26-jähriger Ravensburger ein Sieger-Kandidat für Rundfahrten

Buchmann: Himmelsstürmer mit großer Bodenhaftung

Emanuel Buchmann

In der Weltspitze angekommen mit Luft nach oben: Emanuel Buchmann überzeugte bei der Tour de France dauerhaft. imago images

Im Gegenteil: Der gebürtige Ravensburger, mit der perfekten Kletterfigur von 62 Kilogramm, die sich auf 1,81 Meter verteilen, hat gewonnen - für sich, für seine deutsche Equipe Bora hansgrohe und für den deutschen Radsport.

Die große Sehnsucht nach Ullrich

Der 26-Jährige hat mit der besten Platzierung eines Deutschen seit 13 Jahren die Sehnsucht der deutschen Radsportfamilie nach einem Rundfahrer gestillt, der bei der Tour in der Endabrechnung ganz vorne landen kann. Seit den Zeiten eines Jan Ullrich, der 1997 als erster und bislang einziger Deutscher das bedeutendste Radrennen der Welt gewann, ist diese Sehnsucht groß.

Dass Deutschland seit dem zweiten Tour-Gesamtrang von Andreas Klöden im Jahr 2006 immer wieder Sprinter, Zeitfahrer und Klassikerspezialisten von Weltklasseformat hervorgebracht hat, konnte daran nichts ändern. Als vor zwei Jahren die Tour in Düsseldorf startete, sah der viermalige Weltmeister im Einzelzeitfahren Tony Martin den deutschen Radsport nach düsteren Doping-Zeiten auf einem klar aufsteigenden Ast, betonte damals aber in einem Interview mit dem kicker auch, was ihm noch fehlte, um "richtig durchzustarten": einen Weltklasse-Rundfahrtspezialist.

Nach diesem fahndete man in Deutschland seit Ullrich mit einer Inbrunst, die an Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten war. Einerseits war Ullrich seit seiner nachweislichen Verbindung zum chemischen Beschleuniger Eufemiano Fuentes und seinem daraus resultierenden Tour-Ausschluss im Jahr 2006 ein gebrandmarkter Doper, andererseits wurde jeder junger deutsche Fahrer, der bei Rundfahrten den Kopf ein wenig herausstreckte, als möglicher Ullrich-Nachfolger gehandelt.

Eine Last, an der etlichen Karrieren zerbrachen, beziehungsweise zerbrechen mussten. Denn Jan Ullrich war, Doping-Vorwürfe hin oder her, eine absolute Ausnahmeerscheinung, ein sogenanntes Jahrhunderttalent - darüber herrscht in der Fachwelt ebenso Einigkeit wie bei der Ansicht, dass Ullrich zu wenig aus seiner Begabung machte.

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Von Brüssel bis in die Alpen: Buchmanns Ritt auf Rang vier

Vergangenheit, und doch mitunter Gegenwart: Auch Emanuel Buchmann wurde als erkennbar starker Bergfahrer in den Anfängen seiner Karriere einst mit dem Ullrich-Vergleich konfrontiert - ohne dass er ihn hatte belasten können. Der brutal geerdete, eher introvertierte Ravensburger betonte stets, dass er Emanuel Buchmann sei, und dass er sich einzig und alleine auf sich konzentriere müsse. Heißt: konsequent an sich und seinen Schwächen arbeiten.

Vuelta statt Tour 2018: Eine Nicht-Nominierung mit Erfolg

Machte er - ebenso wichtig war und ist, dass er mit der in Oberbayern beheimateten deutschen Equipe einen passenden Partner gefunden hat. Dessen Manager Ralph Denk hat Buchmann konsequent, aber auch mit der notwendigen Geduld gefördert wie gefordert. Siehe ein Beispiel aus der vergangenen Saison: Da nahm Denk Buchmann bewusst nicht ins Aufgebot für die Frankreich-Rundfahrt, er beorderte seinen Schützling nach den Plätzen 21 im Jahr 2016 und 15 im Jahr 2017 bei der Tour zur Vuelta, und zwar als Kapitän. Eine Maßnahme, die damals nicht alle verstanden, und die im Nachhinein dem stillen Buchmann auch von seiner Persönlichkeit her stärker machte. Dass er mit Gesamtrang 12 sein angestrebtes Ziel, unter den ersten Zehn zu landen, verfehlte, schien zunächst ein Rückschlag - und doch brachte er ihn weiter, weil er die richtigen Schlüsse daraus zog und sein Training dementsprechend danach ausrichtete und um Nuancen veränderte.

20 Etappen und kein "jour sans"

Bislang ist es ohnehin ein Merkmal seiner Karriere gewesen, dass er sich jedes Jahr hat steigern können. In den Monaten vor der Tour ist er so konstant wie nie auf hohem Niveau gefahren und zudem die Anstiege hinauf mit mehr Explosivität und Angriffslust. Somit wunderte sich auch niemand über sein Ziel, bei der extrem berglastigen Tour unter den ersten Zehn zu landen. Schien schlüssig und machbar, auch weil er sich im Zeitfahren verbessern konnte. Die einzige Frage, die sich stellte: Würde er in den drei Wochen erstmals ohne jour sans, also einen schwachen Tag, auskommen?

Ist er, und damit nicht genug: Bei allen wichtigen Etappen hat er nervenstark wie souverän eine entscheidende Rolle eingenommen. So gesehen ist seine souveräne Gesamtvorstellung dann doch ein Stück weit überraschend, die wiederum Hoffnung auf noch mehr macht. Gregor Mühlberger, einer seiner wichtigsten wie stärksten Helfer, hat schon mal prophezeit, dass Buchmann in den nächsten Jahren die Tour gewinnen kann. Was der 26-Jährige dazu sagt? Er spricht erst einmal von einem "sehr geilen Ergebnis", das das Optimum darstellt. Gleichzeitig sieht er aber auch noch Luft nach oben. Klar, er ist erst 26 Jahre alt und er hat sich bisher stets verbessern können - hinzukommt als weiterer Pluspunkt, dass er wie auch sein ganzes Umfeld, vom Team wie seiner Familie her, ganz und gar des Abhebens unverdächtig ist.

Das sind schon mal prima Vorrausetzungen, wobei eines auch klar ist: Buchmann ist in der absoluten Weltspitze angekommen, jede weitere noch so kleine Steigerung muss brutal hart erarbeitet werden und ist alles andere als selbstverständlich. Nicht zu vergessen, dass der diesjährige Tour-Sieger Egan Bernal erst 22 Jahre alt ist und damit erst am Beginn seiner Karriere steht. Kurzum: Bitte keine allzu überzogene Erwartungen, nicht dass bei Buchtmann irgendwann nur ein Sieg zählt.

Deutschland sollte sich vielmehr über seine Leistung freuen und auch darüber, wieder einen solchen Rundfahrer zu haben. Und auch darüber, dass der Ravensburger nicht der einzige positive Aspekt gewesen ist. Man nehme Lennard Kämma, der bei seinem Tour-Debüt seinen Ruf, ein großes Rundfahrt-Talent zu sein, eindrucksvoll unter Beweis hat stellen können. Der 22-Jährige, der für den in den Niederlanden beheimateten und mit einer deutschen Lizenz fahrenden Rennstall Sunweb in die Pedale tritt, könnte in den nächsten Jahren zur nächsten deutschen Rundfahrgröße werden, auch wenn der Weg dorthin noch weit ist.

Sagan vor dem siebten Streich

Oder der beeindruckende Auftritt des gesamten deutschen Teams bora hansgrohe, der neben Buchmanns 4. Platz auch dafür sorgte, dass ein Stück Radsportgeschichte geschrieben werden konnte: Peter Sagan, Sprintstar der Oberbayern, gewinnt als erster Fahrer überhaupt das Grüne Trikot zum siebten Mal seit 2012.

Chris Biechele

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Die Bilder zur Tour: Fan-Spektakel, Badespaß und Wetterchaos