Erst 14 und bald Großmeister

Kleiner Schach-Riese Vincent Keymer

Vincent Keymer

Ein außergewöhnlicher Spieler: Vincent Keymer. picture alliance

Für Vincent Keymer beginnt die "wunderbare Freundschaft" mit fünf Jahren. In Hannover, in der Zweitwohnung seiner Eltern, mit einer unscheinbaren Plastikfolie. Neugierig kramt er sie aus einem Schrank hervor. Aus der Rolle wird ein Quadrat, er sieht 32 weiße und 32 schwarze Felder. Neun Jahre und fast 700 Partien später ist er zum größten deutschen Schachtalent gereift. Wird der Junge mal Deutschlands zweiter Weltmeister? Gut möglich.

Aber noch ist es lange nicht soweit. Vincent ist 14 und geht aufs Gymnasium, nach den Sommerferien kommt er in die 11. Klasse. An freien Wochenenden trainiert er bis zu sechs Stunden am Tag. Er lernt schnell, wird immer besser, in seinem Sport ist er längst ein kleiner Geistesriese. An Schach denkt er täglich, und aus der Freundschaft ist mehr geworden.

"Aber Schach alleine ist nicht mein Leben!", sagt Vincent Keymer in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Da gibt es noch ganz viele andere Sachen. Vor allem die Schule. Aber ich brauche auch ein bisschen was zum Ausruhen, ich will mich mal austoben", erzählt der Teenager. "Im Garten Fußball spielen. Fahrrad fahren. Natürlich nimmt Schach viel Zeit ein - aber es ist nicht das ganze Leben."

Mit sechs Jahren gewinnt er die Internationale U8-Meisterschaft, mit zwölf wird er zum jüngsten Internationalen Meister, den Deutschland je hatte. Mit dem Turniersieg bei den Grenke Open in Karlsruhe bestätigt er im Vorjahr seinen Ruf als Jahrhundert-Talent. In diesem Jahr schreibt er bei dem Top-Turnier erneut Schlagzeilen: Dem Weltmeister Magnus Carlsen gibt er sich erst nach dem 81. Zug geschlagen - mit 6:45 Stunden seine bis dato längste Partie.

Am Champion aus Norwegen, der doppelt so alt ist wie er, schätzt Keymer dessen "enormes Wissen - ganz, ganz krass". Er selber müsse "erst mal noch ganz, ganz viel lernen, damit ich überhaupt überlegen kann und weiß, was mir noch endgültig fehlt".

In der U16-Rangliste des Weltverbandes FIDE ist der Teenager aus dem rheinland-pfälzischen Saulheim die Nummer 6 - in Europa liegt er schon auf dem Spitzenplatz. Zum Großmeister-Titel fehlen Keymer noch ein gutes Turnier und die dritte Norm-Punktzahl. Sein Trainer ist der ungarische Großmeister Peter Leko.

Jahrhundert-Talente gab es immer wieder, vor allem in der russischen Schachschule, doch manch Wunderkind ist danach auch wieder abgetaucht. "Von Wunderkind würde ich auch nicht sprechen, eher von Ausnahmetalent. Vincent ist eindeutig ein hervorragendes Nachwuchstalent, wie wir es noch nie hatten", sagte Klaus Deventer, Vizepräsident des Deutschen Schach-Bundes (DSB). "Neben Talent und Trainingsfleiß gehört ein gutes Umfeld dazu: Elternhaus, Trainer, Management. Und das hat er." Mit 14 spiele Vincent "sehr seriös und ernsthaft. Aber er muss noch was drauflegen."

Dass der junge Mann die Balance zwischen Schule, Schach und Freizeit, zwischen Kindheit und Öffentlichkeit findet - dafür sorgen auch die Eltern. Beide sind Musiker. Sie sprechen nicht gern über ihren hochbegabten Filius, schirmen ihn ab und halten ihm den Rücken frei. Die Mittelstufe hat Vincent in einem Förderprogramm für begabte Schüler in drei statt in vier Jahren durchlaufen. Er reist ja oft zu Turnieren und in Trainingslager. Das Gymnasium Nieder-Olm ist dann sehr großzügig mit Befreiungen für seinen wohl bekanntesten Schüler, der in der Bundesliga für die Schachfreunde Deizisau am Brett sitzt.

Schach ist sein halbes Leben, Freizeit bleibt genug. "So viel, wie ich will im Prinzip. Das kann ich meistens selbst regulieren", meint Vincent Keymer. Oft schwingt er sich auf sein Rennrad. "Fahrradfahren hat den großen Vorteil, dass ich immer losfahren kann, wann ich will, wann ich Zeit habe." Im Fußballverein ging das damals nicht.

Die geheimnisvolle Folie entpuppte sich einst als sein erstes Schachbrett, das war der Anfang, der Grundstein. "Eine wunderbare Freundschaft - ja, das kann man heute so sagen", meint Vincent Keymer. Man ahnt schon, dass es längst seine große Liebe ist.

dpa