Der FIA-Präsident zu aktuellen Fragen

Jean Todt: "Deutschland sollte einen Grand Prix haben"

Jean Todt

Ist die Formel 1 mittlerweile für zu kompliziert? FIA-Präsident Jean Todt gibt den Kritikern durchaus recht. imago images

Dass Mick Schumacher für ein paar Demonstrationsrunden den 2004er Ferrari seines Vaters Michael, eines bis heute engen Freundes von Jean Todt, fuhr, lässt den Franzosen überraschenderweise seltsam unberührt: "Ganz ehrlich, ich habe viele Erinnerungen an dieses Auto. Aber es weckt jetzt keine zu großen Emotionen in mir. Ich wünsche Mick eine großartige Zukunft. Er ist ein prima Junge, er liebt den Rennsport, und ich hoffe, er wird seine Arbeit genießen und Erfolge haben."

Kein Verständnis hat Todt für Träumereien jenseits aller Realität, "wenn ich etwa Diskussionen wie hier am Wochenende mitbekomme, dass Leute über die moderne Formel 1 und die Nordschleife sprechen". Man müsse erkennen, "dass vor 30, 40 Jahren Dinge im Motorsport möglich waren, die heute nicht mehr möglich sind".

Nachvollziehen kann er die Kritik, wonach die Formel 1 stellenweise inzwischen zu kompliziert geworden ist. "Da stimme ich zu", sagt Todt, "bei Straßenautos müssen wir darauf achten, so viel wie nur möglich an Fahrerhilfen einzubauen." Im Rennauto jedoch seien Fahrhilfen und ausufernde Elektronik unnötig, "da haben wir Champions, Athleten, echte Sportler". Und den Zuschauern, ergänzt Todt, "ist es egal, was im Auto steckt. Sie lieben den Lärm oder auch nicht, aber sie wissen nicht, ob es im Auto Traktionskontrolle gibt oder nicht. Sie wollen eine Show sehen, spektakuläre Autos." Allerdings legt er Wert auf eine Einschränkung: "Die Autos sind einfach zu kompliziert. Da müssen wir den Ingenieuren einen klaren Auftrag erteilen und ihnen sagen, was wir von ihnen erwarten. Das aber wird mit den enormen technischen Möglichkeiten, die sie haben, sofort wieder interpretiert. Das Ergebnis sind dann erstaunliche, wunderschöne Monster, die wir aber gar nicht bräuchten, um eine gute Show zu bieten."

Als ehemaliger Teamchef von Ferrari in den Jahren von 1993 bis 2007 verfolgt Jean Todt auch aus neutraler Position heraus das Geschehen bei der Scuderia mit spezieller Aufmerksamkeit. Wie sieht er Sebastian Vettels aktuelle Situation? "Er ist ein sehr guter Fahrer, einer der besten weltweit. Er hatte nicht immer die beste Technik zur Verfügung, die es ihm erlaubt hätte, so durchgängig an der Spitze zu fahren, wie er es eigentlich kann. Und er hat jetzt einen äußerst talentierten Teamkollegen, der ihm das Leben schwermacht. Aber er ist ein Mensch und keine Maschine. Auch er darf Fehler begehen, wenn er unter starkem Druck steht. Als Fahrer und Person respektiere ich ihn sehr", sagt Todt, kritisiert aber Vorkommnisse wie etwa in Kanada, als Vettel nach seiner Zeitstrafe und dem verlorenen Sieg gegen Hamilton im Parc fermé die Schilder mit dem Rennergebnis neu sortierte: "Ich liebe nicht immer seine Emotionen, versuche aber, deren Ursache zu verstehen."

Wie es ist, Ferrari aus einer Krise zu führen, hat vermutlich niemand eingehender erlebt als Jean Todt. "Als ich dort 1993 anfing, befand ich mich beim mystischten Hersteller der Welt. Es ging darum, eine ikonische Organisation neu aufzubauen. Das kostete einfach Zeit und war nicht innerhalb eines Jahres zu erreichen. Es gelang uns, daraus wieder eine sehr starke Organisation zu formen, eine Mischung aus Menschen und Möglichkeiten." Vermutlich gerade weil es seinerzeit gelang, Ferrari zu einem Seriensieger mit fünf Fahrertiteln in Folge zu machen, hält Todt höchstes Lob bereit für die derzeitige Dominanz von Mercedes: "Erfolg zu haben in der Formel 1 ist etwas Extremes. Und deshalb habe ich so viel Respekt vor dem, was Mercedes tut. Alles zusammenzubringen und dann zusammenzuhalten, einfach alles auf dem besten Level zu halten, das erklärt ihren Erfolg. Das zu sagen, ist leicht, es zu tun, ist sehr schwer."

Für die deutschen Fans, die immer noch darauf hoffen, Hockenheim werde auch 2020 im Kalender verbleiben, hat Todt Sympathie, aber keine Lösung: "Ich verspüre sehr stark, dass Deutschland, vermutlich das Land mit dem besten Verständnis für Autobau, einen Grand Prix haben sollte." Was schön klingt, scheitert aus seiner Sicht an der Realität: "Einen Grand Prix zu beherbergen, kostet Geld. Wenn die Leute nicht das bezahlen können, was bezahlt werden muss, dann gibt es wenig, was wir da tun können."

Bleibt am Ende die Frage, ob die Formel 1 eine über die derzeit schon verwendete Hybrid-Technik hinausgehende Elektrozukunft hat. Todt ist skeptisch: "Mit einem modernen elektrischen Straßenwagen kann man kaum mehr als 300 Kilometer am Stück fahren. Kann man sich da vorstellen, das mit einem Formel-1-Auto zu tun? Das Maximum wären vielleicht 100 Kilometer. Die Formel 1 ist aber unverändert die Spitze des Motorsports, auch mit Hybrid, das für mich die beste Lösung gewesen ist, selbst wenn sie uns einige Probleme eingebracht hat, beginnend beim Gewicht bis hin zur Komplexität. Als wir dieses Reglement eingeführt haben, war das eine visionäre Entscheidung." Wird es eines Tages eine voll elektrisch betriebene Formel 1 geben? Antwort Jean Todt: "Da werde ich dann schon tot sein."

Stefan Bomhard