Tennis

Nick Kyrgios: Der böse Bube, den so viele lieben

Nick Kyrgios im Porträt

Der böse Bube, den so viele lieben

Nick Kyrgios

"Bad Boy", Schelm, Zauberer: Nick Kyrgios unterhält die Tenniswelt - und sich selbst. Getty Images

Natürlich musste er auch im schönsten Moment der Woche wieder etwas anders machen, als es das Protokoll vorschreibt. "Moment", sagte Nick Kyrgios und zog sein türkis ummanteltes Handy aus der Hosentasche. Dann las er die Namen der Menschen vor, bei denen er sich bedanken wollte.

Grund dafür gab es massig nach dieser Woche in Washington. Was der 24 Jahre alte australische Tennis-Profi auch versuchte, es klappte. So auch im Finale gegen den favorisierten Russen Daniil Medvedev, seines Zeichens Neunter der Welt.

Manchmal hat man das Gefühl, Nick Kyrgios, das ewige Enfant terrible, passe seine oft riskante Spielweise ein Stück weit an das aktuelle Ergebnis an. Und dann doch wieder überhaupt nicht, so wie gegen Medvedev. Immer wieder kam diesem begnadeten Tenniskünstler der Gedanke, dass er ja auch Schläge hinter dem Rücken beherrscht, Schmetterbälle aus dem Sprung heraus, angetäuschte Stops. Ob 30:30, ob kritischer Moment im Match? Egal.

Typen wie ihn gibt es nur noch wenige

Einmal fiel der Ball dann eben plump ins Netz, sodass Punkt und kurz darauf auch Aufschlagspiel an Medvedev gingen. Kyrgios zeigte äußerlich keine Regung. Schließlich gewann er mit dem knappestmöglichen Ergebnis nach zwei Sätzen, jeweils 8:6 im Tiebreak, den sechsten Titel seiner Karriere.

Nick Kyrgios

Die Dankesrede vom Handy abgelesen: Kyrgios hegt immer wieder einen Hang zum Außergewöhnlichen. imago images

Er wolle als Spieler wachsen, sagte der 1,93-Meter-Mann nach seinem Sieg im Interview auf dem Court und schob hinterher: "Und als Person." Geläutert klingende Töne eines Menschen, der gemeinhin als kaum erziehbar gilt - und den doch so viele Fans bewundern.

Kyrgios traut sich etwas. Er versteht seinen Beruf als Unterhalter, für den das Publikum gerne den oft teuren Eintritt auf der Tour berappt. Zur Riege dieses Spielertypus zählen nur noch wenige andere, Gael Monfils sei genannt, Dustin Brown, Benoit Paire. Bei ihnen beschleicht den Zuschauer regelmäßig der Eindruck, dass die unbändige Lust auf Show und Zirkus den Siegeswillen unterdrückt. Was nicht uneingeschränkt gut ist für einen Tennis-Profi.

Auch Boris Becker liebt es, ihm zuzusehen

Allein Kyrgios' erstes Match in Washington gegen den amerikanischen Qualifikanten Thai-Son Kwiatkowski lieferte Stoff für unzählige Highlight-Zusammenschnitte. Als ihm beim Stand von 4:3 und 30:0 im Auftaktsatz ein erster Aufschlag misslang, murmelte er gut hörbar: "Das war der schlechteste Aufschlag meines Lebens." Und feuerte fünf Sekunden später ein Ass hinterher, 219 Kilometer in der Stunde schnell. Mit dem zweiten Aufschlag.

Damit nicht genug. Bei 5:3 und 30:40 aus seiner Sicht baute Kyrgios völlig grund- wie ansatzlos einen "Tweener" ein, einen Schlag zwischen den Beinen hindurch - und errang den Punkt mit dem unmittelbar folgenden Rückhandwinner. "Fühlt ihr euch nicht gut unterhalten?", rief er im Laufe der Partie in sarkastischer "Gladiator"-Manier den Fans entgegen. Wenn er, der Zauberer, erst einmal in seinem Element ist, legt er meistens noch eine Schippe drauf: Einen Aufschlag von Kwiatkowski, beim Stand von 40:30 für den Außenseiter, returnierte Kyrgios mit einer solchen Wucht in die tiefe Vorhand, dass es nur so krachte. Einstand. Das Publikum feierte seinen Helden.

Nick Kyrgios

Lässig durch die Beine: Spektakuläre Einlagen sind im Falle des Australiers meist sichere Punkte. imago images

"Wir alle lieben es, dir dabei zuzusehen, wie du fokussiert, unterhaltend und entschlossen begeisterndes Tennis spielst", schrieb Boris Becker dem Australier am Montag per Twitter. Und dürfte damit vielen Fans aus der Seele gesprochen haben.

Eklats, Zwischenfälle - und Fair Play

Die aktuellen Granden dieses Sports hingegen achten Kyrgios zwar für seine sportlichen Fähigkeiten, nicht aber unbedingt für das Drumherum. Besonders mit Rafael Nadal geriet der Sohn eines Griechen - dessen Name mit einem stummen "g" ausgesprochen wird - zuletzt aneinander. In der zweiten Runde des diesjährigen Wimbledon-Turniers kam es zum Eklat, als Kyrgios den ans Netz geeilten und später siegreichen Spanier im wahrsten Sinne des Wortes abschoss. "Ihm fehlt es an Respekt", hatte Sportsmann Nadal seinen Gegner schon im Februar getadelt, nachdem seinerzeit das Match andersherum geendet hatte.

Er lässt John McEnroe wie einen Heiligen dastehen.

Ein YouTube-User über Nick Kyrgios

Schon einige Jahre zurück liegt der umso heftigere Zwischenfall mit Stan Wawrinka, den Kyrgios mit einer Aussage über dessen Freundin übel beleidigte und berechtigte Kritik von allen Seiten einsteckte. "Er lässt John McEnroe wie einen Heiligen dastehen", kommentiert ein User unter ein Video auf YouTube.

Dabei ist Kyrgios wahrlich kein grundsätzlich unfairer Sportler. So lässt er regelmäßig "Aus" gegebene Aufschläge seiner Gegner wiederholen, wenn sie seiner Ansicht nach die Linie berührten - oder gibt seinem Gegenüber direkt den Punkt. Geschehen in wichtigen Matches gegen etwa Alexander Zverev oder Roger Federer.

Lieber Parkett als Tenniscourt

Seine Lieblingsgegner stehen ohnehin selten auf der anderen Seite des Netzes, sie sind oftmals Stuhlschiedsrichter und manchmal sogar Fans. Ende März legte er sich während des Matches gegen Dusan Lajovic mit einem eigenwilligen Zuschauer an. Der zur Selbstironie neigende Kyrgios hielt ihm vor, an einem Sonntagabend ins Stadion zu kommen, um ihm beim Tennisspielen zuzusehen. "Hast du nichts Besseres zu tun?", fragte er höchst provokant.

Kyrgios hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er selbst lieber aufs Parkett geht, um sich im Basketball zu verbessern, als auf Gras, Sand oder Hartplatz Tennistraining abzuhalten. Mit Motivationsproblemen während mancher Matches ging er stets ebenso offen um. Dass diese Probleme zukünftig am besten gar nicht mehr auftreten, hoffen vor allem seine Anhänger, aber auch die Turnierdirektoren.

Nick Kyrgios

Privat spielt Kyrgios am liebsten Basketball - oder eben Tennis im NBA-Trikot. imago images

Noch geringer als Aufschlagtraining schätzt das Enfant terrible wohl nur Pressekonferenzen. Journalisten und "die Medien" erklärt Kyrgios regelmäßig zu seinen Lieblingsgegnern, weil sie ihn unfair behandeln würden. Sie wiederum wissen vor Medienrunden mit dem Australier nie, was sie geboten bekommen werden. Wird er sich wieder in einen Kapuzenpulli verkriechen, sich mit maximal ablehnender Körpersprache auf den Sessel im Medienraum lümmeln und einsilbige Antworten vor sich hin brummen? Kommt er in Erzähllaune? Oder gar in Angriffsstimmung?

Schuh-"Lieferdienst" samt Kniefall

Doch verzeihen ihm nicht nur die Journalisten seine Kapriolen und Ausfälle, anders als es die Tenniswelt mit weiteren "bösen Buben" auf der Tour wie Bernard Tomic oder Lukas Rosol tut. Warum erhält Kyrgios eine Sonderbehandlung? Es ist wohl diese spezielle Note, die der Klassenclown dem Tennissport geben kann, wenn er denn will.

Die "Underarm Serves", Aufschläge von unten, denen er aktuell eine Renaissance verschafft und damit nebenbei das Publikum amüsiert. Das unwiderstehliche Serve-and-Volley-Spiel, dem jüngst in Washington niemand etwas Wirksames entgegenzusetzen vermochte. Der unfassbare Antritt, mit dem der drahtige Australier auf den ersten Metern so schnell ist wie kaum ein anderer auf der Tour - und der ihn schier unerreichbare Bälle retten lässt.

Und natürlich seine Showeinlagen aller Art - während der Ballwechsel und abseits davon. Im Halbfinalduell, für das er sich an einer Tischtennisplatte mit Sechsjährigen vorbereitet hatte, rissen dem befreundeten Kontrahenten Stefanos Tsitsipas die Schnürsenkel. Dessen neues Paar Schuhe war allerdings nicht sofort einsatzbereit. Kyrgios verkürzte die Pause, indem er die neuen Schuhe von Tsitsipas' Betreuerteam von den Rängen abholte und sie dem Griechen grinsend mit dramatischem Kniefall servierte - zur Belustigung seines Kumpels und des gesamten Stadions.

Noch unterhaltend oder schon despektierlich?

Wie so oft balancierte der Australier aber auch in Washington auf der Grenze zwischen Show und Respektlosigkeit. In seinen drei letzten Begegnungen suchte sich Kyrgios bei eigenem Matchball jeweils jemanden aus dem Publikum aus und ließ sich diktieren, wohin er servieren solle - natürlich jedes Mal erfolgreich. Ist das noch unterhaltend oder schon despektierlich?

Im Viertelfinale gegen Norbert Gombos und im Halbfinale gegen Tsitsipas sprintete er gar noch vor dem obligatorischen Shakehands zum Zuschauer, um sich für den Tipp zu bedanken. Medvedev gegenüber brachte er immerhin nach dem Endspiel den Respekt entgegen, zunächst ihm selbst zu gratulieren. Vielleicht lernt sogar Kyrgios aus mancher Kritik.

Nick Kyrgios

Zum Dank eine Umarmung: Auch in heiklen Situationen bindet das Enfant terrible Fans mit ein - und revanchiert sich. Getty Images

Im Frühjahr dieses Jahres rutschte das vermeintlich ewige Tennistalent in der Weltrangliste aus den obersten 70 Plätzen, es schien ihn nicht einmal zu stören. Nun in Washington wirkte er frisch, wach, ehrgeizig. Seit Montag notiert ihn die ATP immerhin wieder auf Rang 27.

Talent ist unfair unter Sportlern verteilt. Nur wenige haben so viel Ballgefühl und Athletik in die Wiege gelegt bekommen wie Nicholas Hilmy Kyrgios. Umso mehr Menschen bescheinigen ihm seit Jahren, die kommende Nummer eins der Welt zu sein - wenn er nur wolle. Jetzt sieht es so aus, als hätte Nick Kyrgios mal wieder einen Schritt in die richtige Richtung gesetzt.

Paul Bartmuß