verwirrung.

Voigt erhält Anzeige und Kündigung

Am Abend des 30. Juli ließ die neue Führung schließlich in der Geschäftsstelle die Schlösser austauschen, sperrte Konten. Voigt soll zuvor in Begleitung einiger Bodyguards Unterlagen aus dem Stadion geschafft haben. Die Polizei wurde gerufen, der etatmäßige Geschäftsführer erhielt eine Anzeige - und von den neuen TeBe-Chefs die fristlose Kündigung. Redlich hingegen möchte, dass Voigt bleibt. Zimmermann, der nach wie vor Vorstandsmitglied ist, könnte mit Brombosch und Friede zusammenarbeiten. Danach sieht es aber nicht aus.

Das letzte Wort ist in der ganzen Sache noch nicht gesprochen. Am Sonntag beim Spiel bei Tasmania saßen die alten TeBe-Vorstände Redlich, Voigt und Zimmermann in der Nähe der TeBe-Bank. Redlich feierte nach dem Auswärtssieg mi den Spielern am Mittelkreis, während die TeBe-Fans auf der anderen Seite seinen endgültigen Abgang forderten. Der neue Vorstand saß beim ersten Punktspiel in der Nähe der aktiven Fans - und damit weit weg von Redlich und seinen Mitstreitern. Am Mittwoch ab 18.30 Uhr will die neue Führung im Casino des Mommsenstadions die Mitglieder über die neue Situation informieren. Brombosch und Friede, die sich in einem Hintergrundgespräch den Journalisten stellten, gehen davon aus, dass sie gegenwärtig die Verantwortlichen für den Verein sind - weil Redlich bereits vor Monaten seine Abdankung eingereicht habe.

Redlichs (ungültiger) Rücktritt vom Rücktritt

Sie beziehen sich auf eine E-Mail vom 19. November 2018, in der Redlich seinen Rücktritt zum Saisonende 2018/19 verkündet hat - was Redlich auch bestätigt. Zwei Tage später ist dann der Rücktritt vom Rücktritt erfolgt, ebenfalls per E-Mail. Dazu sagt Redlich: "Einen Rücktritt vom Rücktritt gibt es an sich nicht. Aber Spieler und der Aufsichtsrat haben mich damals gebeten, weiterzumachen. Man hat mich zumindest weiter geduldet. Damit war ich faktisch weiter Vorstandsmitglied und habe meine Arbeit als Vorsitzender weitergeführt."

Seine Gegner sehen das anders. Sie halten den Rücktritt vom Rücktritt für genauso ungültig wie die Ergebnisse der außerordentlichen Mitgliederversammlung zu Jahresbeginn, die das Fass zum Überlaufen gebracht hatten. Ende Januar kam es auf der Versammlung zu Tumulten, weil Redlich aus Sicht der Opposition mit von ihm massiv angeworbenen Neu-Mitgliedern die Nachwahl einiger Aufsichtsräte in seine Richtung gelenkt haben soll. Laut der Opposition, Redlich spricht lieber von der "Gegenseite", seien Mitglieder nicht ordnungsgemäß zu der Versammlung geladen worden, zudem hätten Nicht-Mitglieder an den Abstimmungen teilgenommen. Deshalb sei die Nachwahl des Aufsichtsrates, der laut Satzung für die Bestellung des Vorstandes verantwortlich ist, nichtig.

Verunsicherung bei den Spielern

Wer nun bei TeBe das Sagen hat, müssen wohl die Gerichte entscheiden. Sollte sich Redlich, dessen Nähe zur Mannschaft und zum Trainerteam für die neuen Bosse ein Problem sein könnte, zurückziehen, hätte das möglicherweise gravierende Auswirkungen auf die sportliche Entwicklung und den Kader. Von dem Geld, das er investierte, wurden auch die Fußballer der 1. Mannschaft bezahlt. Nun sind die Spieler verunsichert. Trainer Dennis Kutrieb verbat sich deshalb vor der Partie bei Tasmania den Kontakt zwischen den neuen TeBe-Chefs und seinen Akteuren. "Es war extrem große Unruhe. Die Mannschaft war geschockt", sagt Kutrieb: "Die Spieler haben Ängste und Befürchtungen. Sie sind sich nicht sicher, was hier jetzt gerade passiert und wie es weitergeht." Damit sind sie nicht allein.

Matthias Koch

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