Emotionaler Tour-Sieger

Bernal: "Danke, das ist für Kolumbien"

Egan Bernal

Im Kreis der Familie: Egan Bernal mit seiner Verlobten. Getty Images

Zuvor hatte er seine Mutter Florites umarmt und ihr liebevoll die Stirn geküsst, dann herzte der Gesamtsieger der 106. Tour de France seine Verlobte Xiomara. Die emotionalen ersten Momente nach dem Gewinn des wichtigsten Radrennens der Welt verbrachte der zurückhaltende Kolumbianer in der Nähe seiner Liebsten.

Kurz darauf bestieg der erst 22-jährige Bernal im Gelben Trikot das Podest auf den Champs Elysees in Paris - und teilte den Erfolg mit der Welt.

Für das Radsport-Wunderkind war es der krönende Abschluss seiner "Tour d'Honneur", die er auf der Schlussetappe am Sonntag mit Champagner eröffnet hatte. "Es ist ein schönes Gefühl, ich bin sehr stolz. Kolumbien hat es verdient", sagte Bernal, der als erster lateinamerikanischer Fahrer das Maillot jaune nach Paris trug: "Ich möchte das mit meiner Familie auskosten und dann erst einmal nach Hause. Ich war lange nicht mehr dort. Ich brauche Zeit, um all das zu verarbeiten."

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Doch nicht nur Bernal zählte zu den großen Gewinnern: Im warmen Licht der Pariser Abendsonne sagte auch Emanuel Buchmann als Gesamtvierter der Tour hochzufrieden Adieu. "Man hat schon ein bisschen Gänsehaut", sagte Buchmann: "Das Ergebnis ist sehr wertvoll. Ich bin drei Wochen ohne Fehler durchgekommen."

Dass die Tour 2019 aus deutscher Sicht trotz fehlender Tagessiege ein Erfolg war, lag nicht zuletzt an ihm. Der 26-Jährige vom Team Bora-hansgrohe stieß in den vergangenen drei Wochen endgültig in die Weltspitze vor und sorgte für die beste Platzierung eines Deutschen seit 13 Jahren.

Ich brauche noch ein bisschen, bis ich realisiert habe, wie gut ich hier gefahren bin.

Emanuel Buchmann

"Ich brauche noch ein bisschen, bis ich realisiert habe, wie gut ich hier gefahren bin", sagte Buchmann und versicherte: "Ich bin noch nicht am Ende!" Zum guten Abschneiden der deutschen Bora-Mannschaft trug auch der Slowake Peter Sagan maßgeblich bei, der zum siebten Mal das Grüne Trikot gewann. Sagan ist nun vor Erik Zabel (sechs Siege) alleiniger Rekordhalter in der Punktewertung.

Greipel Sechster in Paris

Andre Greipel sprintete am Schauplatz seiner größten Karriereerfolge dagegen am Happy End vorbei, kam aber immerhin als Sechster ins Ziel. Die Große Schleife endete somit erstmals seit 2010 ohne deutschen Etappensieg. Der in diesem Jahr glücklose Alt-Star Greipel, der den Prestigeerfolg auf den Champs-Elysées schon zweimal gefeiert hatte, war im finalen Massensprint beim dritten Tagessieg des Australiers Caleb Ewan (Lotto-Soudal) abermals chancenlos.

Auf dem Weg ins Herz der französischen Hauptstadt hielt sich Bernal auf der 128 km langen Schlussetappe ans Protokoll. Kurz nach dem Start gönnte er sich zwei Gläser Schampus, mit seinen Ineos-Teamkollegen stieß er an und posierte vor den Begleitmotorrädern stolz für Fotos.

Nach der traditionellen Einrollphase, in der auch die verbliebenen deutschen Fahrer Zeit für ein Schwätzchen fanden, entbrannte auf den letzten der insgesamt 3365,8 Kilometer seit dem Tour-Start in Brüssel eine Hatz um den letzten Tagessieg.

Ausreißer wie der Kölner Nils Politt (Katusha-Alpecin) versuchten ihr Glück, waren gegen die Übermacht der Sprinterteams aber chancenlos. Bernal blieb stets im Windschatten seiner Ineos-Mannschaft. Attackiert wurde sein Gelbes Trikot wie üblich nicht mehr. "Es war ein schönes Erlebnis, ich habe es genossen", sagte der deutsche Tour-Debütant Lennard Kämna über das Ende seiner gelungenen Premiere.

Egan ist dazu geboren, Berge raufzustürmen. Ihm steht eine wunderbare Zukunft bevor.

Vorjahressieger Geraint Thomas

Der geschlagene Thomas, der im Vorjahr die Siegesserie seines Teamkollegen Chris Froome beendet hatte, ertrug den zweiten Rang mit Stil. Der Waliser prostete Bernal anerkennend zu und würdigte ihn auch mit Worten: "Egan ist dazu geboren, Berge raufzustürmen. Ihm steht eine wunderbare Zukunft bevor."

Den Grundstein für seinen Erfolg hatte Bernal im Wetterchaos der abgebrochenen 19. Etappe am Freitag gelegt, als er als Erster die zum Ziel umfunktionierte Passhöhe des Col d'Iseran auf 2770 m erreicht hatte. Ernsthaft verteidigen musste Bernal die Gesamtführung nur am Samstag. Auf der ebenfalls verkürzten 20. Etappe zur Bergankunft in Val Thorens ließ der Südamerikaner nichts anbrennen.

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