Die Leidenschaft aus der Kurve statt dem Geld von Großunternehmen

St. Pauli will Millerntor-Anteile an Fans verkaufen

Millerntor

"Wir treffen den Nerv und den Zeitgeist": St. Pauli plant Anteile des Stadions an Fans zu vergeben. imago images

Nachdem die Idee, durch ein partizipatives Modell Anteile am Millerntor an Fans zu verkaufen, bei der letzten Jahreshauptversammlung erstmalig vorgebracht wurde, ist laut FCSP-Präsident Oke Göttlich "aus dem Mittelstreckenlauf für dieses Projekt jetzt der Endspurt geworden". Im Straßenmagazin "Hinz & Kunzt" bestätigten Göttlich und der scheidende Geschäftsführer Andreas Rettig das Vorhaben, bis zu 46 Prozent der "Millerntor Stadion Betriebsgesellschaft" per Genossenschaftsmodell zu vergeben. Derzeit werden noch Formalitäten wie die genaue Form der Beteiligung und steuerliche Aspekte diskutiert.

"Riesige Projektionsfläche für Visionäre und Utopisten"

Rettig zeigt sich erfreut über die positive Resonanz auf das Vorhaben: "Wir treffen da den Nerv und den Zeitgeist." Tatsächlich denkt der Kiezklub mit diesem Projekt den Fußball neu - anstatt sein Stadion von Großunternehmen finanzieren zu lassen und den Namen zu verkaufen, wogegen sich bereits bei der Jahreshauptversammlung 2007 die überwiegende Mehrheit der Mitglieder entschieden hatte, soll der Besitz des Stadions nun größtenteils sozialisiert und von Fans mitgetragen werden. Göttlich bezeichnet seinen Verein als "riesige Projektionsfläche für Visionäre und Utopisten" und erzählt von Unterhaltungen mit Genossenschaftswissenschaftlern, die sagten "Boah, wenn ihr so ein Modell macht, mit eurer Strahlkraft, dann könnte das auch einen Aufbruch mit sich bringen für eine Vergenossenschaftlichung bei ganz anderen Themen".

Der 43-Jährige ist andauernd auf der Suche nach "partizipativen Modellen, mit denen man was machen kann für diesen Verein" und freut sich "Themen wie dieses zu bewegen und auch als Erste zu besetzen, daran haben wir großes Interesse". Gerade in Zeiten, in denen sich der Volkssport immer weiter von den Fans distanziert, wirkt dieses Projekt wie ein Hoffnungsschimmer: Rettig, der sein Amt beim Zweitligisten ab Oktober niederlegen wird, fasst das Streben des kultigen Kiezklubs unter einem Motto zusammen, das in Verbindung mit dem visionären Weg der Stadionfinanzierung Fußballromantiker aus ganz Deutschland freuen dürfte: "Ein anderer Fußball ist möglich."

kon