Zwischen Schwankungen, neuem Stadion und "Rebrand"

Über Schweinsteiger und warum Chicago trotzdem in der Klemme steckt

Chicago Fire

Chicago Fire: Auch im Stehblock klaffen Lücken. Getty Images

Diese Sendung gefiel 97 Prozent der Nutzer. Starttermin von Staffel 8 steht, neuer Charakter enthüllt. Und: Wird Lisseth Chavez die Nachfolgerin von Jon Seda?

Ähm... Was?

Ach so, ja: Das waren ein paar Anmerkungen und Seiten-Vorschläge, die Google beim Suchbegriff "Chicago Fire" über die ersten zwei Seiten ausspuckt. Zwischendurch erscheint noch eine Anzeige vom Chicago Fire Department (es gibt tatsächlich einen Online-Shop vom Chicago Fire Department), und irgendwann, nach dem dritten Mal weiterklicken, wirbt (endlich) der Chicago Fire Soccer Club für "2019 Single-Game Tickets". Dann kommen wieder Mützen und Basecaps mit Feuerwehrmännern drauf.

Was jetzt der Punkt ist? Moment.

Der Punkt ist: Los Angeles Galaxy bedeutet Fußball (also Soccer), bedeutet David Beckham und Zlatan Ibrahimovic, ein bisschen Glamour und Glitzer. Seattle Sounders steht für Titelfavorit, laustarke Fans und verrückte Vorsänger. Atlanta United und Los Angeles FC verkörpern die neue Idee von Fußball in der Major League Soccer.

Und Chicago Fire? Das ist (laut Google) zunächst mal eine Fernsehserie. Dann ein lokaler Löschzug. Und dann ein Fußballklub, bei dem schon länger vieles schiefläuft; zu dem die wenigsten Zuschauer kommen, auch weil Bahn- und Busfahrer vor Herausforderungen gestellt werden; und ein Klub, bei dem ein deutscher Weltmeister seine Karriere dann doch eher ausklingen lässt.

Bastian Schweinsteiger

Kann nur selten zufrieden sein: Bastian Schweinsteiger. Getty Images

"Er nimmt es immer noch sehr ernst", sagt Jeremy Mikula, Fire-Reporter für die "Chicago Tribune", dem kicker und meint damit natürlich Bastian Schweinsteiger. Das war noch bevor der Ex-Bayer am Wochenende in den Schlussminuten den 3:2-Siegtreffer gegen Montreal besorgte.

Mit jetzt 30 Punkten aus 26 Spielen liegt Chicago trotzdem noch am unteren Tabellenende der Eastern Conference, so wie auch zum Ende der vergangenen Saison. Drei Spiele hat das Team von Trainer Veljko Paunovic in den letzten drei Monaten gewonnen, zuletzt zwei in Folge und auswärts vor einer Woche das allererste (1:0 in Houston). Zum zweiten Mal in Folge wird es eng im Kampf um die Play-offs; auch wenn die jüngsten Erfolgserlebnisse die Ausgangslage erheblich verbessert haben.

Und Schweinsteiger? Der wurde vor ungefähr anderthalb Jahren zum Innenverteidiger umfunktioniert. "Das hat er wirklich gut angenommen", findet Mikula. Nur die Torgefahr - Schweinsteiger traf in seinen ersten beiden Spielzeiten zusammen siebenmal, fast immer als zentraler Mittelfeldspieler - hat seitdem gelitten (nicht wahr, Montreal?). Gesundheitlich gibt es beim inzwischen 35-jährigen Ex-Nationalspieler kaum Beschwerden. Lediglich zwei Ligaspiele fanden ohne Schweinsteiger statt, eins davon aufgrund einer Gelbsperre. Zuletzt war er sogar Kapitän.

Doch der ganz große Hype, den es am Anfang noch gab, ebbt peu à peu ab. "Spieler eines solchen Kalibers kommen nicht häufig in deine Stadt", spricht Mikula für die Fans. "Auf jeden Fall sind die Besucherzahlen am Anfang, als Schweinsteiger geholt wurde, deutlich angestiegen." Sie waren sogar so hoch wie seit 2005 nicht mehr, in Chicagos letzter Saison vor dem Umzug ins außerhalb gelegene SeatGeek Stadium nach Bridgeview.

Vorher hatten die Fire jahrelang (bis 2001 und von 2003 bis 2006) im Soldier Field gespielt, der über 60.000 Zuschauer fassenden Kathedrale der Chicago Bears. Dort waren in der damals noch zwölfköpfigen MLS durchschnittlich die drittmeisten Fans erschienen, knapp über 17.200. Sie feierten eine Meisterschaft (1998) und drei Pokalsiege (1998, 2000, 2003).

Bastian Schweinsteiger

Debüttor: Schweinsteiger im April 2017 gegen Montreal. Getty Images

Im März 2017 kam Schweinsteiger - und traf in seinem ersten Spiel gegen Montreal (2:2) gleich nach 17 Minuten. Das SeatGeek Stadium, für 20.000 Zuschauer und rund 130 Millionen Dollar erbaut, besuchten in der gesamten Spielzeit im Schnitt in etwa 150 Fans mehr als das Soldier Field in 2005. Und sie bekamen etwas geboten: Chicago und Schweinsteiger gewannen nach dem Auftaktremis neun Heimspiele in Folge, insgesamt 16-mal in der Saison, und zogen zum vorerst letzten Mal in die Play-offs ein.

Rund zweieinhalb Jahre nach "Schweinis" Debüt ist die Situation eine ganz andere. Chicago hat seit dem Play-off-Aus in jener Saison gegen die New York Red Bulls (0:4) in über anderthalb Spielzeiten zusammengerechnet nur 15 Siege geholt, die Fans schreckt es mehr und mehr ab. Schon in der vergangenen Spielzeit war der Zuschauerschnitt auf 14.806 gesunken, 2019 auf dramatische 11.715. Das ist der schlechteste Wert in der inzwischen 24-köpfigen Liga.

Allerdings stecken hinter dem Zuschauerschwund nicht nur sportliche Gründe, auch daran trägt das Franchise eine große Mitschuld. Seit mehr als zehn Jahren, kurz nachdem Andrew Hauptman Mehrheitseigner wurde, streiten sich Klubführung und Fans. In einem inzwischen gelöschten Leitartikel auf der offiziellen Fire-Website war damals sogar offen die Einstellung einiger Anhänger hinterfragt worden. Im letzten Jahr wurde der "Sector Latino", eine anerkannte Fangruppierung, nach langem Hin und Her wegen angeblicher Gewaltakte aus dem Stadion verbannt, die Dauerkarten entzogen. "Ihr alter Abschnitt in der südwestlichen Ecke des Stadions ist mit einem Banner bedeckt", sagt Mikula.

Der

Nicht mehr erwünscht: Der "Sector Latino". Getty Images

Hinzu kommt das eigentlich größte Problem: Das SeatGeek Stadium in Bridgeview ist rund 15 Meilen entfernt von Downtown Chicago, mit dem Auto dauert eine Fahrt leicht 30 Minuten. In dieser Zeit würde man zu Fuß das Soldier Field erreichen, direkt am Lake Michigan gelegen. Problematisch wird es beim SeatGeek Stadium mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, denn die CTA Orange Line hält auf halber Strecke, von dort aus sind es immer noch fünf Meilen zum Stadion, und Busse fahren nur unregelmäßig. "Es ist wirklich schade", meint Mikula, "denn wenn das Stadion mal voll ist", was seit Jahren nicht mehr vorkam, "ist die Atmosphäre wirklich beeindruckend."

Das Problem mit der Location hat Chicago nicht exklusiv, auch der New York City FC (spielt seither im Yankee Stadium in der Bronx) und die New England Revolution (Gillette Stadium, näher an Downtown Providence als an Boston gelegen) sind auf der Suche. Doch nur im Fall der Fire wählt MLS-Commissioner Don Garber so drastische Worte: "Das Stadion ist am falschen Ort gebaut worden, aber das ist niemandes Fehler."

Die vorübergehende Lösung scheint zumindest gefunden: Für 65,5 Millionen Dollar wird der noch bis 2036 laufende Pachtvertrag aufgelöst und der Klub kehrt ab der kommenden Saison vom SeatGeek Stadium, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist, zurück ins Soldier Field. Ein besser zugängliches Stadion soll wieder mehr Fans locken. Diesen Weg geht heute fast jedes MLS-Team: Der Los Angeles FC spielt seit 2018 im Banc of California Stadium, nur knapp zehn Minuten von Downtown L.A. entfernt. Der FC Cincinnati baut sein neues West End Stadium nur eine Meile außerhalb vom Kern der Innenstadt.

SeatGeek Stadium

Tristesse: Ins SeatGeek Stadium kommen kaum noch Zuschauer. Getty Images

"I am a big believer", sagt Commissioner Garber über den Standort Chicago. Also sobald es auch wieder um Chicago geht und nicht um Bridgeview. Der Klubführung geht es nicht anders, obwohl mit dem Umzug laut Fire-Präsident und General Manager Nelson Rodriguez auch gleich ein kompletter "Rebrand", ein Neuanfang, einhergehen könnte. Wie groß oder klein der ausfällt, sprich Namens- oder Logoänderung, ist nicht klar. Neu wäre auch das in der MLS nicht: Sporting Kansas City hieß vorher Kansas City Wizards. Columbus Crew hat den Namen behalten, dafür aber das Logo geändert. "Wir müssen diesen Prozess beschleunigen", erklärte Rodriguez. "Wir müssen mit mehr verschiedenen Wählern sprechen und ein wenig mehr recherchieren, bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen."

Natürlich würde auch ein Rebrand, inwieweit er dann umsetzbar ist, bei den ohnehin schon gereizten Anhängern nicht nur auf offene Ohren stoßen. Der Name und das Logo bedeuten den Menschen viel. "Das zu ändern", warnt Fire-Experte Mikula, "könnte für den Klub wirklich nach hinten losgehen." Na klar, es gehe um Business, und Emotionen sollten keine Rolle spielen, "aber Emotionen machen den Sport doch erst so speziell und sorgen dafür, dass sich die Leute mit dem Klub identifizieren".

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Im Video: Später Schweinsteiger-Kopfball ins Glück

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Das macht Schweinsteiger ja auch. "Ich liebe es, Teil des Klubs zu sein und wir (seine Frau Ana und er, d. Red.) schätzen es, wie uns die Stadt mit offenen Armen empfangen hat." Das hatte der Ur-Münchner im November 2018 bei seiner Vertragsverlängerung, seiner zweiten, gesagt und erneut für ein Jahr unterschrieben. Macht er das nochmal? Schweinsteiger erklärt auf kicker-Nachfrage über seine Münchner Agentur, was er auch der ARD vor einigen Wochen sagte: "Normalerweise mache ich es immer so, dass ich mich im Herbst entscheide, wie es weitergeht."

Wenn die Situation und das Geld stimmen, prognostiziert Mikula, "dann bleibt er noch mindestens ein Jahr". Aber wie ist die Situation dann? Was passiert nächste Saison? Wann soll ein Stadion gebaut werden? Findet ein Rebrand statt? Wenn ja, wie? Und machen die Fans mit? Kommen ins Soldier Field wieder mehr Zuschauer? Und wie verbessert sich das Team?

Aktuell steckt Chicago, trotz der kleinen Erfolgsserie, in der Klemme. Währenddessen geht die Fernsehserie in ihre achte Staffel.

Mario Krischel

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