Porsche stellt den neuen 911 RSR vor

Pausen? Kinderkrankheiten? Alles nicht mehr erlaubt

Stolz präsentiert Porsche in Barcelona sein neues Langstreckenfahrzeug.

Stolz präsentiert Porsche in Barcelona sein neues Langstreckenfahrzeug. Porsche

Okay, legen wir vor unserem inneren Auge die folgenden Teile einfach mal sauber auf einem Hallenboden aus: Frontscheinwerfer, Bremsen, Kupplung, Fahrersitz und Aufhängung. Den Rest, den es benötigt, um drumherum ein 515 PS starkes GT-Auto zu bauen, das den gerade im Frühsommer erst errungenen WM-Titel verteidigen soll, müssen wir uns nun dazu denken. Ein Ding der Unmöglichkeit für Laien, ein Auftrag an hochrangige Konstrukteure, und am Ende ein Meisterwerk: der neue Porsche 911 RSR.

Er trägt die Hoffnungen der Sportwagenschmiede aus Weissach in der neuen Langstrecken-WM-Saison und den kommenden drei Jahren, er hat allen Beteiligten der um 20 Prozent vergrößerten Mannschaft in den letzten Wochen und Monaten keine Zeit zum Luftholen gelassen. Denn 95 Prozent des Fahrzeugs erschienen GT-Gesamtprojektleiter Pascal Zurlinden (37) und seinen vier Werksfahrern nicht mehr zeitgemäß nach drei Jahren mit Werkseinsätzen in der Langstrecken-WM (WEC), deren alljährlicher Höhepunkt zweifellos die 24 Stunden von Le Mans sind, und der US-amerikanischen IMSA-Serie, die auf dem weltweit wichtigsten Absatzmarkt der schwäbischen Traditionsmarke ausgetragen und derzeit von Porsche angeführt wird.

"Wir durften nicht schlafen", begründet Zurlinden die Neukonstruktion, "die Konkurrenten tun das auch nicht." Es ging, so der Elsässer, "im Wesentlichen um die Bereiche Fahrbarkeit, Effizienz, Standfestigkeit und Servicefreundlichkeit, bei denen wir erhebliche Fortschritte erzielt haben".

Zwei Jahre nahm dieser Prozess in Anspruch, und wie alle Rennfahrer, so sind auch die Porsche-Werkspiloten eigentlich nie zufrieden mit dem Rennwagen, den sie gerade pilotieren. Deshalb, so sagt es der österreichische WM-Dritte Richard Lietz (35), "haben wir Fahrer grundsätzlich eine lange Wunschliste. Wir haben auch diesmal nach viel gefragt - und viel bekommen".

Gesamtverantwortlich für die Konstruktion des Porsche 919 RSR: Pascal Zurlinden.

Gesamtverantwortlich für die Konstruktion des Porsche 911 RSR: Pascal Zurlinden. Porsche

Herzstück des unverändert 911 RSR genannten Rennwagens ist der neue, nun auf 4,2 Liter Hubraum vergrößerte Motor, der weiterhin dem Boxerprinzip folgt. Ein vollkommen neues Auspuffsystem leitet die heißen Gase nun seitlich aus und klingt für die Zuschauer deutlich gezähmter als bisher. Ganz anders die Innenakustik, denn der Austritt der Endrohre liegt knapp hinter dem Fahrersitz. Der Franzose Kevin Estre (30), Mitte Juni gemeinsam mit seinem dänischen Partner Michael Christensen (28) in Le Mans Weltmeister geworden in der GT-Pro-Kategorie, erklärt den Unterschied zu vorher: "Es ist durch den neuen Auspuff so laut im Auto, dass die Verständigung mit der Box anfangs nicht einfach war."

Derlei gilt noch nicht mal als echte Kinderkrankheit. Um die, sofern vorhanden, auszusortieren, trafen sich alle 30 für die WM 2019/20 eingeschriebenen Teilnehmer in den vier unterschiedlichen Kategorien zu Wochenbeginn auf dem Circuit de Catalunya nördlich von Barcelona zu zweitägigen Testfahrten. Wie auch die Formel 1 im Februar finden die Langstrecken-Spezialisten auf dieser Piste, die neben Hockenheim wohl im kommenden Jahr ihren Formel-1-Status einbüßen wird, ideale Testbedingungen vor. Und die Zeit drängt. Schon am 1. September startet im englischen Silverstone mit einem Vier-Stunden-Rennen die neue Saison, die mit den 24 Stunden von Le Mans im Juni 2020 enden wird.

Für Porsche versteckt sich in diesem eher ungewöhnlichen Auftaktdatum eine ganz besondere Herausforderung. In der zentralen Motorsportabteilung in Weissach gehen die Lichter kaum noch aus, denn es gilt, in gleich drei Serien werkseitig vertreten zu sein: der sich über das Kalenderjahr erstreckenden IMSA-Serie, der von September bis Juni reichenden Langstrecken-WM - und ab diesem Spätherbst erstmals auch in der Formel E, die Ende November startet und im Juli endet.

Vorbei die Zeiten, in denen der Motorsport zumindest im Winter eine (kleine) Pause einlegte. Dem Startrennen in der Formel E im saudi-arabischen Ad-Diriyah vor den Toren Riads folgt schon Mitte Dezember die zweite Station, voraussichtlich im marrokanischen Marrakesch. Am ersten Januarwochenende steht bereits die intensive Testphase für die 24 Stunden von Daytona im Kalender. "Zum Glück", seufzt da einer, "haben wir an Weihnachten noch kein Rennen."

Stefan Bomhard